Geo Wissen, 3/98, Steven Dickmann, Seite 60

Menschen nach Mass ?

Embryonenselektion

Der Anruf des Klinikchefs kommt an einem Montag: "Wir haben Ihre Embryonen getestet, und es gibt nur einen, den wir einpflanzen können. Bitte kommen Sie sofort." Henry Kramer* wiederholt laut, was er gehört hat, so daß Iris*, seine Frau, die Neuigkeit gleich mitbekommt.
"Sie haben nur einen Embryo? Einen einzigen?" Iris Kramer beginnt zu weinen. Sie sieht ihren Traum vom eigenen Kind dahinschwinden. Denn die Chance, daß sich ein im Reagenzglas gezeugter menschlicher Keim nach der Implantation im Uterus einnistet, liegt bei nur 10 bis l 5 Prozent - und den Kramers ist jetzt nur dieser eine geblieben.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Paaren, die das Genetics & IVF Institute (GIVF) in Fairfax (US-Staat Virginia) aufsuchen - IVF steht für In-vitro-Fertilisation, die Zeugung im Reagenzglas -, sind die Kramers nicht unfruchtbar. Beide sind jung und gesund, und beide Henry in seinem Dallas-Cowboys-Football-Outfit und Iris in ihrem viel zu großen Jogging-Anzug - sehen aus, als kämen sie aus dem nächstbesten McDonald's-Restaurant. Konsultiert haben die beiden die auf IVF spezialisierte Klinik vielmehr wegen eines anderen Problems.
In der Familie der jungen Frau grassiert ein schlimmes unheilbares Erbleiden, das nur bei Männern ausbricht: die Duchenne-Muskeldystrophie, die zu irreparablem Muskelschwund führt. Es hat den Bruder von Iris an den Rollstuhl gefesselt und ihn im Alter von zwölf Jahren sterben lassen. Auch das Erbgut von Iris enthält das Gen, das dieses Leiden bewirkt, und zwar sitzt es auf dem X-Chromosom. Die Kramers hatten sich zur extrakorporalen Zeugung entschlossen, weil sie ihnen die Möglichkeit eröffnete, ein mit Sicherheit gesundes Kind zu bekommen.
Nach der In-vitro-Befruchtung im GIVF entwickelten sich drei Embryonen, präziser gesagt: Präembryonen, wie die Keime bis zum 15. Tag nach der Befruchtung wissenschaftlich genannt werden. Einer dieser Keime war männlich, wie der Test ergab: Der heranwachsende Junge würde somit die Krankheit mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit erben. Das Geschlecht des zweiten Embryos ließ sich nicht zweifelsfrei ermitteln, und bei ihm wollten die Kramers kein Risiko eingehen. So blieb nur der dritte - weibliche - Embryo als Kandidat für die Einpflanzung übrig. "Wir brauchen doch letztlich nur einen", sagte Henry, um seiner Frau und sich selber Mut zu machen. "Komm, laß uns hingehen."
So gelangten die Kramers in jene (schöne) neue Welt, in der Embryonen nach ihren Eigenschaften sortiert werden und nur dann eine Lebenschance erhalten, wenn sie den Kriterien der Eltern und der Experten genügen. Bislang wird die genetische Prä-Implantations-Gen-Diagnostik (PGD) nur bei schweren unheilbaren Erbkrankheiten angewandt, so bei Zystischer Fibrose, die vom Kindesalter an beständige, zähe Schleimablagerungen in Lunge und Darm verursacht und die Lebenserwartung auf rund 30 Jahre verkürzt, oder beim Tay-Sachs-Syndrom, das in Amerika vor allem bei Nachkommen jüdischer Einwanderer aus Osteuropa vorkommt und schon im frühen Kindesalter zu Erblindung, Lähmung, geistigem Verfall und schließlich zum Tod führt.

Doch dies ist nur der Anfang. Unablässig entwickeln Genetiker und Embryologen neue Embryonen-Testverfahren. Nachdem sie sich zunächst auf Krankheiten konzentriert hatten, die ihre Opfer schon in jungen Jahren dahinraffen, gelang es ihnen, auch Erbleiden zu diagnostizieren, die relativ spät einsetzen und nicht notwendigerweise tödlich verlaufen, etwa Brust- oder Dickdarmkrebs. Wissenschafts-Enthusiasten erwarten, daß die künftige Entwicklung der Gen-Diagnostik die Identifizierung aller erdenklichen Erbmerkmale ermöglicht - von der musikalischen Begabung bis zum Charakter.
"Dies ist ein erster Blick auf die Radar-Schirme der Medizin im 21. Jahrhundert", kommentiert der amerikanische Bioethiker Arthur Caplan. "Heute liegen die Fortpflanzungs-Optionen der Paare in den Händen von Geburtshelfern und Gynäkologen, morgen bestimmt darüber ein Gen-Arzt, der unter dem Mikroskop Embryonen aussortiert."
Bei dem Bruder von Iris Kramer war die Duchenne-Krankheit sofort nach der Geburt diagnostiziert worden. Mit fünf konnte der Junge nicht mehr gehen, und bald waren auch seine Arme gelähmt. Die zwei Jahre ältere Iris schob ihren Bruder im Rollstuhl. Sie spielte mit ihm im Haus, während andere Kinder draußen herumtollten. Sie blieb an seiner Seite bis zu dem Tag, an dem er, gerade zwölf Jahre alt, sterben mußte.
Diese schmerzvolle Erfahrung grub sich tief in ihre Seele. Nie wieder wollte sie jemanden so leiden sehen wie ihren Bruder. "Wer würde bewußt ein solches Kind in die Welt setzen wollen?" fragt sie heute.
Schon früh beschloß Iris, keine eigenen Kinder zu bekommen. Sie und ihre Schwester Teresa wußten, daß sie die Krankheit vererben würden - und zwar nach der statistischen Wahrscheinlichkeit jedem zweiten ihrer Söhne, auch jede zweite Tochter wäre ihrerseits Gen-Trägerin. Nachdem bei ihrem Bruder die Duchenne-Krankheit diagnostiziert worden war, empfahl, so erinnert sich Teresa, "der Doktor unserer Mutter mit Nachdruck, ihre Töchter sterilisieren zu lassen. Sie sagte ihm, er solle zur Hölle fahren".

Als Iris ihren Mann heiratete, war es bereits möglich, Fruchtwasser aus den Uterus zu extrahieren und daraus das Geschlecht der Leibesfrucht zu ermitteln. Wäre sie schwanger geworden, hätte sie bei der Diagnose "männlich" die Option auf einen Schwangerschaftsabbruch gehabt.
Doch Iris hatte ihre Zweifel an der "pränatalen Diagnostik", zu welcher der Fruchtwasser-Test zählt. "Viele Frauen in dieser Situation haben ähnliche Bedenken", sagt Mark Hughes vom National Center for Human Genome Research in Bethesda (US-Staat Maryland), einer der Pioniere der Prä-lmplantations-Gen-Diagnostik. "Selbst wenn sie Abtreibungen nicht grundsätzlich ablehnen, sind sie gegen diesen Test. Es kommt ihnen vor, als eröffneten sie ihren Brüdern oder Söhnen: "Wir lieben dich, aber einen zweiten wie dich wollen wir nicht haben." Viele stehen das psychisch nicht durch."
Trotz aller Bedenken beschloß Iris, eine Schwangerschaft auf normalem Wege zu riskieren. Das führte direkt in den zweiten Alptraum ihres Lebens. "Wir ließen den Fruchtwasser-Test in St. Louis durchführen", sagt ihr Mann. "Man teilte uns mit, das Kind werde ein Mädchen sein. Wir sagten, Gott sei Dank, und seufzten vor Erleichterung."

Doch dann kam ein zweiter Anruf: Versehentlich waren Zellen von Iris getestet worden. Der Embryo aber war männlich. Daraufhin entschlossen sich die Eltern zur Abtreibung. Es war eine solch traumatische Entscheidung, daß Iris bis heute nicht darüber sprechen mag. "Die Klinik, die den Test durchführte, ist eine renommierte Einrichtung", sagt Henry Kramer, "aber manchmal läuft eben alles schief."
Noch immer wollten die beiden gern Kinder haben, doch vor dem Risiko einer abermaligen Abtreibung scheuten sie zurück. Schließlich bot sich ihnen eine neue Perspektive: Ein "genetic counselor" - an vielen amerikanischen Kliniken beraten medizinisch und psychologisch geschulte Spezialisten fortpflanzungswillige Paare - erzählte ihnen von PGD, der Prä-Implantations-Gen-Diagnostik. Und er nannte ihnen auch eine Einrichtung, die diese Methode anwandte: das Genetic & IVF Institute.
Die Klinik erklärte sich bereit, den Kramers zu helfen - kostenlos, denn das Verfahren befand sich noch im Experimentierstadium. Die beiden waren sich sofort einig: "Das ist für uns die einzige Möglichkeit."
Aus den Ovarien von Iris Kramer wurden 13 Eier entnommen und mit dem Sperma ihres Mannes befruchtet. Die so entstandenen Embryonen ließ das GIVF-Team drei Tage lang wachsen, bis sie das Acht- oder Zwölf-Zell-Stadium erreicht hatten - den Zeitpunkt, an dem mit einer Embryonen-Biopsie das Geschlecht zu bestimmen ist. Nicht alle Embryonen hatten bis dahin überlebt - an jenem Sonntagnachmittag nur jene drei.
Ed Fugger, der Embryonen-Experte am GIVF, hat seine Ausbildung in - auf Viehzucht ausgerichteter - Reproduktions-Biologie an der Texas Agricultural and Mechanical University, kurz: Texas A & M, absolviert. Stämmig, mit näselndem Akzent, Piloten-Sonnenbrille und geschmückt mit dem riesigen Ring seines College, erinnert der gebürtige Texaner eher an einen Armee-Offizier als an einen Wissenschaftler.
Der Werdegang dieses GIVF-Experten, der entfernt mit den Augsburger Fuggern verwandt ist, spiegelt die seltsame Entstehungsgeschichte dieser noch jungen wissenschaftlichen Disziplin: Viele Forscher, die mit menschlichen Eizellen und Embryonen hantieren, haben in der Viehzucht gearbeitet. Präembryonen von Rindern sind größer als die von Menschen und einfacher zu handhaben. Um sich auf den Umgang mit letzteren vorzubereiten, hat Fugger auch mit denen von Mäusen experimentiert, die nur etwa halb so groß und noch weit schwieriger zu manipulieren sind. "Als ich danach erstmals mit Menschen-Embryonen gearbeitet habe, dachte ich: Oh, das ist ja ein Kinderspiel."

Das Wichtigste, das man zur Präparation einzelner Embryozellen braucht, ist das richtige Werkzeug. Fugger fertigt es selber an: fein gezogene Glasnadeln und Pipetten, die so dünn sind, daß das Auge sie kaum mehr wahrnehmen kann. So filigran sind sie, daß sie nur mit Aktuatoren - Kraft-Überträgern - zu benutzen sind, die alle Bewegungen des Operators maßstabgerecht dem Mikrokosmos der Zellen anpassen.
In seinem Labor, das an einen OP erinnert, sitzt Fugger vor seinem binokularen Mikroskop und fokussiert einen Embryo. Mit einer Pipette hält er ihn in einer mehr oder weniger stabilen Lage. Die Pipette, Durchmesser 60 bis 70 Mikrometer, saugt den Embryo mit leichtem Unterdruck an. Der Embryo schimmert in gleißendem Licht unter dem Mikroskop - ein kleines Bündel Zellen, umgeben von einer transparenten Hülle, der Zona pellucida. Wohl nur in diesem Entwicklungsstadium sind wir Menschen wahrhaft gläsern.
An jenem schicksalsträchtigen Sonntag hielt Fugger jeden der drei verbliebenen Kramerschen Embryonen mit seiner Pipette fest und schlitzte alle drei mit einer Nadel auf. Das klingt barbarisch, doch ganz plausibel, als der Embryo-Experte den Vorgang in seinem gemächlichen Texanisch erläutert: "Die Hülle ist sehr elastisch, wenn sie sich im richtigen Stadium befindet. Nach der Entnahme der Zelle schließt sich der Schlitz sofort."
Die Zellen schwebten im Innern der "Zona" wie Wasserbälle. Theoretisch könne man sie nach dem Aufschlitzen allesamt freisetzen, erläutert der Experte. Doch im Gegensatz zu Wasserbällen seien Embryonen-Zellen oft etwas klebrig. "Sie haften aneinander, wenn auch nicht sehr stark. Ich drücke dann auf die "Zona", um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie stark die Zellen aneinanderhaften. Lassen sie sich leicht bewegen, weiß ich, daß es nicht sehr schwierig sein wird, sie herauszuholen. Denn im Idealfall gibt die Hülle unter leichtem Druck nach, so daß beim Aufschlitzen eine Zelle herausschießt. Ich drücke also von außen auf den Embryo, und - blubb - kommt sie heraus."
Der Embryo wird durch diese Prozedur nicht geschädigt: In diesem frühen Stadium werden entnommene Zellen unverzüglich ersetzt, die Entwicklung geht ungestört weiter.
Fugger weist darauf hin, daß sich Embryonen - genau wie die Menschen sehr voneinander unterscheiden. "Mit der Zeit entwickelt man eine solche Fertigkeit in dieser Technik, daß immer etwas für das DNS-Labor herauskommt egal wie die Embryonen aussehen. Ich teste sie gem. Jedesmal wenn ich mir einen vornehme, gebe ich ihm einen Stups und sage: Wer bist du denn? Wie möchtest du denn behandelt werden?"
Welcher Embryo schließlich implantiert wird, entscheidet sich freilich nicht unterm Mikroskop, sondern im Gen-Labor. Im Falle der Kramers mußte jeder der lebensfähigen Embryonen einen Test absolvieren, mit dem das Geschlecht bestimmt wurde.

Eine menschliche Zelle enthält sechs Pikogramm DNS - ein Pikogramm ist der millionste Teil eines Millionstelgramms. Eine wahre Enzyklopädie an Informationen liegt darin verborgen, sämtliche drei Milliarden Buchstaben der menschlichen Erbsubstanz. Der GIVF-Genetiker Gene Levinson hatte in der immensen Bibliothek des Kramerschen Erbguts gleichsam einige Wörter aufzuspüren, genauer: einen bestimmten Abschnitt auf dem Y-Chromosom, der einen Embryo zweifelsfrei als männlich ausweist.
Genetische Schlüsselwörter zu identifizieren ist heutzutage beinahe wissenschaftlicher Alltag - dank einer Technik, die ähnlich funktioniert wie die Suchroutine in einem Computer-Textverarbeitungsprogramm: Levinson und seine Kollegen vermehren die gesuchten "Wörter" - bestimmte Abschnitte der DNS aus dem Kern einer Embryozelle mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), bis genug Kopien davon vorhanden sind, um diese "Wörter" leicht nachweisen zu können.
Die PCR-Technik ist allerdings bei einer einzelnen Zelle noch fehlerträchtig. In zwei Fällen sind hochkarätigen IVF-Teams in New York und London Fehldiagnosen unterlaufen: Sie pflanzten "defekte" Embryonen ein, die die Paare - wie die Kramers nach deren Test-Panne - abtreiben ließen. In einem weiteren, noch schwerer wiegenden Fall hatte das Illinois Masonic Medical Center in Chicago einen Embryo implantiert, der dem Testergebnis zufolge nicht von der in der Familie des Vaters grassierenden Erbkrankheit Zystische Fibrose betroffen war. Die Forscher hatten sich geirrt.
Die Eltern, tiefgläubige Christen und Abtreibungsgegner, entschlossen sich, das Kind zu bekommen. Ihre Tochter leidet an Zystischer Fibrose und hat eine entsprechend geringe Lebenserwartung. Dieser Fehler brachte der Chicagoer Klinik eine Klage ein - und rückte die gesamte Methode in ein schlechtes Licht.
Deshalb beeilt sich Levinson, darauf hinzuweisen, daß heute sehr viel sorgfältiger gearbeitet werde. Der Irrtum von Chicago habe sich schließlich 1992 ereignet - in der Frühzeit der PGD-Technik. Zu den Kardinalfehlern zählt Levinson, daß nach einem "Wort" auf dem Y Chromosom gefahndet wird, ohne gleichzeitig nach "Wörtern" auf dem X-Chromosom und anderen genetischen Markern zu suchen: "Es ist sehr gefährlich, sich auf das Ausbleiben eines einzigen Signals zu verlassen." Das GIVF untersuche bei jedem Embryo mindestens 300 DNS-Proben, um eine akkurate Diagnose sicherzustellen.

Einer der drei Embryonen, die an jenem Sonntag noch am Leben waren, machte den Forschern Probleme: Die DNS ließ sich einfach nicht vermehren, erinnert sich Gary Harton, der Leiter des Gen-Labors. "Deshalb haben wir keine Daten bekommen. In solchen Situationen überlassen wir es immer den Patienten, zu entscheiden, was zu tun sei." Die Kramers wollten jedes Risiko vermeiden. Da der zweite Embryo männlich war, entschieden sie sich zur Implantation des dritten, von dem sie wußten, daß er weiblich war und mithin die Duchenne-Krankheit nicht bekommen konnte.
Der Vorgang der Implantation war wenig erbaulich, eine "Anti-Klimax", wie Iris Kramer sich erinnert: "Ich mußte mich zurücklehnen, damit sie den Embryo einpflanzen konnten. Sie hatten mir ein Mittel zur Entspannung meiner Muskeln gegeben, und ich spürte nichts. Noch eine weitere halbe Stunde mußte ich in einem Winkel von fünf Grad rückwärts gelehnt liegenbleiben, damit der Embryo Zeit hatte, sich einzunisten, und hernach hatte ich 24 Stunden das Bett zu hüten. Dann flogen wir nach Hause in den Mittleren Westen."
Nun begann die Wartezeit. Nach zehn Tagen sollte sich die Schwangerschaft nachweisen lassen. "Ich versuchte, mir das Leben so leicht wie möglich zu machen", sagt Iris Kramer. "Doch das einzige, woran ich denken konnte, war: Bist du schwanger? Meine Schwester hatte mir ein Medaillon mit einem Bild der heiligen Anna geschenkt - der Schutzpatronin der Mütter. Ich trug es die ganze Zeit, obwohl ich gar nicht katholisch bin."
Embryonen-Diagnosen sind in der Welt der Medizin noch immer selten. Diese experimentelle Prozedur ist für einen ganz speziellen Zweck entwickelt worden, um zu verhindern, daß solche Kinder wie der Bruder von Iris Kramer geboren werden. Gewiß ist, daß die Diskussionen um die ethischen Fragen, die diese Methode aufwirft, noch vertrackter und vielschichtiger sein werden als die Auseinandersetzungen um die Abtreibung. Denn PGD läutet eine neue Ära der Eugenik ein.
Die meisten Wissenschaftler hören dieses Wort nicht gern, obwohl es die Brisanz dieser Technik auf den Punkt bringt. "Ich glaube, daß künftig die meisten Leute die IVF-Technik nicht wählen werden, weil sie ein Fruchtbarkeitsproblem haben, sondern wegen der Möglichkeit, Embryonen genetisch zu selektieren", sagt der PGD-Experte Mark Hughes, selbst einer der glühendsten Verfechter dieser Methode. Zwar sind sehr viele Leute unfruchtbar Schätzungen reichen in den USA bis zu 20 Prozent der Bevölkerung -, doch "ein noch größerer Prozentsatz wird etwas für seine Gene tun wollen".

Daß angesichts dessen die Prä-Implantations-Diagnostik immer noch eher eine Randerscheinung ist - ein Exot in der Medizin-Technik -, liegt vor allem an den hohen Kosten. Sie belaufen sich pro IVF-Behandlung nach den besten Schätzungen auf 10 000 Dollar - und viele Frauen werden beim ersten Versuch noch gar nicht schwanger. Rund 8000 Dollar kostet die IVF-Prozedur selbst, der Rest geht an High-Tech-Genlabors wie jenes, an dem Levinson arbeitet. Deshalb müssen Paare, die IVF der genetischen Selektion wegen wählen, schon triftige Gründe für ihre Entscheidung haben - etwa die Sorge, ein Kind mit einer unheilbaren Krankheit zu bekommen.
"Am GIVF", sagt Levinson, "arbeiten wir daran mit, weil wir die Methode für richtig halten." Tatsächlich jedoch ist es nicht nur guter Wille oder der Hippokratische Eid, der Mediziner dazu veranlaßt, die Entwicklung der IVF-Technik voranzutreiben und Forschungsstätten wie das GIVF einzurichten. Levinson: "Wir machen damit das GIVF sehr bekannt." Außerdem könnten die Forscher an den Instituten mit den Patienten die PGD trainieren.
Trotz der hohen Kosten wird es letztlich an der Nachfrage nach PGD nicht mangeln. Denn die Zahl der Eltern, die angesichts eines Erbleidens in der Familie vor der Entscheidung stehen, welches Kind sie zur Welt bringen sollen, wird zunehmen, je mehr genetische Dispositionen erkannt sind. "Wenn erst genügend genetische Marker zur Verfügung stehen und die Technik so verläßlich geworden ist, daß sie nur noch geringe Risiken bietet, werden die hohen Kosten schon eher akzeptiert", sagt der Bio-Ethiker Caplan von der University of Pennsylvania.
Er geht davon aus, daß PGD ein Routine-Verfahren wird, an dem die Spezialisten prächtig verdienen können: "Weil Abtreibung noch immer so schrecklich ist und die genetische Behandlung von Embryonen noch weiter in der Zukunft liegt, ist PGD die Domäne, auf die sich eine Menge intelligenter Leute konzentrieren werden."
In rascher Folge werden mehr und mehr genetische Marker für Erbleiden erkannt: So fanden Forscher 1993 Gene, die mit Darmkrebs einhergehen. 1995 stießen sie auf genetische Auslöser von Alzheimer und Bauchspeicheldrüsenkrebs, und zwischen 1994 und 1996 auf insgesamt vier Gene, die mit Brustkrebs im Zusammenhang stehen. All diese Leiden ließen sich prinzipiell mittels PGD vorgeburtlich diagnostizieren. Levinson: "Ist einmal ein Gen entdeckt, so dauert es nur zwei, drei Monate, bis eine verläßliche Diagnose-Methode dafür gefunden ist."

Bislang möchten die meisten Frauen, die sich in Kliniken wie dem GIVF einer PGD unterziehen, nach einer langen Serie von Fehlgeburten ihre Chance erhöhen, doch noch ein Kind zu bekommen. Oder sie wollen ihren Nachwuchs vor einem Erbleiden bewahren, das wie die Duchenne-Krankheit bereits im Kindesalter tödlich ist. Doch schon in naher Zukunft könnte sich noch eine andere Kategorie von Familien für PGD interessieren - jene, deren künftigen Kindern eine Erbkrankheit erst später im Leben droht.
Moshe Zilberstein ist Leiter der Genetik-Abteilung des Institute for Reproductive Medicine im Bostoner Faulkner Hospital, das zu jenen weltweit etwa einem halben Dutzend Instituten zählt, die gegenwärtig PGD anbieten. Der Mediziner hatte gegen diese Technik zunächst starke Vorbehalte. "Wenn PGD erst einmal in größerem Umfang verfügbar ist", argumentierte er, "dann werden sich vermutlich immer mehr Menschen dazu gedrängt fühlen, sich testen und ihren potentiellen Nachwuchs selektieren zu lassen. Vor allem dann, wenn sich die Möglichkeit abzeichnet, bestimmte Erbkrankheiten innerhalb von einer oder zwei Generationen zu eliminieren."
Doch Zilbersteins Haltung änderte sich, als er 1994 an einer Konferenz in den National Institutes of Health (NIH) teilnahm, die sich mit den genetischen Faktoren des Brustkrebses befaßte. Obwohl PGD nicht auf der Tagesordnung stand, meldete sich Zilberstein bei einer Diskussion zu Wort und bekannte, daß er - sobald ein genetischer Marker für Brustkrebs entdeckt sei - daran denken werde, Paaren PGD anzubieten, um ihnen zu helfen, Embryonen mit diesem Marker zu identifizieren.
"Ich hatte große Bedenken, das Thema überhaupt anzusprechen", erinnert sich Zilberstein. "Mir war, als verkündete ich den Menschen im Saal, von denen sicherlich manche mit einer Anlage für erblichen Brustkrebs behaftet waren, daß sie sich als Objekt einer Aussonderung betrachten müßten."

Doch die Reaktion des Publikums verblüffte Zilberstein zutiefst. "Ich hörte: ‘Wenn Sie in der Lage sind, das zu tun - die Gene zu identifizieren und die von Krankheit bedrohten Embryonen nicht zu implantieren dann möge Gott Sie segnen. Wenn Sie das können, und sei es auch nur in der Generation unserer Enkel, dann werden wir weniger Schuldgefühle haben’." Niemand hatte Einwände, mit PGD gegen Mutationen vorzugehen. Nicht eine einzige Hand erhob sich dagegen.
Und Arthur Caplan wagt eine noch weiter gehende Prognose: Sobald genetische Marker für spezifische Persönlichkeitsmerkmale und Prädispositionen wie musikalische Begabung oder Kreativität gefunden seien, werde PGD auch dabei angewendet. Diese Möglichkeit zeichnete sich erstmals im Januar 1996 ab: Je ein israelisches und amerikanisches Forscher-Team spürten ein Gen auf, das den Botenstoff Dopamin kontrolliert, und dieser wiederum nimmt Einfluß auf Verhaltensweisen wie Mut, Wißbegier und Kreativität.

Wohlhabende Familien schicken ihren Nachwuchs auf Privat schulen, zum Musikunterricht und in Ferien-Theaterkurse. Diese werden sich auch für Embryonen-Biopsie interessieren", sagt Caplan voraus. "Auch in Deutschland. Die Deutschen sind zwar aus historisch bedingten guten Gründen mißtrauisch gegenüber der Embryonen-Diagnostik, aber auch sie werden die Vorteile nicht außer acht lassen. Sie sind nicht weniger konkurrenzbewußt und an Persönlichkeits- sowie Verhaltensmerkmalen interessiert als wir. Ich glaube, daß sie auf lange Sicht ebenso wie wir die technischen Möglichkeiten nutzen werden, ihre Nachfahren genetisch auszuwählen."
Für Michael Ludwig, Arzt im Team von Prof. Klaus Diedrich an der Frauenklinik der Medizinischen Universität Lübeck, ist es dagegen indiskutabel, PGD für etwas anderes einzusetzen als zur Verhinderung schwerer Krankheiten. Schon die PGD-Identifikation von Embryonen mit einer Anlage für Brustkrebs hält er für ethisch bedenklich. "Für uns ist das keine Indikation. Nicht alle mit einem "Brustkrebs-Gen" werden tatsächlich krank. Überdies läßt Brustkrebs sich im Prinzip heilen. Man benötigt PGD nicht, um diese Krankheit aus der Welt zu schaffen."
Darüber, inwieweit Brustkrebs heilbar ist, streiten jedoch die Experten manche Frauen aus Familien, in denen sich Brustkrebsfälle häufen, lassen sich, noch bevor sich Tumore bilden, beide Brüste prophylaktisch abnehmen. Daß Ärzte in anderen Ländern PGD anbieten, läßt Ludwig unbeeindruckt: "Man muß nicht alles machen, was theoretisch machbar ist."

Bislang wurde PGD in Deutschland sowohl aus ethischen wie aus historischen Gründen nicht praktiziert. Vor allem wegen der Versuche während der Nazi-Zeit, die "Erbgesundheit des deutschen Volkes" mittels Rassen-Hygiene zu verbessern, gibt es in Deutschland heute striktere Bestimmungen für genetische Manipulationen und In-vitro-Fertilisation als anderswo. Die starken ethischen Bedenken flossen in das Embryonen-Schutzgesetz (ESchG) ein. Es soll Embryonen vor Mißbrauch durch die Wissenschaft schützen, insbesondere vor der sogenannten verbrauchenden Forschung, die keimendes menschliches Leben bisweilen Risiken aussetzt, ohne ihm zu nutzen.
Ludwig und Diedrich hatten bei der für ihre Klinik zuständigen Ethikkommission beantragt, bei einem Paar, das mit dem Gen für Zystische Fibrose behaftet ist, die Prä-Implantations-Diagnostik vornehmen zu können. Das Gremium beriet fast ein ganzes Jahr und entschied mit Jein: Aus ethischer Sicht bestünden keine Einwände. Aber aus rechtlichen Gründen sei das Verfahren unzulässig. Nun prüfen Arbeitsgruppen der schleswig-holsteinischen Landesregierung und des Bundesjustizministeriums, ob PGD nicht doch mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist.
Das Team der Medizinischen Universität Lübeck hat bei der Formulierung seines PGD-Antrages höchsten Wert darauf gelegt, die ESchG-Bestimmungen hinreichend zu berücksichtigen. So erklärt etwa Ludwig ausdrücklich, daß er die Embryonen nur zu deren eigenem Nutzen testen will, um gar nicht erst den Verdacht auf "verbrauchende Forschung" aufkommen zu lassen.
Sollte sich der Embryo jedoch als Träger des fraglichen Gens erweisen, so würde, meint Ludwig, seine Aussonderung nicht gegen das Gesetz verstoßen, weil nicht die Ärzte entscheiden, ob ein Embryo - und falls ja, welcher - eingepflanzt werden soll, sondern die Eltern. Allerdings ließe sich mit dieser Argumentation irgendwann sogar rechtfertigen, Embryonen mit Genen für blaue Augen und blondes Haar den Vorzug zu geben.

Während ihrer gesamten Schwangerschaft hat Iris Kramer ihr Medaillon mit der heiligen Anna nie abgenommen. Alles verlief optimal, auch die pränatalen Tests am GIVF fielen positiv aus. "Wir haben sie nicht veranlaßt, aber wir wurden darum gebeten", erinnert sie sich. "Außerdem wollten wir nicht noch einmal in die Kristallkugel blicken."
Am Muttertag des Jahres 1994 gebar Iris Kramer ein gesundes Mädchen. "Hannah ist alles, was wir uns nur wünschen konnten", sagt sie bei einem Gespräch in der Lobby eines Hotels in ihrer Heimatstadt. Hannah, inzwischen 30 Monate alt, ist ein blondes, übermütiges und fragelustiges Kleinkind. Die Eltern müssen ihr durch die Lobby hinterherjagen. Iris stellt Hannah zwischen zwei Sprints mit den Worten vor: "Hier ist das Wunder-Kind." Sie sagt das mit leicht ironischem Unterton, als wollte sie zu verstehen geben: Sehen Sie - trotz ihrer ungewöhnlichen Vorgeschichte ist Hannah ein völlig normales Mädchen.
Die Kramers mögen nicht jedem erzählen, unter welchen Umständen ihre Tochter zur Welt gekommen ist. "Wir leben in einer Stadt, deren größter Arbeitgeber die Assemblies of God sind. Für diese konservative christliche Sekte zählt allein Gottes Wille. Wir hingegen wissen zwar, daß die Möglichkeiten der Genetik furchterregend sind. Aber wir glauben, daß unter bestimmten Umständen die Selektion von Embryonen dennoch gestattet sein sollte, und dazu zählen schwere Erbkrankheiten." Iris Kramer gibt allerdings zu, daß sie bei der Diskussion der ethischen Probleme nicht neutral sein kann - weil dieses hübsche kleine Mädchen hier herumläuft.
Jedes Jahr zu Muttertag lädt das Genetics & IVF Institute alle Familien, die mit Hilfe der Klinik Kinder bekommen haben, zu einem Treffen und einer Party ein. Jedes Jahr nehmen inzwischen mehrere hundert Kinder teil, von insgesamt mehr als tausend. Die Eltern der weitaus meisten waren einst unfruchtbar. Für die Kramers gehört dieses Treffen zu den Höhepunkten des Jahres. "Da sind Hunderte von Kindern mit ihren Eltern", sagt Henry. "Und das Merkwürdige ist: Nie wird ein Kind geschlagen oder angeschrien. Hier gibt es mehr Liebe, als ich anderswo je gesehen habe. Diese Kinder sind von ihren Eltern gewollt."
Drei dieser Kinder sind wie die kleine Hannah sogar mehr als gewollt. They were selected, würde man in Amerika sagen. Im Deutschen klingt das etwas feierlicher - und vorsichtiger: Sie wurden auserwählt.

*Die Namen wurden geändert. Red.


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