Spektrum der Wissenschaft, 10/98, David Baltimore, Carole Heilman, S. 36
Wie nahe ist ein HIV-Impfstoff ?
Eine Immunisierung, die lediglich die Bildung von Antikörpern anregt, dürfte vor dem
AIDS-Erreger nicht ausreichend schützen. Eine völlige Aktivierung des Abwehrsystems ist
aber alles andere als einfach.
Kein Virus ist besser erforscht als das AIDS auslösende Human-Immunschwächevirus HIV.
Gleichwohl bleibt die Entwicklung eines vor ihm schützenden Impfstoffs eine große
Herausforderung. Zum Teil liegt dies daran, daß die natürliche Immunantwort den Erreger
nicht ausmerzt, wie es sonst bei den meisten akuten viralen Infektionen geschieht. Welche
Art von Abwehraktivitäten ein wirklich wirksamer Impfstoff im einzelnen auslösen
müßte, läßt sich deshalb schwer bestimmen.
Äußerste Vorsicht ist mit den sonst üblichen Präparationen geboten, also mit
abgetöteten oder lebenden, aber abgeschwächten Viruspartikeln. Wären irgendwelche doch
noch pathogen (krankmachend), so hätten sie verheerende Folgen. Man muß deshalb nach
anderen Wegen suchen, Menschen gegen HIV zu immunisieren.
Impfstoffe sensibilisieren das Immunsystem gezielt gegen einen Erreger; bei einem
späteren Kontakt wird er sofort erkannt und bekämpft. Im Falle von HIV sollten sie das
Abwehrsystem in die Lage versetzen, beispielsweise ins Blut gelangte Viruspartikel zu
eliminieren und jegliche befallene Zelle schnellstens zu vernichten. Die meisten Vakzine
aktivieren den sogenannten humoralen Arm des Immunsystems (nach lateinisch humor,
Flüssigkeit); sie regen zur Bildung von schützenden Antikörpern an, die im Blut und in
der Lymphe zirkulieren. Diese Moleküle heften sich an bestimmte als fremd erkannte
Erregerstrukturen, also an Antigene. Dadurch können sie beispielsweise freie
Viruspartikel im Blut besetzen und als zu zerstörendes Objekt markieren.
Bei den als fremd erkannten Strukturen handelt es sich oft um Oberflächenproteine. Ob nun
als Bestandteil eines eindringenden Virus oder eines Impfstoffs - körperfremde Antigene
aktivieren zwei Sorten weißer Blutkörperchen: zum einen sogenannte B-Lymphocyten, die
sich dann vermehren, ausreifen und Antikörper produzieren, zum anderen TLymphocyten mit
spezifischer Helferfunktion (Bild 1, obere Sequenz): Diese Helferzellen veranlassen einige
der BZellen, die Produktion stark zu steigern, andere hingegen, sich zu
B-Gedächtniszellen umzuwandeln. Dieser langlebige Zelltypus schüttet nicht sofort
Antikörpermoleküle aus, sondern erst nach einem späteren Kontakt mit dem gleichen
Antigen, aber dann um so stärker. (All diese Vorgänge verlaufen sehr gezielt, nur die
wenigen Abwehrzellen, die aufgrund eines zufällig passenden Rezeptors ein ganz bestimmtes
Antigen erkennen, werden überhaupt aktiviert und zur Vermehrung angeregt). Nach einer
erfolgreichen Impfung beispielsweise werden Antikörper gegen die eingesetzten Antigene
langfristig in geringer Menge weiterproduziert: Mit ihnen und den Gedächtniszellen in der
Hinterhand vermag der Organismus bei einer Konfrontation mit dem pathogenen Virus in
kürzester Zeit eine starke Abwehr zu mobilisieren. Man spricht von humoraler oder
antikörpervermittelter Immunität.
Bislang wurde noch keiner der üblichen Impfstoffe eigens so konzipiert, daß er den
anderen Arm des Immunsystems stimuliert und eine sogenannte zelluläre oder
zellvermittelte Immunität erzeugt. Gerade daran arbeiten aber viele Forscher im Falle des
AIDS-Erregers; denn die HIV Antikörper, die von bisher getesteten Impfstoffen induziert
werden, neutralisieren in erster Linie schon länger im Labor gehaltene Stämme des
Erregers, verleihen aber keine Immunität gegen die verbreiteten, frisch aus Patienten
isolierten Primärstämme.
Zuständig für eine zellvermittelte Immunität ist eine weitere Sorte aktivierbarer
weißer Blutkörperchen: die cytotoxischen T-Lymphocyten. Sie spüren virusinfizierte
Zellen im Blutstrom und im Gewebe auf und eliminieren sie. Einige dieser T-Killerzellen
werden ebenfalls zu Gedächtniszellen, die bei erneutem Auftreten des Erregers sofort in
Aktion treten. Anders als Antikörpermoleküle erkennen sie nicht ihn direkt, sondern die
von ihm befallenen Körperzellen. Wie schon bei den B-Zellen spielen auch bei ihrer
Aktivierung Signale der Helferzellen eine bedeutende Rolle (Bild 1, untere Sequenz). Auf
lange Sicht ist wohl die beste Wirkung von HIV-Vakzinen zu erwarten, die gleichzeitig den
humoralen und den zellulären Arm des Immunsystems anregen, also die Bildung von
Antikörpern auslösen und cytotoxische T-Zellen aktivieren.
Zur gezielten Entwicklung eines HIV-Impfstoffs, der beides optimal vermag, mangelt es noch
an ausreichenden Kenntnissen über grundlegende Arbeitsweisen des Immunsystems. Solange
die Wissenschaftler nicht gelernt haben, wie sich der Körper spezifisch zur Produktion
und zum Erhalt von Gedächtniszellen und T-Killerzellen anregen läßt, bleiben sie bis zu
einem gewissen Grad auf Versuch und Irrtum angewiesen, stets in der Hoffnung, auf einen
wirksamen Ansatz zu stoßen (siehe nebenstehende Tabelle).
Im Kampf gegen Virus-Erkrankungen wie Kinderlähmung, Masern oder Grippe haben sich
Vakzine bewährt, die humorale Immunität verleihen. Der gleiche Ansatz wird mit
verschiedenen experimentellen Impfstoffen gegen den AIDS-Erreger verfolgt. Am
ausgiebigsten getestet sind gegenwärtig solche, die einen Bestandteil des viralen
Hüllproteins enthalten. Dem Erreger dient das Molekül, mit dem seine gesamte Oberfläche
bestückt ist, als eine Art Schlüssel für den Eintritt in menschliche Zellen. Wenn
Antikörper gewissermaßen den Bart des Schlüssels besetzen, sollte das Virus nicht mehr
an seine Zielzellen andocken und sie befallen können.
Das Hüllprotein, ein Glykoprotein mit einem Molekulargewicht von rund 160 000 (abgekürzt
gp160), setzt sich genaugenommen aus zwei Einheiten zusammen: gp120 und gp4l. Die
größere und äußere der beiden, mit vielen Zuckerseitenketten bestückt, dockt an
bestimmte Rezeptormoleküle auf der Oberfläche von T-Lymphocyten an. Die kleinere, innere
Einheit hingegen verankert die größere in der Virusmembran.
Antikörper in Aktion
Sowohl gp120 als auch das vollständige Hüllprotein hat man schon vor einiger Zeit als
mögliche Impfstoffe an menschlichen Freiwilligen getestet. Tatsächlich induzierten sie
Antikörper, was die Hoffnung erweckte, man hätte die Basis für eine wirksame
HIV-Vakzine gefunden. Zudem konnten die Abwehrmoleküle Viruspartikel im Reagenzglas
wirkungsvoll neutralisieren; eine Infektion kultivierter menschlicher Lymphocyten
wurde unterbunden. Leider funktionierte dies nur, wenn die im Zellkulturtest verwendeten
HIV-Stämme den Laborstämmen glichen, deren Moleküle Basis des Impfstoffs gewesen waren;
gegen direkt aus infizierten Personen isolierte Stämme - Primärstämme also - erwiesen
sich die Antikörper als praktisch wirkungslos.
Warum versagten sie? Das Hüllprotein der an Laborbedingungen angepaßten Viren ist
offenbar etwas weniger kompakt gefaltet. Denkbar wäre deshalb, daß die erzeugten
Antikörper sich gegen Stellen des Moleküls richten, die ihnen an Viren aus Patienten
normalerweise nicht zugänglich sind - vermutlich weil die engere Faltung sie verbirgt.
Neue in Entwicklung befindliche Impfstoffe basieren deshalb auf Hüllproteinen
verschiedener Primärisolate. Man hofft, daß die Präparationen das Molekül dann in der
gleichen Konformation wie in HIV-infizierten Patienten enthalten. Unter Umständen
funktioniert aber auch dieser Ansatz nicht. Möglicherweise sind die Hüllproteine aus
solchen Isolaten zu kompakt und weitgehend auch noch durch einen regelrechten Schleier von
Zuckerseitenketten verdeckt. Selbst wenn viele verschiedene noch unstimulierte B-Zellen
existierten, die jeweils andere Teilstrukturen des Impfstoff-Moleküls als fremd erkennen
könnten, kämen vielleicht nur relativ wenige mit "ihrem" jeweiligen Antigen
wirklich in Kontakt, so daß letztlich auch nur eine relativ kleine Auswahl von
Antikörpern entstünde (eine B-Zelle vermag nur jeweils einen bestimmten Antikörper zu
produzieren). Ein solches Ergebnis wäre ganz im Einklang mit dem Befund, daß
HIV-infizierte Personen im allgemeinen nur ein begrenztes Repertoire an Antikörpern
produzieren, die spezifisch mit der Oberfläche des Erregers reagieren.
Beim Andockmanöver an eine Zelle verändert das Hüllprotein ein wenig seine Gestalt. Ein
Impfstoff, der ein Abbild von gp120 im Moment der Anheftung wäre, würde wohl am ehesten
Antikörpermoleküle induzieren, die HIV am Befall von Zellen hindern könnten.
Eine gewisse Hoffnung, von der man sich bei der Konzipierung eines effektiven Impfstoffs
leiten lassen kann, bieten vielleicht sogenannte Langzeitüberlebende. Ihr Organismus
hält das Virus im Schach, so daß sie nun schon seit vielen Jahren immer noch bei guter
Gesundheit sind. Einige von ihnen erzeugen - allerdings in ganz geringen Mengen -
Antikörper, die im Zellkulturtest Primärstämme von HIV zu neutralisieren vermochten,
sogar die von vielen verschiedenen Patienten. Die Induktion solcher Moleküle wäre eine
Voraussetzung für einen breit wirksamen AIDS-Impfstoff. Leider sind selbst diese
Antikörper wohl nicht die wahre Lösung: Sie müßten dem Zellkulturtest zufolge in
unerwartet hohen Konzentrationen im Organismus vorhanden sein, um HIV effektiv am Entern
von Zellen zu hindern.
Reine Proteinpräparationen sind möglicherweise ohnehin nicht der beste Weg, die Bildung
von Antikörpern anzuregen: Isoliertes gp120 nimmt anscheinend keine exakt definierte
Konformation ein, und gp160 verklumpt zu unwirksamen Aggregaten. Man verfolgt derzeit zwei
Ansätze, das Hüllprotein in einer naturgetreueren Form zu präsentieren. Komplette, aber
abgetötete Viruspartikel, unfähig zur Vermehrung, sind der eine. Würde ihr Protein
trotz der nötigen harten Prozeduren dem natürlichen Vorbild näher kommen, wäre das
Angriffsziel besser definiert. Die davon am stärksten stimulierten B-Lymphocyten dürften
einen besser neutralisierenden Antikörper produzieren - und auch größere Mengen.
Ein Tot-Impfstoff bedarf allerdings einer strengen Inaktivierungsprozedur; jegliche
überlebenden Viren oder auch nur intakte Stränge ihrer Erbsubstanz wären eine Gefahr.
Eine harte Prozedur macht die Präparation jedoch weniger wirksam, da sich dabei das nicht
besonders fest gebundene gp120 von der Virenhülle ablösen kann. Viele Forscher haben
deshalb diesen Ansatz aufgegeben, obwohl das Problem der Stabilität von gp120 durchaus
lösbar sein mag.
Die Hüllproteine lassen sich dem Immunsystem auch mit Pseudovirionen als Bild 3: Harmlose
Kanarienpockenviren als Träger für eingebaute HIV-Gene werden bereits als einer der
Impfstoffe getestet, die eine zellvermittelte Immunität gegen den AIDS-Erreger aufbauen
sollen. Sie schleusen menschlichen Zellen virale Gene ein (a), die dort abgelesen werden
(b). Entstandene Proteine werden enzymatisch zerlegt und in Teilen von speziellen
zangenartigen Molekülen auf der Zelloberfläche präsentiert (c). Wenn HIV-spezifische
cytotoxische T-Lymphocyten die molekularen Komplexe erkennen (d), werden sie
sensibilisiert und können dann später auch jegliche einmal mit HIV infizierte Zellen
erkennen und zerstören (e).
Trägern darbieten (siehe Tabelle auf Seite 39).
Diese künstlichen Gebilde gleichen Viruspartikeln, bestehen aber aus leeren Lipidhüllen;
sie lassen sich mit geeigneten Proteinen, etwa gp160-Molekülen, bestücken. Ohne
irgendwelches genetisches Material, das eine Zelle infizieren könnte, sind sie
gesundheitlich unbedenklicher als inaktivierte Viren, leider aber nur sehr schwer in einer
stabilen Form herstellbar. Forscher hoffen jedoch, in Kürze haltbarere Versionen testreif
für klinische Versuche der Phase I zu haben. In diesem ersten Schritt wird an Menschen
geprüft, ob nicht irgendwelche schädlichen Wirkungen auftreten.
Rekrutierung von Killerzellen
Oberflächenproteine oder auch komplette Viruspartikel können zwar den humoralen Arm des
Immunsystems stimulieren, aber nur schlecht den zellulären. Zur Erzeugung aktivierter
T-Killerzellen sind deshalb andere Impfstrategien erforderlich. Diese Lymphocyten erkennen
eine infizierte Zelle an kurzen Bruchstücken fremden Proteins, die außen auf der
Zellmembran erscheinen. HIV infizierte Immunzellen stellen ja neben ihren eigenen
Proteinen auch virale her - neben solchen für Vermehrung und Zusammenbau der Partikel
auch die für die Hülle. Von frisch produzierten Eiweißstoffen werden immer wieder
einige enzymatisch in kurze Teilstücke zerlegt; spezielle zangenartige Moleküle
befördern diese Peptide zur Zellmembran und präsentieren sie dann auf der Außenseite.
Zur Stimulation einer zellulären Immunantwort muß ein HIV-Impfstoff ausgewählte Zellen
dazu bringen können, ein oder mehrere Virusproteine zu synthetisieren und dann
Teilstücke davon auf ihrer Außenseite zu präsentieren. So würde eine Immunreaktion
gegen alle Zellen aufgebaut, die solche viralen Peptide präsentieren, auch später gegen
tatsächlich infizierte.
Nach diesem Prinzip funktioniert, wie sich herausgestellt hat, der von der Schluckimpfung
bekannte Lebend-Impfstoff gegen Kinderlähmung. Die verwendeten Poliovirusstämme waren im
Labor durch mehrere genetische Mutationen so weit abgeschwächt worden, daß sie
normalerweise die Krankheit nicht mehr hervorrufen konnten. Bei HIV ließ sich jedoch
bislang keine Mutation finden, die den Erreger in einen völlig sicheren Impfstoff
verwandelt hätte.
Andere Methoden, Zellen zur Produktion und Präsentation von HIV Proteinen zu zwingen,
sind aber bereits in Entwicklung. Eine ist die Konstruktion eines Lebendvektor-Vakzins.
Hierfür nutzt man ein ungefährliches anderes Virus als Vehikel - als Vektor - für
bestimmte ihm künstlich eingebaute HIV Gene. Wenn dieses Körperzellen befällt, werden
die entsprechenden HIV Proteine hergestellt, enzymatisch zerlegt zur Zellmembran
transportiert und patroullierenden cytotoxischen T Lymphocyten präsentiert. Jene
T-Killerzellen, die auf den antigenen Stimulus ansprechen, sollten sich vermehren und eine
Art Eingreiftruppe für später abstellen, die jede eventuell von HIV infizierte Zelle
zerstört.
Am weitesten fortgeschritten ist die Erprobung eines Lebendvektor-Impfstoffs, der auf dem
für Menschen nicht-pathogenen Kanarienpockenvirus basiert. Wie das eigentliche
Pockenvirus dringt auch es in menschliche Zellen ein; neue virale Partikel entstehen aber
nicht. Man hat diesem Trägervirus verschiedene HIV-Gene eingebaut: für das komplette
Hüllprotein, für gp120 allein sowie für einige innere Eiweißstoffe wie das Kernprotein
Gag und die Protease (ein Enzym). Die auf dieser Basis konstruierten Vakzine haben sich
bei Tests an Menschen bislang als gesundheitlich sicher erwiesen, allerdings nur eine
mäßig starke zelluläre Immunantwort ausgelöst. Um eine heftigere Reaktion zu erhalten,
versuchen Forscher neuerdings Viren zu konstruieren, die im Zellinneren entweder größere
Mengen oder eine breitere Auswahl an HIV-Proteinen entstehen lassen. Mit mehreren
Impfungen hintereinander wäre dann vielleicht eine große Anzahl aktivierter
cytotoxischer T-Zellen im Körper zu erzeugen und über längere Zeit ein immunologisches
Gedächtnis zu erhalten.
Ein weiterer verfolgter Ansatz sind Peptid-Impfstoffe aus jenen Bruchstücken viraler
Proteine, die als Antigen cytotoxische T-Lymphocyten aktivieren. Allerdings bringen
Peptide allein keine starke zelluläre oder antikörpervermittelte Immunantwort im
Menschen zustande. Möglicherweise werden sie schon vor Erreichen ihrer Zielzellen
abgebaut, vielleicht aber auch einfach nur unzureichend von diesen präsentiert. Abhilfe
bringt eventuell die Entwicklung besserer Adjuvantien: Zusatzstoffe, welche die
Immunreaktion gegen den eigentlichen Impfstoff verstärken.
Ein verhältnismäßig neuer Ansatz zur Immunisierung ist die Injektion von
"nackter" DNA für HIV Proteine - also ohne eine künstliche Schutzhülle aus
speziellen Eiweiß- oder Fettstoffen (siehe "Gentherapie: nicht-virale Strategien", Spektrum der
Wissenschaft, November 1997, Seite 50). Früher glaubte man, freies genetisches Material
würde zu schnell abgebaut und könne deshalb keinen effektiven Impfstoff abgeben. In
Wirklichkeit jedoch gelangt es bis in die Zellen und kann dort auch die Produktion der auf
ihm codierten Proteine einleiten. In mehreren Studien an Mäusen sowie Affen hat man mit
solchen DNAVakzinen cytotoxische T Lymphocyten aktivieren können, die HIV Proteine
erkennen. In einigen, aber nicht in allen Experimenten waren die Tiere anschließend vor
einer Infektion mit dem eigentlichen Virus gefeit. In weiteren Studien an Tier und Mensch
wird dieser Ansatz derzeit auf seine Sicherheit und Wirksamkeit geprüft.
Die derzeit besten und am weitesten gediehenen Immunisiernngsstrategien verbinden
Elemente, die nacheinander die beiden Arme des Immunsystems stimulieren (unterer Teil der Tabelle auf Seite 39).
Beispielsweise könnte eine Person zunächst mit einem Kanarienpockenvirus geimpft werden,
das ein Gen für das HIV-Hüllprotein enthält, um zelluläre Immunität zu erzielen.
Einige Monate später bekäme sie dann - als verstärkende Zweitimpfung - reines gp120
injiziert, das die Produktion von Antikörpern und somit die humorale Antwort induziert.
Wie erste Versuche an Menschen ergeben haben, entwickelt sich tatsächlich eine gewisse
zelluläre und humorale Immunität; die gebildeten Antikörper richteten sich allerdings
wieder nur gegen laboradaptierte HIV Stämme, und die Antwort der cytotoxischen T Zellen
fiel auch nicht sonderlich stark aus. Die nächste Generation dieser Kombination wird als
Startimpfung modifizierte Kanarienpockenviren mit einer größeren Anzahl an HIV Genen
aufweisen, so daß mehr virales Protein entsteht, und als Zweitimpfung dann unter
Umständen gp120 aus Primärstämmen. Solche Impfstoffe werden zur Zeit hergestellt und
stehen wahrscheinlich demnächst für Tests am Menschen zur Verfügung.
Viele Forscher sind auch weiterhin dabei, einen abgeschwächten LebendImpfstoff zu
entwickeln. Da er am ehesten dem infektiösen Erreger entspricht, sollte er theoretisch
sowohl eine zell- als auch eine antikörpervermittelte Immunität induzieren können - und
vielleicht sogar noch unbekannte Schutzmechanismen. Durch systematisches Entfernen von
Genen, die für die Vermehrung von HIV entscheidend sind, hofft man eine Erregervariante
zu entwickeln, die eine starke Immunantwort hervorruft, aber kein AIDS auslöst.
Kürzlich hat sich eine Gruppe von Medizinern freiwillig für den ersten klinischen
Versuch mit einem solchen Impfstoff zur Verfügung gestellt. Dies würde es den Forschern
ermöglichen, die Immunreaktion der Probanden zu verfolgen und die Langzeitsicherheit
dieses Impfstoffes zu studieren. Diese Freiwilligen schätzen den Wert des Ansatzes höher
ein als ihr mögliches gesundheitliches Risiko. Ihr Vorhaben ist in der Fachwelt jedoch
sehr umstritten. So sind wir und viele andere Forscher der Meinung; daß abgeschwächte
HI-Viren vor einem Einsatz beim Menschen zunächst umfassender an anderen Primaten
untersucht werden sollten.
Getestet hat man an Makaken und anderen Affen bereits Lebend-Impfstoffe auf der Basis
abgeschwächter Affen-Immunschwäche-Viren (kurz SIV englisch simian immunodeficiency
virus). Infiziert man Tieraffen mit pathogenen Stämmen dieses engen Verwandten von HIV,
so entwickelt sich bei ihnen in der Folge ein AIDS-artiges Krankheitsbild. An diesem
Tiermodell lassen sich abgeschwächte Lebend Vakzine auf ihre Sicherheit testen und
darauf, ob sie Schutz vor einer anschließenden gezielten Infektion mit pathogenen
Stämmen von SIV verleihen.
Mehrere der experimentellen Impfstoffe konnten die Vermehrung eines Wildtyp-Virns
bemerkenswert gut unterdrücken - wie, ist allerdings unklar. Wirksam geschützte Makaken
wiesen nicht zwangsläufig einen hohen Gehalt an neutralisierenden Antikörpern oder
aktivierten cytotoxischen T Zellen in ihrem Blut auf (Bild 4). Der günstige Effekt kommt
möglicherweise durch irgendeine Kombination von humoraler, Helfer- und
Killerzellaktivität zustande oder durch andere Aspekte der Immunität. Was es im
einzelnen ist, müssen erst weitere Forschungen zeigen. Mehr noch: Während anfängliche
Studien auf hohe gesundheitliche Sicherheit der abgeschwächten Lebend-Vakzine
hindeuteten, beginnen damit geimpfte Tiere bei nun längerer Beobachtung in zunehmender
Zahl AIDS-artige Symptome zu entwickeln, selbst wenn man sie nie pathogenen SIV-Stämmen
ausgesetzt hat. Prüfungen an einer größeren Zahl von Tieren wurden nun eingeleitet.
Doch aus den bisherigen Resultaten ist bereits zu schließen, daß abgeschwächte
LebendImpfstoffe gegen SIV wohl keine umfassende, langanhaltende Immunität vermitteln und
unter Umständen sogar die Krankheit selbst auslösen. Forscher sollten deshalb äußerst
vorsichtig vorgehen, ehe sie HIV-Vakzine dieses Typs am Menschen testen.
Was kann man von all den geschilderten Ansätzen überhaupt erwarten? Wenn schon das
Abwehrsystem eines infizierten Menschen den AIDS-Erreger nicht auszurotten vermag, wieso
sollte dann ein Impfstoff, der doch in gesunden Personen die gleichen Immunreaktionen
auslöst, gegen eine echte Infektion schützen? Nun, er könnte dem Körper zu einem
immunologischen "Warmstart" verhelfen - das Abwehrsystem ist dann bereits gegen
HIV sensibilisiert und vermag im Ernstfall postwendend anzuspringen, statt die
Verteidigung zeitaufwendig erst einmal in Gang zu bringen. Durch diesen Vorsprung könnte
der Organismus vielleicht den Erreger eindämmen, was ihm sonst nicht gelänge.
Allerdings hat bislang keiner der zur Prävention gedachten Impfstoffe die klinische
Prüfung der Phase III erreicht, das heißt, kein einziger ist an einer großen Anzahl
Personen auf Wirksamkeit getestet. Deshalb gibt es auch noch keinen Beweis, daß eine
Impfung gegen HIV überhaupt möglich ist. Hinzu kommt die große genetische Variabilität
von HIV die wohl den Nutzen aller in Entwicklung befindlichen Impfstoffe begrenzt. Denn
die in verschiedenen Teilen der Welt isolierten HIV Stämme unterscheiden sich deutlich in
der Struktur ihres Hüllproteins, etwas weniger auch in der anderer Eiweißstoffe. Ob
diese oder weitere, noch unerkannte Unterschiede die Entwicklung eines Impfstoffs
entscheidend behindern werden bleibt abzuwarten.
Hoffnung gibt jedoch die neuere Erkenntnis, daß eine etablierte HIV Infektion
möglicherweise nie bis zum Endstadium AIDS fortschreitet, wenn es gelingt, die
Viruskonzentrationen im Blut minimal zu halten. Somit könnte selbst ein nur teilweise
wirksamer Impfstoff bei einer späteren Infektion von Wert sein, wenn er die Menge neu
entstehender Viren begrenzt; vielleicht wären dann die Betroffenen weniger ansteckend
für andere und ihre Symptome milder.
Allerdings wird in den nächsten fünf Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach noch kein im
großen Maßstab einsetzbarer Impfstoff verfügbar sein. Auch wenn ein Vakzin die
zelluläre Immunantwort und die Produktion von Breitband-Antikörpern zu stimulieren
scheint, muß es doch erst in ausgedehnten klinischen Studien seinen Wert erweisen. Allein
dies wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Deshalb werden Forscher jeden denkbaren Ansatz
weiterverfolgen, der zur immunologischen Bekämpfung von HIV hilfreich sein könnte.