Die Guten ins Töpfchen
Gentechnik kommt auf den Markt - die Forscher bedienen die steigende Nachfrage der
Mütter und Väter in spe
Von Jörg Albrecht
Darf man Menschen züchten? Und wenn ja, wie? Schöner, größer, intelligenter? Soll es
ein Leben ohne Krankheiten sein oder lieber gleich das ewige? In diesem Punkt jedenfalls
hat Peter Sloterdijk Recht: Das Thema wird seit Platon diskutiert. Im dritten Band seiner Politeia
stellt der griechische Philosoph die rhetorische Frage, nach welcher Regel sich Männer
und Frauen paaren sollen. Antwort: "Die Besten mit den Besten und die Schlechtesten
mit den Schlechtesten." Man mag allerdings erwähnen, dass Platons Ruhm nicht gerade
auf Beiträgen zur Naturwissenschaft gründet; die lieferte später sein Schüler
Aristoteles, als Widerspruch zur platonischen Lehre.
Auch ohne Platons Rat hat sich die Menschheit nicht wahllos fortgepflanzt. Familien,
Dorfgemeinschaften, Stämme, Clans haben bestimmte Typen hervorgebracht. Rothaarige
Wikinger etwa. Die Heiratspolitik der europäischen Königshäuser war ebenfalls der
Versuch, adliges Blut adlig rein zu halten. Wobei ein Effekt sicher nicht erwünscht war,
der bei jeder Zucht auftritt: Zucht bedeutet zwangsläufig Inzucht. Es mögen sich die
Besten mit den Besten paaren, am Ende kann Schlechtes dabei herauskommen.
Jahrhundertelange Vettern- und Kusinenwirtschaft hat Europas Hochadel genetisch eher ins
Abseits getrieben. So bildete das Geschlecht der Habsburger die Habsburger Lippe aus, eine
Missbildung der Kiefern, welche die Betroffenen dazu zwang, sich vorwiegend von Suppe oder
Brei zu ernähren. Die Linie der Romanows war von der Hämophilie gezeichnet, Russlands
letzter Zarewitsch litt an der Bluterkrankheit, ebenso Queen Victoria.
2000 Jahre nach Platon, mehr als 100 Jahre nach Johann Gregor Mendel, so könnte man
meinen, ist die Menschheit schlauer. Einerseits, was den Irrweg rassistischer Eugenik
betrifft. Andererseits aber auch, was jenes "züchterische Königswissen"
angeht, das Sloterdijk anspricht. Wären wir heute wirklich imstande, die Spezies Mensch
zu verbessern? Simpler gefragt: Welche Technik steht zur Verfügung? Und was lässt sich
mit ihr anstellen? Ethische Bedenken strikt ausgeklammert, lautet die Antwort: eine Menge.
Der Fortschritt, wenn es einer ist, kommt aus der Medizin und aus der Gentechnik. Beide
Disziplinen vereinen sich da, wo verzweifelte Eltern in spe Hilfe suchen - in den Zentren
der Reproduktionsmedizin. Befruchtung im Reagenzglas ist heute die Standardmethode, wenn
der Kinderwunsch sich nicht erfüllt. Auch für die Zeit danach ist gesorgt. Von der
Zeugung bis zur Geburt begleiten die Ärzte Mutter und Kind. In verschiedenen Stadien der
Schwangerschaft kann das Erbgut des Ungeborenen analysiert werden. Triple-Test (auf
Down-Syndrom) oder Mukoviszidose-Test sind zwei der gängigsten. Jährlich kommen etwa 100
neue DNA-Tests auf den Markt. 800 Erbkrankheiten lassen sich diagnostizieren, die
Wissenschaft kennt rund 5000 weitere Genabschnitte, die mit irgendwelchen Krankheiten in
Verbindung stehen.
So gut wie keine dieser Krankheiten ist ursächlich zu behandeln. Nur wenige sind
therapierbar. Im Zweifelsfall fällt eine negative Entscheidung; Abtreibung ist der
einzige Weg, ein erbkrankes Kind zu verhindern. Alle genannten Testverfahren haben zudem
den Nachteil, sichere Ergebnisse spät zu liefern - manche erst nach der 20.
Schwangerschaftswoche. Ein Fötus besäße zu diesem Zeitpunkt bereits Überlebenschancen
außerhalb des Mutterleibs.
Wer nichts mehr fürchtet als ein erbkrankes Kind, der steht vor einem Dilemma. Verzicht
auf Nachwuchs oder Schwangerschaft auf Probe (mit der Option auf Abbruch) - so sah bis vor
kurzem die Alternative aus. Der Begriff Eugenik wird in diesem Zusammenhang ungern
benutzt; die Beteiligten, so heißt es, träfen ja eine individuelle Entscheidung, nach
eigenem Gewissen und gründlicher Beratung.
Natürlich steht es jedem Elternpaar frei, im Wissen darum auch ein behindertes Kind zur
Welt zu bringen. Doch dies wird aufgrund umfassender Diagnose wohl bald die Ausnahme
werden. Es ist im Gegenteil ein gesellschaftliches Klima vorstellbar, das Erbkrankheiten
unterschwellig diskriminiert, weil "so etwas" angesichts medizinischen Wissens
doch wirklich nicht mehr sein müsse. Anders ausgedrückt: Kein platonischer Menschenhirt,
aber auch kein hitlerscher Schurke ist nötig, den eugenischen Gedanken in die Praxis
umzusetzen. Es reichen besorgte Eltern. Den Rest erledigen möglicherweise Kindergarten,
Schule und ein soziales Umfeld, das ein unglückliches genetisches Schicksal künftig
nicht mehr als gottgegeben betrachten, sondern als selbst verschuldet.
Jeder Mensch trägt ein halbes Dutzend Erbkrankheiten mit sich herum
An dieser Stelle ist ein Einwand fällig. Die Vorstellung, man könnte auf diese Weise
quasi durch die Hintertür eine "erbgesunde Gesellschaft" schaffen, geht fehl.
Nur ganz wenige Krankheiten werden dominant vererbt (dominant bedeutet, dass schon eine
Gen-Kopie, ob vom Vater oder von der Mutter, für sich allein das Krankheitsbild
auslöst). Fast immer müssen zwei defekte Gen-Kopien zusammenkommen (ein Erbgang, der
rezessiv genannt wird). Das ist bei Menschen, die nicht blutsverwandt sind,
unwahrscheinlich. Entsprechend selten sind Erbkrankheiten generell; bei manchen
übersteigt die Zahl der Experten, die daran forschen, die Zahl der Patienten, die daran
leiden, um ein Vielfaches.
Erbkrankheiten halten sich also versteckt. Und zwar in uns allen, die wir schätzungsweise
98 Prozent der (vom Erscheinungsbild her gesunden) Menschheit bilden. Jeder von uns trägt
im Durchschnitt ein halbes Dutzend seltener Erbkrankheiten mit sich herum. Die aber kämen
erst dann zum Tragen, wenn wir einen Partner fänden, der zufällig die gleichen Anlagen
besäße. Man nennt es das Hardy-Weinberg-Gesetz, benannt nach seinen beiden Entdeckern:
Seltene rezessive Merkmale sind wie die Nadel im Heuhaufen. Wer eine rezessive
Erbkrankheit wirklich ausrotten will, muss jene 98 Prozent der Bevölkerung durchleuchten
(und gegebenenfalls an der Fortpflanzung hindern), bei denen sie gerade nicht in
Erscheinung tritt. Ein solches Massen-Screening ist kaum realisierbar, sein Aufwand
stünde in keinem Verhältnis zum angestrebten Ergebnis.
Fazit: Negative Eugenik ist möglich. Im Einzelfall wird sie bereits praktiziert. Sie
könnte auf Dauer Moral und Gesellschaft umkrempeln, aber nicht das menschliche Erbgut in
toto.
Den Philosophen ging es stets um mehr. Auch Platon oder Nietzsche träumten nicht nur
davon, Schwache oder Kranke auszumerzen. Sie wollten den Menschen als solchen verbessern.
Ist eine solche positive Eugenik nach heutigem Kenntnisstand möglich? Auf den ersten
Blick nicht. Dazu müsste man imstande sein, menschliche Gene einigermaßen gezielt zu
verpflanzen. Die Technik ist bereits erprobt worden. Es hat rund 100 klinische Versuche an
mehr als 600 Patienten gegeben, Krankheiten wie Lungenkrebs, Muskeldystrophie oder
familiäre Hypercholesterinämie mittels Gen-Therapie an ihrer Wurzel zu packen. Dabei
soll, so die Theorie, ein defektes Gen im Körper durch ein funktionierendes ersetzt
werden. In der Praxis sind bislang alle Experimente gescheitert. Was nicht heißt, dass
das für alle Ewigkeit so bleibt. Labormäuse lassen sich mittlerweile über Generationen
hinweg fast beliebig manipulieren.
Ähnliche Verfahren wie bei der somatischen Gen-Therapie müssten auch bei einer
eventuellen Keimbahn-Therapie (Eingriff in Samen- und Eizelle) zum Einsatz kommen.
Versuche zur menschlichen Keimbahn-Therapie sind zur Zeit weltweit geächtet, in vielen
Ländern sogar verboten. Das Gleiche gilt für das vorsätzliche Klonen von Menschen.
Klonen wäre immerhin ein denkbarer Weg der positiven Eugenik, weil das erwartbare
Ergebnis, wenigstens ungefähr, schon zu Lebzeiten besichtigt werden kann.
"Übermenschen" wären das immer noch nicht. Höchstens Kopien von Menschen, die
sich selbst für besonders gelungen halten (oder es in den Augen anderer sind). Der
breiten Mehrheit ist allerdings wenig daran gelegen. Prosaisch gesprochen wünschen sich
die meisten Eltern nur, dass ihr Nachwuchs ein bisschen klüger, ein bisschen schöner
oder vielleicht ein bisschen musikalischer ausfällt; dass er es mit anderen Worten mal
ein bisschen besser haben wird. Wäre die Wissenschaft erst in der Lage, diesen Wunsch zu
erfüllen, fiele es nicht mehr schwer, sich den entsprechenden Bedarf vorzustellen.
Die Fantasie jedenfalls ist angeheizt. Seit Jahren vergeht kaum ein Monat, in dem nicht
ein neues Intelligenz-Gen, ein Gen für dies und ein Gen für das vorgestellt wird. Dazu
muss man wissen: Selbst die Angewohnheit zum Nasebohren lässt sich mühelos mit dem
Vorhandensein bestimmter Genabschnitte verbinden, ähnlich wie man den Rückgang der
Geburtenrate zwanglos mit dem Aussterben des Klapperstorches begründen kann: Kaum ein
wissenschaftliches Gebiet bewegt sich in so trübem Fahrwasser wie die Genetik des
menschlichen Verhaltens.
Der Grund dafür ist wiederum technischer Natur. Schon die wenigsten Krankheiten lassen
sich eindeutig einem einzigen Gen zuordnen, meist sind Dutzende beteiligt. Umgekehrt
können Dutzende verschiedener Gene ein- und dasselbe Krankheitsbild hervorrufen. Darüber
hinaus "macht" ein Gen von allein gar nichts; es steht unter der Kontrolle
anderer Gene, alle zusammen sind Bestandteil einer ganzen Kaskade biochemischer Prozesse,
die vielfach rückgekoppelt sind. Schließlich hängt die Reaktion eines Organismus
entscheidend von Umwelteinflüssen ab. Selbst das Fehlen von Umwelteinflüssen ist ein
Umwelteinfluss.
Niemand denkt an einen Übermenschen - den Rohstoff dafür gibt es gar nicht
Das Studium einzelner Gene, die das Verhalten von Tier und Mensch beeinflussen, kann also
nur einen kleinen Teil zum Verständnis beitragen. Und schon gar nicht den Rohstoff für
Übermenschen liefern. Seriöse Verhaltensgenetiker wissen das; in ihren Publikationen
geben sie meist an, mithilfe welcher statistischer Methoden sie zu ihren Ergebnissen
gelangt sind. Verhaltensweisen sind komplex, komplexer noch als Krankheiten, und wenn es
darum geht, komplexe Dinge zu studieren, dann ist Statistik der einzige Ausweg. Ernsthaft
wird man also nicht erwarten dürfen, seinem Nachwuchs eines Tages ein schnuckeliges
Genie-Gen in die Wiege legen zu können. So einfach sind weder das menschliche Erbgut noch
die menschliche Natur gestrickt.
Heißt das nun, dass positive Eugenik, im Sinne Platons oder Nietzsches, für alle Zeiten
Fantasterei bleiben wird? Nein. Wenn man sich von Hirngespinsten verabschiedet, dann
bleibt eine höchst reale Möglichkeit. Sie trägt den sperrigen Namen
Präimplantationsdiagnostik (PID). Es handelt sich dabei um den jüngsten Kniff aus der
Trickkiste der Fortpflanzungsmediziner. Ehepaaren, die sich, etwa aus Gründen eines hohen
Risikos, zu einer künstlichen Befruchtung entschließen, wird der PID-Service in Belgien
oder Großbritannien bereits angeboten. Dabei werden jeweils mehrere befruchtete Eizellen
im Reagenzglas herangezüchtet. In einem frühen Teilungsstadium, wenn die einzelnen
Embryonen aus nicht mehr als zwölf Zellen bestehen, werden jedem ein bis zwei Zellen
entnommen. Deren Erbsubstanz wird auf chemischem Weg vermehrt. Auf diese Weise lässt sich
die genetische Konstitution eines potenziellen Nachkommen feststellen, noch ehe er auf dem
Weg in den Uterus ist. Und genau in diesem Augenblick ist eine folgenschwere Entscheidung
fällig. Dieser Embryo soll Mensch werden, jener nicht. Egal, wie man das nennt - es ist
ein Schritt Richtung Auslese.
© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 38
All rights reserved.