Genetik braucht Genethik
Niemand regt sich über die Naturwissenschaft auf
Das bisher nur von wenigen Stimmen durchbrochene Schweigen zum eigentlichen Thema von
Sloterdijks Vortrag, dem Humanum im Zeitalter seiner technischen Manipulierbarkeit, ist
erstaunlich. Wann lohnt sich öffentliche Diskussion, wenn nicht nach einem solchen
Paukenschlag? Chancen und Risiken der Gentechnologie - darüber lässt sich doch, auch
über ein Jahrzehnt nach Abschluss der gleichnamigen Enquete-Kommission, noch immer
trefflich streiten; wie sehr erst, wenn es um die Verbesserung der menschlichen Gattung
geht. Dass der Karlsruher Kyniker in seinem "Nachtstück" die fragende Vorschau
mit exegetischem Rückblick verband, kann nicht der Grund für die Zurückhaltung von
Genforschern und ihren Kritikern sein. Zwar werden den nun publizierten Text
voraussichtlich so viele Biologen lesen, wie Philosophen allwöchentlich
"Nature" studieren, aber die Forderung nach einem "Codex der
Anthropotechniken" hätte den Anthropotechnikern wie den Kodifizierern eine Antwort
wert sein können.
Ach, die Philosophen, so hört man manchen Fachmann stöhnen: verstehen nichts von
Gentechnik und fabulieren fröhlich über alle wissenschaftlichen Details hinweg ins Reich
der Phantasie hinein. Aber war es nicht der Molekularbiologe Lee Silver, der in seinem
Buch "Die geklonte Zukunft" das biotechnologische Zeitalter vier Jahrhunderte in
die Zukunft extrapolierte? Silver und Sloterdijk, die beiden so verschiedenen
gen-ethischen Provokateure, lassen sich das Zeitfenster ihrer Perspektiven nicht durch die
Halbwertszeit gesicherter Prognosen beschränken. Zurecht: Die Fortschritte allein der
letzten Jahre haben gezeigt, dass das Denken dem Können nie weit genug voraus sein kann,
um schließlich doch nur mühsam mit ihm Schritt zu halten. Im Übrigen wechseln die
Experten bei ihren Prognosen bekanntlich gern die Zeitskalen. Erfolge werden meist in
greifbare Nähe gerückt, potenzielle Gefahren dagegen lieber in die etwas fernere Zukunft
verlegt.
Jens Reich hat soeben in der "Süddeutschen Zeitung" die gezielte genetische
Beeinflussung komplexer Eigenschaften als "absolut unmöglich" bezeichnet. Das
überrascht, bezieht das "Human Genome Project" aus derartigen Phantasien, die
sich laut Reich "von selbst erledigen werden", doch immerhin ein gutes Stück
Motivation, von stattlichen Forschungsbudgets ganz zu schweigen. Wird hier zum
wiederholten Male der erste Akt des gentechnischen Beschwichtigungsspiels gegeben? Mit
diesem Gestus nüchternen Realitätssinns - wir können es nicht und werden es nie können
- lässt sich jedes versuchte Vorausdenken als unzeitgemäßer Luxus bloßstellen. Rücken
dann doch zunächst unbedachte Optionen in den Bereich des Möglichen, heißt es im
zweiten Akt: Auch wenn wir könnten, wollten wir nicht.
Das war bis vor einiger Zeit der Stand in Sachen Keimbahnmanipulation. Noch immer wird in
Deutschland als öffentlicher Konsens beschworen, dass es Eingriffe in die menschliche
Keimbahn nicht geben darf und wird. Auf einem Kongress in Los Angeles im März vergangenen
Jahres dagegen war der Tenor, dass nicht mehr das Ob, sondern nur noch das Wie, Wann, Wo,
Für-wen und In-welchem-Umfang zur Debatte stehen. Nobelpreisträger James Watson
befürwortete ausdrücklich die Schaffung "besserer menschlicher Wesen". Und
schon wird die deutsche Trutzburg geschleift. Detlev Ganten vom Max-Delbrück-Centrum in
Berlin sprach sich vor wenigen Monaten in einem Interview für die Keimbahntherapie aus,
die in manchen Bereichen eine Alternative sein könnte: "Welches jeweils die beste
ist, wird die Wissenschaft zeigen." Und, so muss man ergänzen, sie wird die beste
auch anwenden. Der Wissenschaft ist das Gesetz des Handelns in der Biomedizin kaum zu
nehmen, da sie vom Leidensdruck der (aktualen oder potentiellen) Patienten legitimiert
wird. Dritter und letzter Akt: Wir können und wir machen, denn es gibt unverdächtige
Individuen, die wollen. Wer heilt, hat Recht, lautet der kategorische Imperativ der
Medizin, in dem der Selektionsdruck zum Gesunden schon enthalten ist. Was braucht die
Menschentechnik einen Codex, wenn Mensch und Technik wie von selbst zusammenfinden?
Die Bioethik, die sich zur maßgeblichen Disziplin für moralische Aspekte der Anwendungen
von Gen- und Biotechnologie erklärt hat, spielt in diesem Spiel nur eine Nebenrolle. Sie
will den Fortschritt zwar nicht bloß kritisch begleiten, sondern ihm bei Bedarf auch
Einhalt gebieten. Der Nachweis effektiver Bremswirkung muss aber noch erbracht werden. Sie
wird strukturell dadurch verringert, dass die Bioethiker selbst in dem Zug sitzen, den sie
gegebenenfalls anhalten wollen: Stünde er still, käme auch der bioethische Betrieb zum
Halten. Die Kopplung zwischen biomedizinischer Forschung und Ethik ist stark genug, damit
die Bioethik letztlich harmlos bleibt.
Es wäre verständlich, wenn Molekularbiologen und Mediziner sich durch Sloterdijks
Überlegungen nicht herausgefordert fühlen. Gesprächspartner, die sich auf Heidegger,
Nietzsche und Platon berufen, könnten den Zug womöglich an den Abgrund führen oder aber
andere externe Bremssysteme auslösen, die bisher nicht angesprungen sind. Auf eindeutige
Ankündigungen von Naturwissenschaftlern, in Zukunft allen Sonntagsreden zum Trotz
Keimbahnmanipulationen durchzuführen, hat bislang noch kein Philosoph und kein Feuilleton
so heftig reagiert wie auf die vieldeutige Rede Peter Sloterdijks.