Geschweife und Geschwefel
Die düster-prophetische Elmauer Rede über den
"Menschenpark" beunruhigt, und die Art, wie Sloterdijk mit Kritikern umspringt,
ist empörend. Auch sein Angriff auf die Kritische Theorie geht fehl.
Ein offener Brief Von Manfred Frank
Lieber Peter Sloterdijk,
lange schon lese und schätze ich Sie als glänzenden philosophischen Essayisten mit
zeitdiagnostischem Gespür und politischem Biss. Die Kritik der zynischen Vernunft
war als Erstlingswerk ein großer Wurf, und die nachfolgenden Publikationen sind würdig
in seine Fußstapfen getreten. Mir schien dies Buch ein Höhepunkt dessen, was man die
Neue Verständlichkeit nennen könnte. Hier begann eine Generation jüngerer
Kulturtheoretiker von der gewundenen Dornigkeit, von der Manieriertheit des bis dahin
tonangebenden Adorno-Jargons sich abzusetzen, und selbst das rhetorische Dunkel der
neufranzösisch-neostrukturalistischen Texte begann sich zu lichten. Mit Theweleits Männerphantasien
hatte die Bewegung begonnen, Hans Peter Duerrs Mythos vom Zivilisationsprozess lag
in der Linie; und Sie haben mehr als beide gezeigt, dass intellektuelle Substanz und
Bildung nicht mit der Unbegabung zu einer auch ästhetisch anmutenden Darstellung
verbunden sein müssen. Die Sphären liefern dem von der Sinnenfeindlichkeit der
Philosophie Abgestoßenen einen willkommenen Orbis pictus. Ich habe Freunden gelegentlich
gesagt, ich finde bei Ihnen eine intellektuelle Sensibilität am Werk, die die schrillen
Töne meidet und tiefer als andere in die Nuance eindringt, die unversehens zur Hauptsache
wird.
Dass ich kritische Ansichten zu Jürgen Habermas pflege und publiziere und nicht blind bin
für einige Verdienste Heideggers, wissen Sie auch. Wahrscheinlich werden Sie auch nicht
unterstellen, dass mich der Ruf der Habermasschen Pfeife oder ein merkwürdiges Komplott,
von Habermas mit seinen Vasallen geschmiedet, aus meiner Seelenruhe aufgescheucht hat. Ich
habe keinen Einblick in Ihr offenkundig hochsensibles Frühwarnsystem und bitte Sie, mir
zu glauben, dass meine Beunruhigung allein auf der Lektüre Ihrer Elmauer Rede in der
letzten ZEIT und den von Ihnen vorab ausgegebenen Leseanleitungen beruht. Ich finde
im Wortlaut der Rede die Zitate, die in der Presse ebenso leidenschaftlich ausgestellt wie
heftig attackiert worden sind, wieder und unterstelle, Ihre Befürchtung, einige Kritiker
hätten die falsche Fassung vor der Nase gehabt, sei damit ausgeräumt.
Ihre Elmauer Rede ist ein merkwürdiges rhetorisches Gebilde: ein raunendes Geschweife und
Geschwefel, ein pointeloses Flirten mit verfänglichen Materien, die sich todsicher zur
Publikumsprovokation eignen. Dem Vortrag eine klare These, eine Überzeugung, gar eine
rationale Handlungsempfehlung abzugewinnen ähnelte der Mühe, einen Pudding an die Wand
zu nageln. Aber Sie ersetzen ziemlich geschickt den Mangel an Argumenten durch die
Faszination, derer Sie sich sicher sein können, wenn Sie die eugenischen
Züchtungsfantasien von Platon und Nietzsche anspielender- oder beschwörenderweise und
mit düster-prophetischem Ernst für Aufgaben erklären, die das Sein uns, der heutigen
Menschheit, stellt. Das ist ärgerlich oder beunruhigend, nicht wegen der Sache, sondern
wegen der Art, wie Sie sie präsentieren. Anlass für einen Skandal sehe ich indes nicht,
eher das Misslingen einer groß inszenierten Absicht. Dagegen liefert Ihre
verschiedenerorts nachgeschobene Beschönigung, Ihr Rettungs- oder Erklärungsversuch,
einigen Anlass zu intellektuell-moralischer Empörung; ich meine besonders Ihre Abrechnung
mit Ihren Kritikern in der Frankfurter Rundschau vom 31. Juli sowie Ihre offenen
Briefe an Thomas Assheuer und Jürgen Habermas in der ZEIT.
Ein merkwürdiges Hysteron-Proteron: Erst kommt Ihre Selbstauslegung (mit Nietzscheschen
Freiheiten in der Durchführung: "Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen,
Ausdichten, Umfälschen und was sonst zum Wesen alles Interpretirens
gehört"), dann der Vortrag selbst. Der logisch nachgeordnete, zeitlich frühere
Vorgang beginnt inzwischen mit Recht mehr Aufmerksamkeit zu erregen als der Auslöser der
ganzen Affäre; denn secundo loco erklären Sie gleich die gesamte (neuere?)
Kritische Theorie und den in ihr verkörperten Geist kritischer Geltungsprüfung für tot.
Das amüsiert einige wegen des intellektuellen Missverhältnisses zwischen Angreifer und
Angegriffenem, so mich. Andere, die auf das Wahrwerden Ihrer kühnen Behauptung schon
lange hoffen (wie die konservative FAZ am 13. September), sind Ihnen offen dankbar
für die ebenso angenehme wie unerwartete Nachricht. Wieder andere stimmen fröhlich mit
ein in den von Hegel prophezeiten Ausbruch der Volksfreude bei der Nachricht über den
Untergang der Philosophie - na ja, einer bestimmten und ernsthaften Ausprägung derselben.
(Doch wenn ich nicht fehlgehe, halten Sie sich immer noch für einen Philosophen oder
wenigstens in nachheideggerianischer Zeit für einen, den die Dinge in den "Taumel
des ursprünglichen Denkens" reißen. In diesem Taumel zeigt sich Ihr Elmauer
Vortrag.)
Ich gliedere meinen Antwortbrief in zwei Teile. Mein erster Abschnitt reagiert auf Ihre
Elmauer Rede, der zweite auf Ihre Toterklärung der Kritischen Theorie.
Erstens. Der Kern Ihrer Rede, so wie ich sie verstehe: Heidegger hat den Humanismus wie so
viele Denker seiner Generation (auch Karl Barth gehört zu ihnen) zu überwinden versucht
- das sei ihm, denken Sie, gutgeschrieben. Er hatte schon in Sein und Zeit Philosophie
nicht mehr vom Subjekt, dem Agenten der Menschlichkeitsideologie, sondern vom Sein aus zu
begründen unternommen. Aber noch hielt das "Dasein" - der
fundamentalontologische Nachfolgebegriff für "Subjekt" oder "Mensch"
- eine bedeutende Stellung, die auch in den Schriften nach der "Kehre" nicht
aufgegeben wird. So bleibt das Dasein im Brief über den ,Humanismus' zwar "nicht der
Herr des Seienden", wohl aber der "Hirt des Seins". Diese ontologische
"Pastorale" gilt es nunmehr - meinen Sie - durch Radikalisierung der Absage an
den Humanismus zu entharmlosen, aber ebenso, dass keinerlei Moral die Berufung des Hirten
zur Wahrung seiner Wahrheit normativ anleitet. Das wäre ein Rückfall in den zahmen
Humanismus. Darum ist es irreführend, wenn Sie Ihre Vortragsintention nachträglich als
moralisch - etwa als bioethisch - darstellen. Der Hirt nimmt seine Hüterstellung so wahr,
dass ihm die Gebote des Seins unverfüglich und unwidersprechlich zugeschickt werden. Die
kämpferischen Worte, mit denen Sie für den angedeuteten Umschwung werben, lauten
ungefähr: Die Menschheit werde aus der "humanistischen Harmlosigkeit", die
wesentlich moralische Basen hat, an den "Ort der Entscheidung" gerufen. Damit
schaffen Sie Raum für Ihre eigentliche Frage, mit der Sie uns aus unserem
anthropologischen Schlummer wachrütteln: "Was zähmt noch den Menschen, wenn der
Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?"
Solches Fragen ist natürlich am besten aufgehoben bei einem weit radikaleren Amoralisten
und Antihumanisten ("Oh Humanität! Oh Blödsinn!"), der zwar nicht, wie
Heidegger, aus der Wahrheit des Seins, wohl aber aus der jenseits von Gut und Böse
operierenden Kraft des Homo natura, des Raubtiers, der Bestie,
argumentiert. Eine für Sie wesentliche Gemeinsamkeit beider Denker liegt in ihrer
entschlossenen Abweisung aller normativen Skrupel. Der eine orientiert sich, wie gesagt,
an den rational nicht rekonstruierbaren Schickungen/Lichtungen eines unverfüglichen
Seins; der andere an, wie er sie nennt, "physiologischen Zwängen", die ebenso
wenig vernünftig hinterfragbar sind. Die "gattungspolitische Entscheidung", vor
die "der Mensch von heute" gestellt sei, betreffe nämlich die "Züchtung
eines höheren Typus ,Mensch'". Züchtung ist eine der natürlichen Zuchtwahl
abgelernte Technik, und die "Anthropotechniken", von denen Sie - gut
foucaultianisch - sprechen, haben nichts zu tun mit traditioneller Erziehung; sie erfolgen
vielmehr zielblind nach dem Gesetz der Bestanpassung an den Lebensraum. Einmal auf dieser
Ebene angelangt, hat man natürlich gelassen den "Kampf" zwischen zwei
Züchtungsprogrammen ins Auge zu fassen, die Sie als Klein- und Großzüchtung
unterscheiden. Jene hat als Zuchtziel den kleinen, den "harmlosen" Menschen,
seine auf Erziehungsprozessen beruhende Kultivierung, Hominisation oder Domestikation
(Nietzsches "Verhaustierung"). Was die Großzüchter im Sinne haben, geben Sie
selbst als den "Übermenschen" an. Die Großzüchter sind also
"Superhumanisten"; und der Supermensch ist das Ergebnis einer vorausschauenden,
einer planerischen Vorwärtszüchtung, die die Humanitas des Herdentiers genetisch
prospektiv überwindet.
Die Nazistiefel möchten Sie ausdrücklich nicht durch diese Gedanken stampfen sehen;
aber, ehrlich gesagt, Sie tun nicht viel, um den Nazijargon zu vermeiden. Im Übrigen: Wer
so kräftig gegen das Klavier der Menschenzüchtungssprache anrempelt, muss wissen, dass
nicht nur ein bestimmter Ton erzeugt wird, sondern dass viele Saiten miterklingen werden.
Zwar betonen Sie gelegentlich den nur andeutenden, verschwommenen Charakter Ihrer Vision.
Aber das trifft nicht den Punkt. Der Punkt ist, dass sich Ihre Ausführungen in frivolem
Flirt mit dem gesamten Kontext des Nietzscheschen Werks aufladen und doch nicht
nachweisbar zu diesen Implikationen stehen. Sie beuten die Schauder ästhetisch aus, die
immer noch von Nietzsches Gefährlichdenkerei ausgehen.
Frivol nenne ich dies Verfahren, weil, wann immer öffentliche Alarmglocken ertönen,
alles so wörtlich, so schlimm, so krude nicht gemeint gewesen sein soll. Aber ich frage
Sie: Warum den Gefährlichdenkern erst die Reize des Schauderbaren entlocken, um ihnen
dann die Zähne und Klauen zu ziehen? Sie betreiben dies Spiel in guter Kenntnis der
Tatsache, dass einzelne Zeichen ihren Sinn erst im größeren Zusammenhang einer ganzen
Sprache (oder meinetwegen eines Diskurses) erwerben und entfalten. Nietzsche wusste das
jedenfalls, als er von seiner "Philosophie der Grammatik" sprach. Ihr zufolge
gibt die unbewusste Arbeit einer sprachlichen Weltansicht vermöge der Gleichförmigkeit
der grammatischen Funktionen die Weltbilder und Gedankensysteme der Völker vor. Aber
"im letzten Grunde", präzisiert Nietzsche, ist "der Bann bestimmter
grammatischer Funktionen [...] der Bann physiologischer Wert-Urteile und
Rasse-Bedingungen" - ein Zitat, das das Umkippen von historisch-kultureller in
biologisch-genetische Determination besonders auffällig belegt.
Nietzsches Standbein ruht fest auf Gobineauschem Grund. Sein Hauptwerk, die Genealogie
der Moral, schließt eindeutig an Gobineaus Reduktion des Klassenkampfes auf den
Rassenkampf an: so, wenn er das Ereignis der Französischen Revolution als
"Sklaven-Aufstand" der minderen vorarisch-"dunklen, schwarzhaarigen"
Rasse gegen die vornehme blonde Herren- und Erobererrasse umdeutet oder wenn er
"unser Europa von heute" als den "Schauplatz eines unsinnig plötzlichen
Versuchs von radikaler Stände- und folglich Rassenmischung" charakterisiert
und erklärend hinzufügt: "Stände drücken immer auch Abkunfts- oder
Rassendifferenzen aus." Immer benennt Nietzsche in letzter Instanz genetische
Determinanten: "Abstammung", "Geblüt", "Rasse"; und das
gilt selbstverständlich auch für sein (in der Tat uneindeutiges) Reden über "den
Juden".
Als Promotor des "Sklavenaufstands in der Moral", als Träger des
"ressentiment par excellence" führt seine "Vermischung" mit dem Blut
der Träger der Herrenmoral nicht etwa nur zu einer kulturellen Dekadenz, sondern geradezu
zu einer "Blutvergiftung" des Volkskörpers. Ein Gebot dessen, was Nietzsche
"große Politik" nennt und was Sie vielleicht "Hyperpolitik" nennen,
ist das "Ihr sollt nicht zeugen", erlassen an die Erbträger des Ressentiments,
die gar zu vielen, das Herdentier, die Moralapostel.
Durften Sie von diesen Kontexten absehen? Ich behaupte, Sie konnten es nicht einmal, denn
Ihre kühne Aussicht auf gattungsweite "Umstellung vom Geburtenfatalismus zur
optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion" bedarf im Blick auf das
Großzüchtungsprogramm wesentlich der Nietzscheschen Inspiration - bis hinein in einige
Verfänglichkeiten. In späteren Zurechtrückungsversuchen haben Sie eine Art
menschenplanerischer Verantwortung ins Spiel bringen wollen. Das ehrt Sie und weist auf
den Kern des Problems. Nur durften Sie die Moral oder irgendwelche anderen rationalen
"Codices" als Kriterienlieferanten für die große "Entscheidung"
nicht ins Spiel bringen, ohne damit argumentativ inkonsistent zu werden. Sie
ontologisieren beziehungsweise biologisieren das Problem in raunenden Formulierungen, die
das Heft des Handelns eben nicht, wie es vorher hieß, in die Hand des
aktiv-selektierenden und merkmalspaltenden Subjekts, sondern des anonymen Seins drücken,
in dessen Lichtungen wir unverfüglich eintreten ("wie auch immer verschwommen und
nicht geheuer, [beginnt sich] der evolutionäre Horizont vor uns zu lichten"). Mit
einem Wort: Was konnte Heidegger in der "wesenhaften Armut des Hirten" dazu,
dass sich gerade in der Stunde seines Rektorats das Sein als "deutsches Dasein"
lichtete (dabei war Heidegger, wohlbemerkt, kein Biologist und auch kein Rassist)? Was
können Sie, lieber Peter Sloterdijk, für die jüngste Seinsschickung, die den
"Zwang zur großen Politik", zur Großzüchtung verhängt hat?
"Glattes Eis / Ein Paradeis / Für Den, der gut zu tanzen weiss", reimte
Nietzsche. Er hätte den Slalomlauf seiner Schüler verherrlichen sollen, die sich so
meisterlich um alle von ihm gesetzten Zumutungspflöcke herumwirbeln.
Zweitens. Noch ein paar Gedanken zu Ihren nachgereichten Leseanleitungen und besonders
Ihrer barschen Abrechnung mit Jürgen Habermas, der seine (Nicht-)Beteiligung an einer
vermeintlich gegen Sie entfesselten Kampagne gerade in einem Leserbrief der ZEIT
erläutert hat.
Eine Leseanleitung erwägt eine moralisierende Lesart des Großzüchtungsprogramms.
Explizit kommt dergleichen in Ihrer Rede nicht vor, und sie hätte dort aus Gründen der
Konsistenz Ihrer Argumentation auch nichts zu suchen. Gleichviel: Nehmen wir an, Sie
hätten eine Heidegger und Lévinas gewidmete Tagung dazu benutzen wollen, die
menschheitsgeschichtliche Wucht des Problems fühlbar zu machen, das mit dem
gentechnischen Know-how zu einer realen Perspektive der Hyperpolitik zu werden beginnt.
Ist nicht gerade der Philosoph eine Antwort auf diese Herausforderung schuldig?
Aber wäre es Ihnen wirklich ernst gewesen mit der so ernsten Frage, dann hätten Sie sich
nicht in den Autoritätsschatten raunender Dunkelmänner wie Nietzsche, ja auch eines
gewissen (bierernst entironisierten) Platon und Heidegger begeben. Sie hätten Ihr
Publikum nicht darüber getäuscht, dass es gediegene und brandaktuelle Arbeiten der
praktischen oder der Bioethik auf diesem Gebiet gibt. Eine rationale Weise, das
Problem anzugehen, führt uns zum Beispiel der Menschenrechtsfreund und
Gerechtigkeitstheoretiker Dworkin in der letzten ZEIT vor; aber klarerweise bleiben
seine Gedanken zur humangenetischen Manipulation im Rahmen humanistischer Kleinzüchtung
und haben überhaupt nichts zu tun mit Nietzsches typusverändernden
Großzüchtungsfantasien. Nun mag der höhere Stammtisch keine analytischen Lektüren. Die
sind so unaufregend-brav und glauben, dass zuweilen zwei plus zwei vier ergibt, während
Ihre "wesentlichen" Denker, Platon ausgenommen, erklärte Feinde der Logik und
des rechenschaftspflichtigen Denkens sind. Der wegen seiner Pauschalität törichte
Verdacht gegen den Amerikanismus bildet eine gefährliche Denkhemmung in Ihrem Kopf, der
so gerne, wenn Sie ihn nur ließen oder ihm mit geeigneter Lektüre aufhülfen, auf
frühere Pfade von Problemlösungen sich begeben würde.
Ferner sagen Sie, Sie haben nichts von einem Rumoren in der Philosophenszene gehört. Da
Sie "die einschlägigen Rumor-Philosophen persönlich kenne[n]", muss das
Entsetzen, das Sie ausgelöst haben, wohl in außerphilosophischen Kreisen stattgefunden
haben. Ich lese in der FAZ vom 28. Juli, Sie hätten die Gelegenheit versäumt,
"auf die zum Teil tief empörten und verletzten Einwände sensibel zu
reagieren"; und die FR berichtete vier Tage früher, Sie hätten
"jüdische Denker das Entsetzen gelehrt". Saul Friedländer soll das Symposion
vorzeitig verlassen und die Frage, ob er irritiert sei, mit "Ich war
fassungslos" beantwortet haben. Gewiss meinen Sie mit dem obigen Zitat, dass er
Historiker, kein Philosoph ist. Aber im Publikum sollen doch auch "jüdische
Philosophen und Theologen" gesessen haben. Rainer Stephan sagt in einem Leserbrief
derselben Zeitung: "Das Entsetzen im Auditorium nach dieser erneuten
Ungeheuerlichkeit [es gebe eben verschiedene ,Kalender des Terrors', auch einen für die
Jahre nach 1945] war mit Händen zu greifen."
Schließlich zu Ihrem Vernichtungsangriff auf die Kritische Theorie des Jürgen Habermas.
Ich liege wohl richtig, wenn ich diese Geste symptomatisch lese: Sie sind - werden Sie
zitiert - "kein kritischer Denker mehr". Die Bemerkung ist hilfreich, auch wenn
nach Ihrer Elmauer Rede niemand Gegenteiliges vermutet hätte. Sie haben sich zur Schar
der von Zarathustra ermutigten "Ja-und-amen-Sager" geschlagen. Genauer: Sie
haben sich zu einem von Foucault beratenen "fröhlichen Positivisten" gemausert,
zu einem reifen Mann, der eine vom nationalsozialistischen Trauma gelähmte Generation von
ihren abgestandenen Schuldgefühlen befreit. Es wurde Zeit. Sie selbst - obwohl ungefähr
mein Geburtsjahrgang - rechnen sich (oder sprechen) zu einer "etwas freieren
Generation", die die "Ära der hypermoralischen Söhne von
nationalsozialistischen Vätern" hinter sich gebracht hat. Wie schön gesagt! Wie
viel sicherer können Sie auf allgemeinen Applaus rechnen als die anstrengenden und
moralisch aufzehrenden Lektionen jener "mürrischen alten Dame", die inzwischen
der Tod von ihrem Schalthebel am Apparat der "deutschen Entrüstungsindustrie"
erlöst hat!
Um genau zu sein, ist die Kritische Theorie an einem bestimmten Datum verschieden: dem
verflossenen 2. September. Sie ist zerschellt an Peter Sloterdijk oder vielmehr: an einem
auf ihn gerichteten komplottartigen Angriff der Habermas-Schule, der bald "hinter
vorgehaltener Hand", bald "hinter seinem Rücken" inszeniert wurde. Die
Vorstellung ist so komisch, dass ich mich frage, ob der Verdacht maßloser
Selbstüberhebung auf Ihrer Seite nicht selbst maßlos überzogen, jedenfalls humorlos
wäre. Heine hätte an Sie gedacht haben können, als er notierte: "Er lobt sich so
stark, dass die Räucherkerzchen im Preis steigen." Und Schopenhauer würde Ihr
Schulterstemmen gegen Habermas unfehlbar mit seinem Standard-Vergleich "Herakles
kai phitekos" (Herakles und der Affe) bedacht haben. (Ich gestehe, dass mich dero
auf S. 35 der ZEIT Nr. 37 abgedrucktes erhabenes Brustbild auf der Georgeschen
Grenze von Silberlicht und düsterem Schatten mit der mächtigen Löwenpranke, die würdig
gesenkt ist, nicht wenig verschüchtert hat. Einem kampfgeübten Patriarchen aus dem
Deutschen Herrenklub glaubte ich da ins Aug zu schauen. Es beobachtet mich weiter streng,
während ich dies schreibe.)
Übrigens sind Sie bei der Vorbereitung Ihres Todesschlags auf die Kritische Theorie
inkonsequent. Sie bieten Herrn Habermas im entscheidenden Augenblick wieder generös die
Hand: "Bis auf weiteres [betrachten Sie seine] Auslassungen als bloße Irrtümer, die
[er] revidieren [kann]." Wenn er's täte, ist er dann nicht ganz tot? Hat die
Kritische Theorie noch die kleine Chance, sich durch die Geste der Peter Sloterdijk
dargereichten Bruderhand vom Todeslager aufzurichten?
Nein, die Kritische Theorie ist gar nicht bettlägrig, sondern kerngesund. Es ist
nüchterne Beschreibung einer Tatsache, wenn ich feststelle, dass keine philosophische
Stimme der postfaschistischen deutschen Philosophie weltweit, und zuvörderst in den
Staaten ("Amerikanismus!", höre ich Sie missbilligend zischen), so ernst
genommen, so gründlich diskutiert und bei mancher Reserve bewundert wird wie die
Habermassche. Dass Habermas die definitive Erwiderung auf eine Reihe (zum Teil
gewichtiger) Einwände schuldig bleibt, das teilt er mit allen Theoretikern, die sich auf
philosophische Argumentation verlassen. Argumente führen nämlich auf ganz andere Weise
zu Überzeugungen, als etwa einfallendes Licht zu einer Verengung der Pupille führt. Sie
entbehren des kausalen Zwangs und appellieren an die Freiheit einer anderen Intelligenz.
Darum sind sie auch - trotz der Saft-und-Kraft-Sprache einiger Philosophen - nie wirklich
"schlagend" oder "zwingend"; und ich kann auch gar nicht sehen,
welchen Reiz eine solche "Zwangsphilosophie" haben sollte. Ein so scharfsinniger
und unbarmherziger Analytiker wie David Lewis gesteht, dass es in der Philosophie gar
keine schlüssigen Widerlegungen gibt, dass eine jede Theorie ihre Widerlegung überlebt -
"zu einem Preis". Warum sollte das ausgerechnet für Habermas' Kritische
Theorie, die doch wesentlich auf dem freien Austausch von Argumenten beruht, nicht
gelten? Und warum sollte sie wegen Mängeln, die Sie, Herr Sloterdijk, womöglich zu Recht
in ihr sehen, tot sein? Ich sage: "womöglich", denn Sie haben uns mit Ihren
Einwänden noch nicht wirklich bekannt gemacht, wie denn überhaupt die Feinmechanik der
expliziten philosophischen Argumentation nicht Ihre Stärke ist. Und was hat der
Tod mit der Geltung zu tun? Auch Kant und Goethe sind tot. Folgt daraus etwas gegen die
Richtigkeit einiger ihrer Einsichten?
Nein, ich sehe nicht, dass es Ihnen gelungen wäre, außer einer Insinuation etwas
Argumentförmiges gegen die Kritische Theorie oder gegen Habermas vorzubringen. Ihr
"latenter Jakobinismus"? Das ist eine Ihrer zwanghaft witzigen Formulierungen,
die nur eine explizite Rechtfertigung einsparen. Wahr ist, dass der Weltgeist auch dem
Jakobinismus als der "Gesellschaft der Verfassungsfreunde" eine Mission in der
Ausbildung einer modernen demokratischen Identität zugedacht hatte. Hegel und sein
Schüler Heine (mit dem Sie Sympathie bekunden) wussten das, und beider Kritik an
Robespierre war differenziert. Heine ereifert sich zumBeispiel gegen seine
"heuchlerischen Feinde" und nennt ihn - mit und neben Lafayette - "den
reinsten Charakter der französischen Revolution". Sie wissen auch, dass er das Werk
jenes anderen großen "Alleszermalmers" Kant aus dem geistigen Parallelismus zur
Politik Robespierres entwickelt: Kant sei der in Gedankenform gebrachte Jakobinismus. Die
Idee, der jakobinische Terror sei die konsequente Entfaltung von Rousseaus Contrat
social, ist ein Stereotyp aus der Klamottenkiste der Demokratie-Verächter und nicht
von ungefähr am vehementesten von Carl Schmitt vorgetragen worden.
Nein, geben Sie Heine nur Recht gegen Börne - Sie haben trotz aller "Achs" oder
der Rede von der Kritischen Theorie als einer bettlägrigen, mürrischen alten Dame nur
Accessoires von Heine übernommen. Ihr Stil ist nicht (mehr) leicht, anmutig, ironisch und
durchsichtig; er ist raunend, dunkel, tiefsinnig, prophetisch, schwer, trübe geworden.
Vor allem ist Heine immer ein compagnon de route der "kritischen Kritik"
gewesen, der Sie sich eben anschicken, ade zu sagen.
Was also bringt Sie so heftig auf gegen Habermas' Version einer Kritischen Theorie? Da Sie
mir außer unbelegten Verdächtigungen wenig Material liefern, bin ich aufs Vermuten
angewiesen. Ich glaube, dass Sie der rechenschaftspflichtigen, der prüfenden Rede, des
kritischen Geistes, der Zumutung des Hinterfragens und des Misstrauens gegen Traditionen
überdrüssig geworden sind. Diesen Überdruss teilen Sie mit den Lesebedürfnissen einer
nachwachsenden Generation aus "freieren" Geistern, als wir es sein durften -
wir, die nazivätergeschädigte Generation. Ich wette: Wenn man die Schnittmenge bildete
aus Ihren Fans und den Adepten einer gewissen neufranzösisch-postmodernen Philosophie, so
kämen beide Kreise fast zur Deckung. Meine Diagnose des merkwürdig bruchlosen
Rezeptionsumschwungs, der seit den achtziger Jahren fast übergangslos Adorno durch
Foucault ersetzt hat, habe ich anderswo ausführlich und textnah begründet. Schon Adornos
Theorie war zwiespältig: Dem neomarxistischen Lager zugerechnet und klar sozialkritisch,
hatte sie doch auch geistfeindliche, ja gnostische Züge: Der Gegner ist tausendfingrig
allgegenwärtig allbedrohend, ihn anzugreifen wäre schon Verblendung, wie überhaupt der
"allgemeine Verblendungszusammenhang" ebenso unentrinnbar wie empirisch eines
Nachweises weder fähig noch bedürftig ist. Die Kritischen Theoretiker (und eine Hand
voll Künstler) sind allein Erleuchtete.
Wir sehen heute deutlicher, als wir es Ende der sechziger Jahre vermochten, welche tiefen
(von Habermas und Honneth in den achtziger Jahren aufgedeckten) Affinitäten Adornos
Denken zum Antirationalismus der Spengler, Klages, Heidegger unterhält. Nun gilt genau
dies auch für die geistige Atmosphäre, in die uns das Lesen von neostrukturalistischen
Autoren versetzt. Derrida übernimmt - bewusst oder versehentlich - das Schlagwort seiner
frühen dekonstruktivistischen Publikationen ("Logozentrismus") von Klages.
Ignoriert, aber nicht entmachtet lebt der Geist der Geistfeindschaft heute fort. Das kann
er aufgrund eines Umstandes, den mein früherer Genfer Kollege Jacques Bouveresse 1983
bitter-spöttisch La vengeance de Spengler (Spenglers Rache) genannt hatte.
Spengler rächt sich an denen, die ihn nicht kennen, indem er sie ganz ähnliche Gedanken
aussprechen lässt (zumBeispiel den, dass wir nach der Erschöpfung der Sinnreserven des
Abendlandes in eine postmoderne Epoche eintreten). Darum trifft der Einwand, dass Spengler
und Compagnie doch den französischen Autoren weitgehend unbekannt seien, nicht den Punkt.
Diese Autoren sind ja den jüngeren deutschen Postmodernisten (meist) ebenfalls unbekannt
(nicht aber Ihnen, Herr Sloterdijk; in den Sphären nennen Sie Spenglers
Morphologie ein "Werkzeug, das es erlaubt, den Exodus des Menschenwesens aus der
primitiven Symbiose zum welthistorischen Handeln" nachzuvollziehen). Unleugbar bilden
alle irgendwie geistkritischen Autoren deutscher Tradition von Nietzsche bis Heidegger
neufranzösische Lieblingsreferenzen. Mir geht es nicht darum, sondern um die deutschen
Adepten der neofranzösischen Modephilosophie; und für diese Adepten gilt sicher, dass
sie den verdrängten deutschen Irrationalismus, weil inzwischen durch die Hände der
Franzosen gegangen, als entgiftet wieder glauben konsumieren zu dürfen. Und einer der
mächtigsten Störenfriede bei dieser aufhaltsamen Wiederzueignung ist eben die Kritische
Theorie des Jürgen Habermas und derer, die (wie ich) in diesem Punkte von ihm überzeugt
werden konnten. So ähnlich war die Sachlage einmal in Le Monde ("Pourquoi
la philosophie française plaît aux Allemands") am 24. Oktober 1982 beschrieben
worden. Die angeblich internationalistische Geste der Öffnung gegen die lange ignorierte
Philosophie unseres Nachbarlandes enthüllt sich so teilweise als ein Wiederanknüpfen an
diejenigen hausgemacht-deutschen Traditionen, die sich, im Gegensatz zum Rationalismus
unserer philosophischen Emigranten, als am wenigsten faschismusresistent erwiesen haben.
Noch einen Zug scheinen Sie mir mehr und mehr von der Postmoderne und ihrem Revival der
zwanziger Jahre zu übernehmen: die Tendenz zur Entdifferenzierung komplexer Gegenstände
oder Sachverhalte, die Neigung zum Gebrauch des Kollektivsingulars: die Vernunft, das
Abendland, der Amerikanismus und so weiter. Das fällt mir auf, denn ich habe Sie
oben als Meister der Nuance gelobt. Begonnen hatten die Neostrukturalisten mit einem
gedankenanregenden Kult der grenzenlosen Differenzierung (das Zauberwort war différance).
Es hatte die unmerklich vom Erbe der Kritischen Theorie Abrückenden, aber von ihm
Abhängigen in die Verzauberung durch die neue Abhängigkeit von Derrida oder Deleuze
geführt. Allmählich wurde deutlich, dass sich der Hang zur Nuance wie schon bei
Nietzsche und Heidegger mit einer Neigung zur globalen Übersicht, zur maßlos
pauschalisierenden Rede über "den" Juden, "den" Engländer,
"die" Vernunft, "die" Metaphysik, "den" Logozentrismus,
"die" okzidentale Episteme und so weiter verband. Auf diese Gegenstände wurden
zwar bezaubernde Narrationen, aber nie argumentatives Kleingeld ausgegeben, es blieb bei
den Inflationsbanknoten. Diese Entdifferenzierung erzeugte eine begriffliche Nacht, in der
alle Kühe schwarz wurden, so schwarz wie die Nacht, in deren "totenstillem
Lärm" Nietzsche "ein Zeichen aus fernsten Fernen, ein Sternbild funkelnd gegen
[s]ich sinken sah".
Ich meine nicht, lieber Peter Sloterdijk, dass Sie ein Autor des Postmodernismus sind. Ich
habe nach einem Motiv für Ihre Aversion gegen die jüngere Frankfurter Schule gesucht und
bin auf eine Familienähnlichkeit gestoßen, von der her mir einiges Licht auf die Debatte
und den Applaus zu fallen scheint, den Ihnen gewisse Kreise jetzt spenden. Ich bin
darüber besorgt, weil Sie und was Sie denken mir nicht gleichgültig sind, und bin mit
herzlichen Grüßen
Ihr Manfred Frank
© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 39
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