Geo Wissen, 3/98, Reiner Klingholz, Seite 22

Der Klon im Schafspelz

Wie "Dolly" die Welt verändert hat

Am 22. Februar 1997 hat eine ganze Zunft von Forschern ihre Unschuld verloren. Jene, die sich Genetiker, Entwicklungsbiologen, Reproduktionstechniker und Embryologen nennen, die unser Wissen über uns selbst in den vergangenen Jahren revolutioniert haben und sich anschicken, unsere Zukunft massiv zu verändern.
An diesem Tag erfuhr die Weltöffentlichkeit von der Existenz eines Tieres, das keinen Vater hat. Das Schaf mit der Bezeichnung 6LL3/3, hernach besser bekannt geworden als "Dolly", stammte aus dem Labor des Roslin Institute vor den Toren der schottischen Hauptstadt Edinburgh.
Dort hatte der Engländer Ian Wilmut eine Zelle aus dem Euter eines sechsjährigen, drei Jahre zuvor geschlachteten Schafes mit einer entkernten Eizelle eines zweiten Schafes verschmolzen, diese zum Wachstum angeregt und in die Gebärmutter eines dritten Schafes eingepflanzt. Das Resultat war ein eineiiger, aber sechs Jahre jüngerer Zwilling des ersten Schafes. Das Lamm Dolly war somit ein Klon in die Welt gesetzt von drei Müttern und einem Embryologen, einem bis zum 22. Februar 1997 nahezu unbekannten Forscher.
Bis dahin hatte kein Wissenschaftler jemals ein erwachsenes Säugetier kloniert. Ein solches Experiment galt gemeinhin als unmöglich, ja absurd. Zellen erwachsener Tiere hätten, so ein biologisches Dogma, aufgrund ihrer Spezialisierung längst ihre Fähigkeit verloren, noch einmal ganz von vorn mit den Prozessen des Lebens zu beginnen. Entsprechend leicht konnte die wissenschaftliche Gemeinde sich jeder ethischen Diskussion über das drohende Klonieren auch von Menschen von vornherein entziehen.
Mit bemerkenswerter Leichtigkeit ist die Branche nach Ian Wilmuts Experiment zur Tagesordnung übergegangen: Unverzüglich haben sich andere Wissenschaftler darangemacht, den Versuch zu wiederholen, nicht nur an Schafen, auch an Rindern, Ratten und Affen. Und der nächste Schritt - jener vom Tierversuch zur Anwendung am Menschen - scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Denn der moralische Rubikon ist mit Dolly ja schon über schritten, die Anleitung in der Fachzeitschrift "Nature" publiziert.
Auf die gleiche Weise schaffen Reproduktionsmediziner seit Jahren Fakten und Sachzwänge, über die im Vorfeld mangels Information nicht diskutiert werden kann und über die im nachhinein ein Diskutieren kaum noch lohnt. Künstlich herbeigeführte Siebenlingsgeburten; Frauen, die ihre eigenen Enkel gebären; Kinder, die aus der Eizelle einer Toten und den Spermien eines anonymen Spenders gezeugt werden oder Schwangerschaften von Frauen, die über 60 sind: alles möglich geworden mit Techniken, die dem Viehstall entlehnt und irgendwann klammheimlich auf Menschen übertragen worden sind.
So unsinnig oder verwerflich sie erscheinen mögen, sie lassen sich immer auch rechtfertigen - etwa aus der Sicht von Eltern, die anders keine Kinder bekommen können, oder aus der Sicht von Kliniken, die mit solchen Wundertaten Kunden werben.

Auch auf anderen Gebieten der Gen- und Reproduktionstechnik häuft sich derzeit neues Wissen mit derart rasender Geschwindigkeit an, daß Forscher häufig schon nicht mehr begreifen, was in Nachbarlabors geschieht. So sind bereits über 60 Millionen Buchstaben des menschlichen Erbmaterials im Rahmen des "Human Genome Project" analysiert. Das sind zwar erst zwei Prozent des gesamten menschlichen Erbguts, aber der Rest wird nach Ansicht der Genom-Ermittler bis spätestens 2005 erledigt sein.
Mit Hilfe einer individuellen DNS-Analyse wäre dann sehr viel über die Eigenschaften eines Individuums zu sagen. Über Eigenschaften (wie Anfälligkeit für Krankheiten), von denen der einzelne womöglich gar nichts wissen will, die aber für Dritte (wie Lebensversicherungen oder Arbeitgeber) hochinteressant sein können.
Mittlerweile erwägen einige Gentechniker sogar die Manipulation menschlicher Keimbahnzellen - lange Zeit ein absolutes Tabu. Sie erwecken die Hoffnung, bestimmte erbbare Krankheiten am frisch befruchteten Embryo in der Glasschale durch Einbringen eines gesunden Gens ausschließen zu können. Diese Reparatur würde sich dann auf alle folgenden Generationen vererben.
Allerdings öffnet jene Technik Tor und Tür für die "Zucht" von Menschen: Niemand könnte verhindern, daß Eltern ihrem künftigen Nachwuchs selbst banale Eigenschaften wie eine bestimmte Augenfarbe genetisch implantieren lassen oder darauf drängen, daß dem Embryo vermeintliche Intelligenz-Gene eingeschleust werden.

Machbar erscheint alles. denn im Tierversuch ist die Keimbahntherapie bereits tausendfach erprobt. Und Ian Wilmut, der geniale Dolly-Erzeuger, sieht keinerlei Gründe dafür, daß seine Klonierungs-Methode nicht ebenso an menschlichen Zellen funktionieren sollte. Wenn er diese Vorstellung jetzt auch für abscheulich hält.
Das aber beschreibt genau das Dilemma, das Wilmuts Arbeit angerichtet hat. Die daraus resultierende Erkenntnis läßt sich nicht mehr unerfunden machen. Wilmut hat keinen Einfluß darauf, was andere damit anstellen. Folglich werden die meisten Forscher das Klonen von Menschen verbal ächten - bis es dann einer tut, der sich dafür ein überzeugendes Argument zu eigen macht und neben dem Schimpf auch den Ruhm für die Pioniertat einstreichen wird.
Man mag den bankrotten 69jährigen Physiker Richard Seed aus Chicago, der jüngst die Gründung einer Menschenklon-Klinik angekündigt hat, einen Wirrkopf nennen. Daran, daß seine Behauptung stimmt, er stehe längst mit zahlungskräftigen Interessenten in Verhandlung, muß nicht gezweifelt werden.
Denn für das Klonieren wird vielerorts bereits lautstark argumentiert: Warum, fragt das Wissenschaftsmagazin "Discover", sollte es etwa Eltern verwehrt sein, ein liebgewonnenes Kind, das sie bei einem Verkehrsunfall verloren haben, durch einen Klon zu ersetzen? Warum soll ein homosexuelles Paar, will die "Clone Rights United Front" aus New York wissen, auf ein Kind verzichten, das aus einem der Partner klonierbar wäre? Der orthodoxe Rabbiner Moshe Tendler sieht kein Unrecht darin, die Linie von Holocaust-Überlebenden ohne lebende Verwandte mit Klonen weiterexistieren zu lassen. Und die " "International Academy of Humanists , der namhafte Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger und DNS-Mitentdecker Francis Crick und der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson angehören, brandmarkt ein Klonierungsverbot als "fortschrittsfeindliche Alternative".
Dolly, das unschuldige Tier, wirft die alte Grundfrage auf, was Wissenschaft darf und soll. Ob es Grenzen für sie gibt und wer sie setzt. Und ob es sinnvoll ist, in unserer schnellebigen Zeit heute moralische Kriterien zu definieren, die man morgen anders festsetzen würde.
Es spricht allerdings nichts dafür, die Definition von Gut und Böse der wissenschaftsinternen Selbstkontrolle zu überlassen. Die Branche ist dazu schon deshalb unfähig, weil sie nicht weiß, was in ihr vor sich geht. Immerhin war Dolly bereits ein halbes Jahr vor ihrer öffentlichen Vorstellung geboren und Ian Wilmut seit einem Jahrzehnt mit der Vorbereitung des epochalen Versuchs beschäftigt, wenn auch hinter den verschlossenen Türen eines kommerziellen Unternehmens.
Doch in anhaltend braver Betriebsblindheit behaupten Wissenschaftler wie Jens Reich vom Berliner Max Delbrück-Centrum immer noch, daß ein Klonieren "bei Menschen mit Sicherheit nicht funktioniert". Man kann von einer Zunft als Ganzes keine Skrupel erwarten, solange sich stets einer findet, der macht, was machbar ist, selbst wenn andere davor zurückschrecken. Naturwissenschaftler wie Ian Wilmut sind Pragmatiker, keine Ethiker und keine Philosophen.
So ist denn die Öffentlichkeit genötigt, den Wissenschaftlern zu mißtrauen, selbst wenn die nicht müde werden zu bekunden, daß sie stets nur nach dem Wohl der Menschheit trachten.

Auch Dolly soll schließlich nur den Weg zu einer neuen, segensreichen Technik ebnen. Geklonte Tiere werden als Modellsysteme für menschliche Krankheiten gepriesen und als lebende Fabriken für die Erzeugung von Medikamenten oder Spenderorganen, die leidenden Menschen zugute kommen. Zootiere könnten kloniert und bedrohte Wildbestände aufgefrischt werden.
Und auch das Kopieren von Menschen verliert nach Meinung mancher Forscher im Lichte der modernen Neurobiologie sein Grauen. Zwar verleiht ein genetisches Grundprogramm den Menschen Augen, Hautfarbe und andere physiologische, womöglich gar soziale Eigenarten. Aber trotz allem biologischen Determinismus bildet die Persönlichkeit sich letztlich im sozialen Umfeld. Das "Ich" eines Menschen formt sich durch Abermilliarden Eindrücke, aus denen Verschaltungen im Gehirn entstehen - zu einem guten Teil sogar schon im Mutterleib. Zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgetragene genetisch identische Wesen wären demnach weit unterschiedlicher als eineiige Zwillinge.

Dennoch: Niemand weiß, wie ein "Homo xerox" sich letztlich neben seinem "Vorbild" fühlt, wie er sich gegenüber den hochgesteckten Erwartungen seiner "Erzeuger" verhält. Zumal er sich in seinem Leben womöglich ungefragt an einer Großzahl von Kopien seiner selbst wird messen lassen müssen. Der Entschluß, Kinder als Klone in die Welt zu setzen, darf deshalb nicht den E1tern überlassen werden. Es gibt, auch für Menschen mit fanatischem Kinderwunsch, kein Grundrecht darauf, sich den mit allen Mitteln zu erfüllen. Auf jeden Fall muß - im Rahmen der gültigen Definition von Menschenwürde - ein solcher Anspruch zurückstehen gegenüber dem Recht eines Individuums auf genetische Einzigartigkeit.
Schließlich ist die ganz simple Frage zu stellen, warum eine über Jahrmillionen biologisch erprobte Art der sexuellen Vermehrung durch eine andere, vegetative, ersetzt werden soll, die von Natur aus normalerweise den Bakterien, Pilzen und Pflanzen vorbehalten ist.
Weil niemand die langfristigen medizinischen Risiken des Klonierens kennt - von Komplikationen beim Vaterschaftsnachweis und beim Erbrecht gar nicht zu reden -, müssen die Wissenschaftler sich moralischen Grundsätzen unterordnen, auch wenn ihnen diese willkürlich erscheinen mögen. So vernünftig das Tabu einer Tötung von Menschen ist, auch wenn dieser Grundsatz täglich verletzt wird, so zweckmäßig ist es, gewisse Errungenschaften der High-Tech-Biologie pauschal abzulehnen, auch wenn sie im Einzelfall nützlich sein könnten.
Das Zeitalter des Klonierens hat mit Dolly erst begonnen. Künftig ist deshalb mit vielem zu rechnen, was heute noch Science-fiction ist. Bis hin zu der Vision, nach der jede beliebige Person ohne deren Einwilligung zu klonieren wäre. Nötig wäre dazu lediglich ein winziger Tropfen Blut etwa von Boris Becker oder ein Hautfetzen von Claudia Schiffer, und jede Frau könnte sich ihr Wunschobjekt in Form eines entsprechend vorgezüchteten Klons in die Gebärmutter pflanzen lassen.
Natürlich werden Wissenschaftler derartige Szenarien als Panikmache abtun. Doch spätestens seit dem 22. Februar 1997 weiß die Öffentlichkeit, daß selbst das Unglaubliche geschehen kann.


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