Spektrum der Wissenschaft, 9/98, Jonathan M. Mann, Daniel J.M. Tarantola
AIDS - Die globale Bilanz
Allein im letzten Jahr haben sich fast sechs Millionen Menschen mit dem Aids-Erreger
infiziert. Unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen sind dem Virus oft am stärksten
ausgeliefert.
Nach mehr als zehn Jahren unerbittlichem Anstieg gingen 1996 die
AIDS-bedingten Todesfälle in den USA erstmals zurück. Ähnliches verzeichneten andere
reiche Nationen wie Frankreich, Großbritannien und die Bundesrepublik. Zu verdanken ist
dies offenbar hauptsächlich den neuen Behandlungsmöglichkeiten, die das
Human-Immunschwäche-Virus (HIV) in seiner Vermehrung im Organismus wirksam bremsen.
Leider sieht der globale Trend anders aus - besonders auch bei den Ansteckungsraten.
Eine HIV-Infektion ist eine meist über Jahre fortschreitende Erkrankung, die zunächst
relativ symptomlos verläuft und schließlich in AIDS, das erworbene
Immunschwäche-Syndrom, mündet. Die längst weltweite HIV-Pandemie setzt sich aus
Tausenden von Einzelepidemien unterschiedlicher Vehemenz zusammen. Besonders rasch breitet
sie sich in den Entwicklungsländern aus, wo die Mehrheit der Erdbevölkerung lebt. Nach
Angaben des AIDS-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS) haben sich seit den frühen
achtziger Jahren schätzungsweise mehr als 40 Millionen Menschen infiziert, fast 12
Millionen sind an den Folgen schon gestorben, und mindestens 8 Millionen Kinder verloren
dadurch ihre Eltern. Allein 1997 haben sich knapp 6 Millionen Menschen angesteckt - das
sind fast 16 000 täglich; außerdem erlagen rund 2,3 Millionen der Immunschwäche,
darunter 460 000 Kinder.
Hinter diesen alarmierenden Zahlen verbirgt sich unter anderem eine Reihe wirtschaftlicher
und sozialer Mißstände. Die Ressourcen zur Bekämpfung der Seuche sind seit jeher
ungleich verteilt. Obwohl mehr als 90 Prozent der HIV-Infizierten in der Dritten Welt
leben, entfallen auf sie weit weniger als 10 Prozent der globalen Ausgaben für Behandlung
und Prävention. Die neuen Kombinationstherapien mit jährlichen Kosten von mindestens 10
000 US-Dollar pro Patient konnten hier gar nicht zum Zuge kommen - die meist fehlende
Infrastruktur sowie die Finanzknappheit lassen keine solche Versorgung zu. Mit
Präventionskampagnen haben die Gesundheitsbehörden zwar offensichtlich die Ausbreitung
der Seuche in einigen wenigen Teilen der Dritten Welt verlangsamt, so mancherorts in
Uganda und Thailand, doch sind dies Ausnahmen; zumeist verschärft sich die Situation
zusehends.
Wie ein Flächenbrand breitet sich HIV in Schwarzafrika und Südostasien aus. Zwei Drittel
aller Infizierten, darunter ungefähr 90 Prozent aller betroffenen Kinder, leben in den
Ländern südlich der Sahara. In manchen Gegenden von Botswana und Swasiland sowie in
mehreren Provinzen Südafrikas ist jeder vierte Erwachsene Virusträger. In vielen Staaten
des Kontinents sinkt mittlerweile die Lebenserwartung, die seit den fünfziger Jahren
stetig gestiegen war. HIV wird in Schwarzafrika zwar überwiegend durch ungeschützten
heterosexuellen Geschlechtsverkehr übertragen, doch verschärft sich hier das Problem
noch durch kontaminiertes Spenderblut: Mindestens ein Viertel der jährlich 2,5 Millionen
Konserven, die in Afrika vorwiegend an Frauen und Kinder verabreicht werden, sind nicht
auf HIV getestet.
Schwerpunkte der Pandemie in Südostasien sind Thailand sowie Indien (mit etwa drei bis
fünf Millionen Infizierten). Mittlerweile grassiert sie auch in Burma und greift in
Vietnam und China um sich.
Ob arme oder reiche Nation - das epidemiologisch Bestürzende ist, daß innerhalb
geachteten Gruppen am stärksten von der Entwicklung betroffen sind. Oft verlagert sich
die Hauptlast einer Epidemie allmählich von der Gruppe, in der HIV zuerst auftrat, hin zu
denen, die schon in Zeiten vor AIDS sozial benachteiligt oder diskriminiert wurden - aus
ökonomischen, rassischen, religiösen, kulturellen oder politischen Gründen oder
einfach, weil es sich um das unterdrückte Geschlecht handelt. Unterprivilegierte Gruppen
haben im allgemeinen nur begrenzten Zugang zu medizinischen Informationen und
Dienstleistungen und sind wohl auch viel eher sexueller und anderer Ausbeutung ausgesetzt.
Und später, als Infizierte, dürfte es ihnen ebenfalls an nötiger medizinischer
Versorgung und sozialer Unterstützung mangeln. Die weiterreichende Benachteiligung macht
deshalb den Einzelnen und damit das Kollektiv zu einem leichteren Opfer der Seuche.
Eines dieser tragischen Beispiele bieten die USA: Vor zehn Jahren waren dort 60 Prozent
aller AIDS-Patienten Weiße, 39 Prozent Schwarze oder Latinos; inzwischen hat sich das
Verhältnis umgekehrt. Und während zwischen 1995 und 1996 die AIDS-Inzidenz - die Anzahl
neuer AIDS-Erkrankungen pro 100 000 Menschen - bei Weißen um 13 Prozent zurückging,
blieb sie bei Schwarzen gleich.
Auch in der Dritten Welt tragen soziale Randgruppen mit niedrigerem Ausbildungsniveau und
Lebensstandard ein höheres Infektionsrisiko. In Brasilien beispielsweise hatten anfangs
die meisten AIDS-Patienten einen höheren Schulabschluß; unter den heute neu
diagnostizierten hat hingegen mehr als die Hälfte nur die Grundschule besucht, wenn
überhaupt.
In weiten Teilen der Welt sind Frauen sozial benachteiligt und außerstande, Safer-Sex -
vor allem Kondomgebrauch - durchzusetzen. Ohne annähernde soziale Gleichstellung werden
sie sich nie wirksam schützen können (bereits heute sind mehr als 40 Prozent aller HIV
Infizierten weiblichen Geschlechts). Die Vereinten Nationen haben die Bedeutung sozialer
Faktoren für das Infektionsrisiko erkannt und die Förderung der Menschenrechte in ihr
Präventionsprogramm aufgenommen.
Welche Entwicklungen zeichnen sich für die Zukunft ab? In den kommenden Jahren dürfte
sich die Pandemie noch stärker in der Dritten Welt, also vor allem in der südlichen
Hemisphäre ausbreiten, auch in bis dahin verschonte Gebiete. Nicht überall wird das zwar
so explosionsartig geschehen wie in Südafrika und Kambodscha. Doch ist ein enormes
Anwachsen der ohnehin schon übermäßigen Belastungen auf dem Gesundheitssektor
abzusehen. In den Industrienationen wird sich das Virus zumindest in einem Teil der
Bevölkerung langsamer ausbreiten, in sozial benachteiligten Gruppen hingegen stärker.
Ein beträchtlicher Anstieg der Kosten ist hier vom Ausweiten der intensiven
Kombinationstherapie zu erwarten. Für die Nord- und Südhalbkugel gleichermaßen gilt,
daß Bestrebungen, die sozialen Förderfaktoren der Seuche zu bekämpfen,
höchstwahrscheinlich nur mühsam vorankommen - nicht zuletzt, weil sich gesellschaftliche
Eliten dem nachdrücklich entgegenstellen.
Um die Ausbreitung von HIV einzudämmen, muß man die Präventionsprogramme erheblich
erweitern. Angesichts der Schwierigkeit, so viele Menschen zu wirksamen
Verhaltensänderungen zu bewegen, muß aber gleichzeitig noch intensiver an der
Entwicklung eines Impfstoffs gearbeitet werden. Öffentliche und private
Forschungsinstitutionen sowie internationale Organisationen sollten einer HIV-Vakzine
höchste Priorität einräumen und dafür sorgen, daß die am stärksten gefährdeten
Menschen vorrangig geimpft werden - unabhängig von sozialem und wirtschaftlichem Status.