Die Woche, 26.11.99, Nr. 48, Claus Peter Simon
Allergie Alarm !
Augenbrennen, Hautausschlag, Asthma:
Die Wohlstands-Krankheit wird zur Epidemie - Forscher erkunden die psychischen Ursachen.
Was soll das Gerede von immer mehr Allergikern? Es geht uns einfach zu gut, würden
Zyniker sagen. Ein typisches Wohlstandsleiden eben: Wer sein Leben in immer besser
isolierten Häusern fristet, von industrieller Fertigkost lebt und jedem Keim mit
Desinfektionsmitteln zu Leibe rückt, müsse nun mal einen Preis dafür zahlen.
Der Preis ist hoch. Grob gerechnet gilt bereits jeder vierte Deutsche als Allergiker: Ihm
quellen in der Pollen-Saison die Augen zu, ihn quält unerträglicher Ausschlag, oder es
überfällt ihn ein schmerzhaft erstickender AsthrnaAnfall. Erkrankungen wie diese
verbreiten sich wie ein Flächenbrand.
Das Potenzial für Allergien schlummert in noch viel mehr Menschen: Schon jeder zweite
Bürger in den Industriestaaten reagiert bei Hauttests auf die eine oder andere allergene
Substanz, stellen Forscher in der neuesten Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift
"Nature" erschrocken fest.
Es ist kein Zufall, dass das internationale Wissenschaftsmagazin kurzvor der
Jahrtausendwende den Allergie-Alarm ausruft und dem Thema einen ganzen Sonderteil widmet:
"Allergische Erkrankungen erreichen ein epidemisches Ausmaß in der entwickelten und
der sich entwickelnden Welt", konstatieren die Experten. Rund 155 Millionen Menschen
weltweit leiden demnach an Asthma oder Neurodermitis, hinzu kommen unzählige
Pollenallergiker. Selbst in den urbanen Zentren von Nigeria, Athiopien und Gambia nehmen
die Fälle zu.
Wohl dem, der keine anderen Probleme hat, mag manch einer denken. Doch dort wie hier geht
es nicht um simple Befindlichkeitsstörungen. Die "Karriere" eines Allergikers
beginnt oft in der frühen Kindheit eher harmlos mit einer
Nahrungsmittelunverträglichkeit, später kommt häufig eine Neurodermitis hinzu, die mit
zunehmendem Alter von asthmatischen Atemwegsbeschwerden abgelöst werden kann. Allergien
beeinträchtigen die Lebensqualität ganz erheblich - im Falle von Asthma führen sie
sogar zu mehr als 5000 Todesfällen im Jahr allein in Deutschland.
Ganze Berufsgruppen sind hier zu Lande betroffen. Bei Friseuren, die mit diversen
Chemikalien hantieren, tauchen plötzlich Ekzeme an den Händen auf, Bäcker können durch
Zusatzstoffe im Teig das so genannte Bäcker-Asthma entwickeln. Der Sachverständigenrat
für Umweltfragen - ein Beratungsgremium der Bundesregierung- summierte kürzlich die
medizinischen und ökonomischen Kosten für allergische Erkrankungen in Europa auf 19
Milliarden Euro (37 Mrd. Mark) -jährlich.
Konsequenzen seien daraus nicht gezogen worden, moniert der Sachverständigenrat: "Im
Immissionsschutzrecht , im Lebensmittelrecht und im Arbeitsschutzrecht wird den
Schutzbedürfnissen von Allergikern nicht ausreichend Rechnung getragen." Die
Experten sprechen sich dafür aus, Nahrungsmittel und andere Produkte, die Allergene
enthalten, mit einem Warnhinweis zu kennzeichnen. Das wäre schon deshalb hilfreich, weil
die Wissenschaft zwar Allergie-Symptome beschreiben kann, aber weit davon entfernt ist,
das Heilmittel oder die den kann. Allergien beeinträchtigen die Lebensqualität ganz
erheblich - im Falle von Asthma führen sie sogar zu mehr als 5000 Todesfällen im Jahr
allein in Deutschland.
Ganze Berufsgruppen sind hier zu Lande betroffenBei Friseuren, die mit diversen
Chemikalien hantieren, tauchen plötzlich Ekzeme an den Händen auf, Bäcker können durch
Zusatzstoffe im Teig das so genannte Bäcker-Asthma entwickeln. Der Sachverständigenrat
für Umweltfragen - ein Beratungsgremium der Bundesregierung- summierte kürzlich die
medizinischen und ökonomischen Kosten für allergische Erkrankungen in Europa auf 19
Milliarden Euro (3 7 Mrd. Mark) -jährlich.
Konsequenzen seien daraus nicht gezogen worden, moniert der Sachverständigenrat: "Im
Immissionsschutzrecht , im Lebensmittelrecht und im Arbeitsschutzrecht wird den
Schutzbedürfnissen von Allergikern nicht ausreichend Rechnung getragen." Die
Experten sprechen sich dafür aus, Nahrungsmittel und andere Produkte, die Allergene
enthalten, mit einem Warnhinweis zu kennzeichnen. Das wäre schon deshalb hilfreich, weil
die Wissenschaft zwar Allergie-Symptome beschreiben kann, aber weit davon entfernt ist, das
Heilmittel oder die Therapie anbieten zu können. Immer wieder werden verzweifelte
Patienten bei Wunderheilem viel Geld los, aber nicht ihre Allergie. Doch auch
Schulmediziner behandeln die Leidenden häufig falsch - weil sie beispielsweise psychische
Störungen zu selten beachten.
Verbreitet haben sich Allergien vor allem durch unseren Lebensstil. Überall dort wo
Wohlstand westlicher Prägung Einzug hält, kommt der menschliche Organismus plötzlich in
Kontakt mit Ungewohntem: chemischen Substanzen etwa oder exotischen Früchten.
Gleichzeitig ist das Immunsystem von Kindern unterbeschäftigt - durch moderne Hygiene und
weniger Geschwister trifft es seltener auf Bakterien und Würmer. Ohne Training aber kommt
bei der Immunabwehr Langeweile auf, und sie kann sich - in Form einer Allergie -plötzlich
gegen den eigenen Körper richten.
Auch genetische Veranlagung spielt eine große Rolle. Kinder, deren Elternteile beide
Allergiker sind, erben die Krankheit mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent.
Hoffnungen auf eine Gentherapie haben sich jedoch zerschlagen - zu viele Gene sind am
Krankheitsgeschehen beteiligt. Der weil forschen Pharma-Unternehmen fieberhaft an
Impfstoffen, die vor Allergien schützen oder sie sogar heilen können. Die werden
allerdings - wenn überhaupt - frühestens in einigen jahren auf den Markt kommen.
Um die Epidemie nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, sind neben medizinischen
Durchbrüchen auch einfache Verhaltensregeln hilfreich. Raufereien im Dreck und Plantschen
im Wasser gelten bei Kindern als Bodybuilding fürs Immunsystem. Desinfektionsmittel für
den normalen Hausputz sind überflüssig; nicht jedes Wehwehchen muss mit Antibiotika
behandelt werden; und die Wohnung sollte - trotz aller Energiespar-Appelle - auch im
Winter lieber einmal mehr gelüftet werden.