Die Woche, 28.08.98, Christopher Schrader, S. 29
Keime im Gehirn
Ein Bakterium im Fadenkreuz der Wissenschaft:
Könnten die weit verbreiteten Chlamydien auch Erreger der Volkskrankheit Alzheimer sein?
Wer hat Herbert Wehner seiner polternden Wortmacht beraubt, Rita Hayworth ihrer
lasziven Grazie und Ronald Reagan seiner bisweilen zweifelhaften Verankerung in der
Realität? Bislang lässt sich auf diese Frage nur mit Morbus Alzheimer antworten - eine
unheilbare Krankheit des Gehirns, an der allein in Deutschland 270.000 Menschen leiden.
Doch bald wird es womöglich eine zweite, gleichfalls gültige Antwort geben: Chlamydia
pneumoniae.
Dieses winzige Bakterium macht zur Zeit kriminelle Karriere. Seit etwa zwei Jahren
verdächtigt eine wachsende Schar von Forschern den Keim, für Arteriosklerose und
Herzinfarkt mitverantwortlich zu sein (DIE WOCHE vom 11. April 1997). Außerdem
kann das Lungenbakterium bekanntermaßen Asthma auslösen, eine Entzündung des
Herzmuskels, eine bestimmte Hauterkrankung sowie Arthritis in Knie und Sprunggelenk. Eine
neue Spur weist sogar zur multiplen Sklerose (MS).
Mehr als 80 Prozent der Erwachsenen in Deutschland hat der Keim schon einmal durch
Anhusten oder -niesen befallen. Meist endet eine Infektion jedoch mit einer simplen
Erkältung, schwerwiegendere Fälle münden in eine Bronchitis oder Lungenentzündung.
Eine nahe Verwandte, Chlamydia trachomatis, die beim Sex übertragen wird, löst dagegen
chronische Unterleibsinfektionen, Unfruchtbarkeit bei Frauen und Augenentzündungen bei
Neugeborenen aus.
Doch jetzt haben Alan Hudson von der Wayne State University im amerikanischen Detroit und
sein Team die Lungen-Chlamydie auch in von Alzheimer zerstörten Gehirnen gefunden. Bei 17
von 19 verstorbenen Patienten, aber nur bei einer von 19 Verstorbenen ohne Alzheimer
zeigten sich Spuren des Erregers in den untersuchten Hirngewebeproben. Aus zwei Proben
konnten die Forscher zudem lebende Chlamydien anzüchten.
Unter Alzheimer-Experten ist die Studie aus Detroit wegen der geringen Patientenzahl
zurückhaltend, aber gleichwohl interessiert aufgenommen worden. "Es ist möglich,
dass die Chlamydien die Entzündung im Gehirn potenzieren", sagt Gerd Multhaup von
der Universität Heidelberg, "aber wir können noch nicht entscheiden, ob die Erreger
die Entzündung ausgelöst oder sich erst später dort eingenistet haben."
Adriano Aguzzi, renommierter Neuropathologe aus Zürich, glaubt zwar, "solche
unorthodoxe Forschung sollte man auch finanzieren". Aber er ist derzeit noch
"skeptisch, dass die Chlamydien ursächlich etwas mit Alzheimer zu tun haben".
Einen Berührungspunkt zur neuen Studie gibt es dennoch: Der Schweizer Experte hält die
Aktivierung der so genannten Mikroglia - die als Immunzellen des Gehirns für die Abwehr
von Infektionen zuständig sind - für ein entscheidendes Merkmal des Leidens. Und genau
in jenen Mikroglia hatten sich die Erreger nach Hudsons Erkenntnissen eingenistet.
Auch für den Entdecker bleiben noch viele Fragen offen. Die wichtigste: Wie kann die
Chlamydie so viele verschiedene Organe befallen und schädigen? Womöglich, so spekulieren
Forscher, gelingt es dem Keim, gleichsam als Parasit Fresszellen des Immunsystems zu
kapern, um mit ihrer Hilfe in entfernte Regionen des Körpers zu gelangen.
Auf diese Weise schafft es der Erreger womöglich auch, ins Hirn einzudringen, das
normalerweise - um Infektionen und Vergiftungen der Nervenzellen zu vermeiden - durch eine
Zellschranke vom Blutkreislauf des Körpers abgeschirmt ist. Zwar schwächt eine
fortgeschrittene Alzheimer'sche Krankheit diese Barriere, "aber wir glauben eher,
dass die Chlamydien bereits die noch intakte Schranke unterlaufen", sagt Alan Hudson.
"Einige andere Bakterien konnten wir nämlich nicht im Hirn nachweisen - die mussten
draußen bleiben."
Außerdem fragen sich nun viele Forscher, ob Chlamydien eine Verbindung zwischen Alzheimer
und Arteriosklerose herstellen können. Konrad Beyreuther, international renommierter
Alzheimer-Experte von der Uniklinik Heidelberg, hat kürzlich vorgeschlagen, das
Hirnleiden Alzheimer mit Cholesterinsenkern zu bekämpfen, die normalerweise Herzattacken
verhindern sollen. Infarktforscher wiederum benutzen eine Maus als Tiermodell, bei der das
ApoE-Gen ausgeschaltet ist: Selbst bei herkömmlicher Futterzufuhr entwickeln diese Mäuse
in kurzer Zeit Arteriosklerose. Beim Menschen ist genau diese Erbanlage mitentscheidend,
ob er im Alter an Alzheimer erkrankt.
"Die Klammer zwischen beiden Leiden ist womöglich eine Veränderung der
Blutfette", sagt Matthias Maaß, der an der Medizinischen Universität Lübeck der
InfarktChlamydien-Verbindung nachspürt. Robert Nitsch, Hirnforscher an der Berliner
Humboldt-Universität, ergänzt: "Falls sich eine Verbindungvon Chlamydien und dem
Stoffwechsel der Blutfette herausstellen sollte, wäre eine Rolle der Erreger beim Morbus
Alzheimer denkbar."
Womöglich profitiert die Alzheimer-Forschung in Zukunft vom Wissen der Infarkt-Experten.
Eine Lücke in deren Indizienkette ist soeben geschlossen worden. Forscher um Michael
Davidson von der Johns Hopkins University in Baltimore haben eine Infektion nachgewiesen,
die offenbar der Schädigung der Herzgefäße vorausging.
Das Team hat 60 bei Unfällen verstorbene Ureinwohner Alaskas untersucht. Im Schnitt acht
Jahre vorher war den Eskimos und Indianern für eine andere Studie Blut entnommen und
eingefroren worden. Bei der Autopsie entdeckten die Wissenschaftler die Bakterien dann in
einem guten Drittel der Verhärtangen der Herzgepäße. Je stärker die
Chlamydien-Infektion gewesen war - gemessen an der Zahl der Antikörper im eingefrorenen
Blut-, desto ausgeprägter waren auch die Schäden an den Arterien.
In der Tat sind Arteriosklerose-Forscher zuversichtlich, Chlamydien für den Infarkt
verantwortlich machen zu können. Zur Zeit beginnen daher diverse große Studien, um das
Herzleiden mit Antibiotika zu bekämpfen, eine davon unter der Ko-Regie von Maaß in
Lübeck. In drei kleineren Untersuchungen hatten Patienten bereits von der Gabe so
genannter Makrolide profitiert, einer bestimmten Antibiotika-Art. Subramaniam Sriram von
der Vanderbilt University im amerikanischen Nashville hat mit Hilfe von Antibiotika sogar
Symptome der multiplen Sklerose bei einem jungen Patienten unter Kontrolle gebracht.
Eine Alzheimer-Therapie mit den Bakterienkillern ist jedoch noch nicht in Sicht. Selbst
wenn die Ergebnisse von Alan Hudson und seinen Kollegen bestätigt werden sollten, bleiben
Probleme: Das Gehirnleiden lässt sich am lebenden Patienten kaum diagnostizieren; die
Erreger im arbeitenden Gehirn nachzuweisen ist unmöglich. Die Entscheidung, wer bei
einsetzenden Gedächtnisproblemen Antibiotika nehmen sollte, kann nach heutigem
Wissensstand niemand treffen.
Die Wissenschaftler hoffen jedoch, dass die weitere Erforschung der Chlamydia pneumoniae
die Rätsel um Ursache und Behandlungsmöglichkeiten der Alzheimer-Krankheit nach und nach
lösen wird. "In einem halben Jahr wissen wir schon mehr", prophezeit Gennadij
Raivich, der am
Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried bei München Mikroglia-Zellen
erforscht: "Jetzt plündern bestimmt 50 Gruppen auf der ganzen Welt die Vorräte an
eingefrorenen Hirngewebeproben von Alzheimer-Patienten, um selbst nach den Erregern zu
suchen."