Erbgut-Check für Embryonen
Die PID beschwört eine neue Eugenik herauf
Von Volker Stollorz
Mit tragischen Fallgeschichten wollen die deutschen Ärzte die vorgeburtliche Genanalyse
aus der Verbotszone manövrieren. Man stelle sich vor: Die Mutter eines Kindes, das an
unheilbarer Muskelschwäche leidet, wird ein zweites Mal schwanger. Während das erste
Kind im Alter von sechs Jahren stirbt, ergibt ein Gentest, dass auch der Fötus von der
tödlichen Krankheit betroffen ist. Die seelisch tief verstörte Frau treibt ihr
heranreifendes zweites Kind ab. Wer kann es ihr verdenken, dass sie mithilfe der
Präimplantationsdiagnostik (PID) endlich ein gesundes Kind zur Welt bringen will?
Diese emotionale Logik ist durchsichtig, die Zuspitzung auf den Einzelfall verräterisch:
Ein trauriges Schicksal soll das Nachdenken über den Schutz des ungeborenen Lebens
erschlagen; das Embryonenschutzgesetz, das über den menschlichen Embryo wacht, erscheint
plötzlich unmenschlich.
Was ist falsch an dieser Argumentation? Zunächst stimmt der subtil erweckte Eindruck
nicht, zu der Präimplantationsdiagnostik gäbe es für Paare keine Alternative außer den
Verzicht auf Kinder oder die Adoption. Genetisch vorbelastete Paare können auch durch
Samenspende Kinder zeugen, wenn sie nicht auf 100-prozentiger genetischer Elternschaft
beharren. Helfen könnte ihnen auch die gesetzlich erlaubte Polkörperdiagnostik. Dabei
werden Teile der Eizelle vor ihrer Befruchtung durch Samenzellen genetisch durchleuchtet,
ohne dass dabei Embryonen zerstört werden.
Auch wenn Ärzte die PID mit der Pränataldiagnostik (PND) gleichsetzen, begehen sie einen
Denkfehler. Bei der PND wird der Embryo im Mutterleib genetisch untersucht und eventuell
abgetrieben. In beiden Fällen hängt sein Leben vom Ergebnis eines Gentests ab. Die
Mediziner argumentieren, eine PID sei weniger traumatisch für die Frau. Diese Behauptung
verschweigt jedoch, dass auch eine künstliche Befruchtung riskant und seelisch belastend
ist. Hinzu kommt ein wichtiger Unterschied. Ein Schwangerschaftsabbruch ist normalerweise
die Abwehr eines bestehenden, für die Frau jedoch unerträglichen Zustandes. Bei der PID
dagegen wird Leben in vitro erst gezeugt und dann bewusst selektiert. Wenn Ärzte die PID
anbieten, beteiligen sie sich somit erstmals daran, menschliches Leben zu erzeugen und zu
vernichten. Das ist eine ungeheure Zäsur im Berufsethos.
Weil die Ärzte diesen Erdrutsch spüren, rechtfertigen sie sich mit angeblich
vergleichbaren Ausnahmefällen. So soll es Frauen mit genetischen Vorerkrankungen geben,
die auch vor mehrfachen Abtreibungen nicht zurückschrecken, bis ein gesundes Kind geboren
wird. Zwar dürften sich in Wahrheit nur extrem wenige Frauen eine derartige Tortur antun.
Statt die PID aber ausgerechnet aufgrund dieser Einzelfälle zu erlauben, wäre es
ehrlicher, bewusste Schwangerschaften auf Probe als rechtswidrig zu verurteilen. Nicht die
PID gehört erlaubt, sondern fragwürdige Anwendungen der PND eingeschränkt.
Was besonders schwer wiegt: Die gezielte Selektion im Labor beschwört die Gefahr einer
nützlichen, schmerzlosen und effizienten "neuen Eugenik" herauf, bei der
Wünschbares zur Norm wird. Zwar versucht die Ärzteschaft, den eugenischen Geist der PID
in die Flasche strenger Indikation zu sperren. Doch mit Ethikkommissionen allein lässt
sich der Dammbruch kaum stoppen. Wer kann einerseits einem Paar mit der Erbkrankheit
Huntington die PID verweigern? Wer will andererseits verhindern, dass Paare den
Embryonencheck in Rahmen einer künstlichen Befruchtung als Qualitätskontrolle nutzen, um
ihre Chance auf ein gesundes Kind zu erhöhen? Die PID öffnet die Tür zur schönen neuen
Welt des Baby-TÜVs - wenn auch zunächst nur einen Spalt breit.
Wenn Ärzte aber ohnehin ständig Wünsche verzweifelter Eltern in die Schranken weisen
müssten, warum begeben sie sich dann überhaupt erst auf die ethisch abschüssige Ebene?
Auch die Leihmutterschaft wurde hierzulande verboten, obwohl sich Paare diese wünschen.
In den USA betrachten schon heute immer mehr "informierte Patienten" Ärzte nur
noch als Erfüllungsgehilfen ihrer Visionen von Normalität. Noch ein paar Jahre
genetischer Fortschritt, und der Kinderwunsch wird zur ultimativen Shopping-Erfahrung.
Gleichzeitig könnte die Zeugung Behinderter endgültig zur säkularen Sünde werden. Das
dürfen Ärzte nicht wollen, selbst wenn sich solche Machbarkeitsfantasien in Deutschland
zähmen ließen. Wer den menschlichen Embryo bis zum 14. Lebenstag rechtlich einmal zur
Disposition stellt, macht ihn zum Objekt der Begierde von Forschern.
In den USA kann besichtigt werden, wie rasch Embryonen zum Rohstoff degradiert werden, um
daraus "Monsterfrüchte" (Peter Sloterdijk) im Dienste des therapeutischen
Fortschritts zu züchten. Bevor wir über unser Menschenbild endgültig im Labor
entscheiden, verzichten wir lieber auf die PID. Helfen könnte dabei eine altmodische
Weisheit: Man muss viel wissen, um wenig zu tun.
© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 10
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