Die falsche Angst, Gott zu spielen
Viele lehnen Gentechnik ab - nun ist es an der Zeit, die herrschenden Moralvorstellungen
zu hinterfragen
Von Ronald Dworkin
In den vergangenen Jahrzehnten war kein anderer Wissenschaftsbereich so aufregend wie die
Genetik, nicht einmal die Kosmologie. Und keiner war auch nur annähernd von solch enormer
Bedeutung für das Leben unserer Nachkommen. Unter den Möglichkeiten, die derzeit von den
Genetikern erforscht werden, verursacht die größte Unruhe die Macht der Ärzte, darüber
zu entscheiden, welche Menschen geboren werden sollen. In gewissem Maße verfügen die
Menschen schon lange über diese Macht, seit sie lernten, dass die Paarungserlaubnis für
bestimmte Menschen Konsequenzen für die daraus hervorgehenden Kinder hat. Die Eugenik,
die von Menschen wie George Bernard Shaw und Adolf Hitler befürwortet wurde, folgte
dieser einfachen Erkenntnis. Inzwischen jedoch stellt die genetische Wissenschaft die
Möglichkeit in Aussicht, ganz besondere Menschen zu schaffen, die nach einem
detaillierten Plan entworfen sind; oder aber existierende Menschen - als Fötus oder auch
erst später - zu verändern, um Menschen mit ausgewählten genetischen Eigenschaften
hervorzubringen.
Als in Schottland Wissenschaftler ein ausgewachsenes Schaf klonten und andere Forscher und
Publizisten über das Klonen von Menschen spekulierten, wiesen Parlamentsausschüsse und
eigens berufene Kommissionen den Gedanken sofort weit von sich. Das Europäische Parlament
zum Beispiel erklärte das menschliche Klonen für "unethisch, moralisch
abstoßend", und sah darin "einen Verstoß gegen die Achtung der Person und eine
schwere Verletzung grundlegender Menschenrechte, die unter keinen Umständen
gerechtfertigt oder zugelassen werden kann, weder auf experimenteller Grundlage noch im
Zusammenhang mit Behandlungen zur Steigerung der Fruchtbarkeit, bei der
Präimplantationsdiagnose, zur Gewebetransplantation oder zu irgendeinem anderen
Zweck". Auch die Möglichkeit umfassender genetischer Eingriffe - die Veränderung
des genetischen Erbes einer Zygote, um eine Reihe erwünschter physischer, mentaler und
emotionaler Eigenschaften zu schaffen, wie kürzlich in dem Film Gattaca gezeigt -
hat Abscheu ausgelöst.
Wie lässt sich diese überaus scharfe Reaktion auf das Klonen und umfassende genetische
Eingriffe erklären oder rechtfertigen? Drei Einwände werden besonders häufig
vorgebracht. Erstens bestehen potenzielle physische Gefahren. Wir wissen nicht, ob
versuchte Eingriffe eine inakzeptable Zahl von Fehlgeburten oder die Geburt einer
inakzeptablen Zahl missgebildeter Kindern nach sich ziehen könnten. Zweitens verbirgt
sich im Widerstand gegen genetische Eingriffe die Sorge um die soziale Gerechtigkeit.
Sobald das Klonen möglich wäre, würde es auf lange Zeit unglaublich teuer sein; daher
stünde es nur reichen Leuten zur Verfügung. Drittens ließe sich die Reaktion aus
ästhetischen Gründen erklären. Eingriffe, sobald sie möglich sind, könnten dazu
eingesetzt werden, derzeit populäre Eigenschaften bezüglich der Größe, Intelligenz,
Haarfarbe und Persönlichkeit zu verewigen. Dadurch würde die Welt der Vielfalt beraubt,
die für ihre Neuheit, Originalität und Faszination so wesentlich ist.
Meiner Meinung nach können diese Einwände weder gemeinsam noch allein das Ausmaß der
beschriebenen Reaktion rechtfertigen. Nehmen wir die Frage der physischen Sicherheit. Es
gibt wenig Grund zu glauben, dass Klonen oder genetische Eingriffe Keimschäden
verursachen werden, die künftige Generationen mit Missbildungen bedrohen könnten.
Jedenfalls reichen diese Risiken für sich genommen nicht aus, um weitere Forschungen zu
verbieten, mit deren Hilfe unsere Wahrnehmung von wirklichen Gefahren geschärft werden
könnte. Mit Sicherheit werden sich unter den Wissenschaftlern einige wie Cowboys
verhalten. Doch die könnten durch Regulierung im Zaum gehalten werden, ohne dass deshalb
die Forschung insgesamt eingestellt werden müsste.
Wenn wir jedoch das Schadensrisiko einschätzen, das mit Experimenten oder Erprobungen
verbunden wäre, dann müssen wir auch die Hoffnung berücksichtigen, dass die
Verbesserung und Verfeinerung der Techniken genetischer Eingriffe die Zahl der Defekte und
Missbildungen bedeutend senken kann, mit denen Menschen heute geboren werden oder die sie
sich zuziehen. Das Ergebnis der Risikoabwägung könnte durchaus für weitere Experimente
sprechen.
Wie steht es mit der Frage der Gerechtigkeit? Wir können uns mühelos vorstellen, dass
genetische Eingriffe zu einem Vorrecht der Reichen werden. Aber diese Methoden lassen sich
nicht nur zur Befriedigung der Eitelkeit einsetzen. Die Eltern eines todkranken Kindes
könnten sich ein weiteres Kind wünschen, das sie ebenso lieben würden wie jenes andere,
dessen Blut oder Knochenmark jedoch das Leben des kranken Kindes retten könnte, aus dem
es geklont wurde. Das Klonen einzelner menschlicher Zellen statt eines vollständigen
Organismus könnte noch deutlichere Vorteile mit sich bringen. Zum Beispiel könnte eine
umgestaltete und dann mehrfach geklonte Zelle eines Krebspatienten zum Heilmittel für
diesen Krebs werden, wenn diese Klone wieder eingefügt werden. Gegen Ungerechtigkeit
hilft Umverteilung, nicht die Verweigerung von Vorteilen für einige, ohne dass anderen
daraus ein Nutzen entstünde.
Und wie steht es abschließend mit dem ästhetischen Einwand? Wir haben bereits Klone -
genetisch identische Vielfachgeburten sind Klone; und Zwillinge und andere genetisch
identische Kinder beweisen, dass identische Gene keinesfalls identische Phänotypen
hervorbringen. In der Vergangenheit mögen wir die Natur vielleicht unterschätzt haben,
aber auch das soziale Umfeld bleibt wichtig, und die Reaktion auf genetische Eingriffe hat
ihrerseits dessen Bedeutung unterschätzt.
Dennoch fürchten viele Menschen, wenn wir die genetische "Lotterie" durch die
manipulierte Reproduktion ersetzten, würde die willkommene Vielfalt menschlicher Typen
zunehmend durch eine von der Mode diktierte Uniformität ersetzt. In gewissem Ausmaß ist
größere Uniformität eindeutig erwünscht: Es findet sich kein - ästhetischer oder
anderer - Wert in der Tatsache, dass manche Menschen zu einem Leben mit Behinderung oder
einer geringen Lebenserwartung verurteilt sind. Und es ist auch nicht klar, inwieweit die
Eingriffe, selbst wenn sie uneingeschränkt und billig möglich wären, tatsächlich die
erwünschte Vielfalt bedrohen würden. Vermutlich alle Eltern würden, wenn sie die Wahl
hätten, ihren Kindern das Maß an Intelligenz und anderen Anlagen wünschen, das wir
heute als normal betrachten. Das können wir jedoch nicht als unerwünscht bezeichnen:
schließlich hat jede Schuldbildung, die normale wie der Sonderschulunterricht, das Ziel,
ganz allgemein die Intelligenz und Fähigkeiten zu steigern. Gibt es gute Gründe für die
Angst, dass Eltern, wenn sie zwischen sexueller Reproduktion und Klonen wählen könnten,
sich häufig für das Letztere entscheiden würden? Das scheint unwahrscheinlich. Gibt es
Gründe für die Furcht, dass Eltern eine Fortpflanzungszygote manipulieren lassen
könnten, um lieber ein männliches als ein weibliches Kind zu erhalten? Zweifellos werden
in bestimmten Gesellschaften, zum Beispiel in Nordindien, männliche Kinder weiblichen
vorgezogen. Aber diese Vorliebe erscheint so sehr von ökonomischen Umständen und
wechselnden kulturellen Vorurteilen beherrscht, dass nichts darauf hindeutet, wir könnten
plötzlich auf der ganzen Welt durch eine von Männern dominierte Generation überschwemmt
werden. Selektive geschlechtsspezifische Abtreibung ist seit einiger Zeit - als Ergebnis
von Amniozentese und liberalen Abtreibungsgesetzen - möglich, und dennoch hat sich
offenbar kein derartiger Trend durchgesetzt.
All die genannten Einwände scheinen nicht das zu liefern, was T. S. Eliot als
"objektives Korrelativ" für die von mir beschriebene Abwehr bezeichnete. Die
Menschen empfinden einen tieferen, weniger artikulierten Grund, selbst wenn sie ihn nicht
oder nur in logisch unangemessener Sprache ausdrücken können - etwa in dem sonderbaren
Hinweis auf "grundlegende Menschenrechte" in der Resolution des Europäischen
Parlaments. Diese Abwehr ist weitgehend begründet in dem Widerwillen gegen jeden Versuch,
"Gott zu spielen".
"Gott zu spielen" gilt schon in sich als falsch, ganz unabhängig von möglichen
negativen Folgen, die es für irgendein identifizierbares menschliches Wesen hat oder
haben könnte. Es ist jedoch unklar, was es eigentlich bedeutet, "Gott zu
spielen", und was daran falsch sein soll. Es kann nicht bedeuten, dass es für
Menschen immer falsch ist, sich gegen Naturkatastrophen zu wehren oder die Karten neu zu
verteilen, die die Natur ihnen zugeteilt hat. Die Menschen tun das ständig und haben es
immer getan. Worin liegt denn der Unterschied zwischen der Erfindung des Penicillins und
der Verwendung manipulierter und geklonter Gene, um noch schrecklichere Krankheiten zu
heilen, als Penicillin das vermag?
Die Grenze zwischen Schicksal und freiem Willen verschwimmt
Für den Versuch, diese Fragen zu beantworten, müssen wir einen Schritt zurücktreten -
zur Gesamtstruktur unserer moralischen Erfahrung. Diese Struktur hängt ab von einer
grundlegenden Unterscheidung: auf der einen Seite das Denken und Handeln, für das wir
individuell oder kollektiv verantwortlich sind; auf der anderen Seite das, was zu ändern
wir außerstande sind und was den unverrückbaren Hintergrund unseres Handelns und
Entscheidens darstellt. Für die Griechen war das der Unterschied zwischen ihnen selbst
und ihrem Geschick oder Schicksal, das im Schoße der Götter lag. Auch heute noch besteht
für konventionell religiöse Menschen ein Unterschied zwischen dem, wie Gott die Welt
einschließlich unserer natürlichen Rolle entworfen hat, und dem Umfang des freien
Willens, den er ebenfalls geschaffen hat. Wer in den Kategorien der Wissenschaft
argumentiert, kommt letztlich zum gleichen Ergebnis: Man unterscheidet zwischen dem, was
die Natur einschließlich der Evolution mittels Teilchen, Energie und Genen geschaffen
hat, und dem, was wir in der Welt mit diesen Genen anfangen. In jedem Falle zieht diese
Unterscheidung eine Grenze zwischen dem, was wir sind - verantwortlich dafür ist entweder
göttlicher Wille oder ein blinder Prozess -, und dem, wie wir in eigener Verantwortung
mit diesem Erbe umgehen.
Wissenschaftlicher Fortschritt erschüttert Wertesysteme
Diese entscheidende Grenze zwischen Zufall und freier Entscheidung bildet das Rückgrat
unserer Moral, und jede ernsthafte Verschiebung dieser Grenze bedeutet eine schwere
Erschütterung. Die Geschichte liefert viele Beispiele, wie wissenschaftlicher Fortschritt
bestehende Wertsysteme erschüttert hat. Als Wissenschaftler das Atom spalteten, wandelte
sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit die Verantwortung militärischer Führer für den
Schutz ihrer Soldaten im Krieg. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, war nun
ungleich verheerendere Gewalt erlaubt. Die Einstellung zur Euthanasie änderte sich, als
die Medizin die Möglichkeiten der Ärzte dramatisch steigerte, das Leben eines sterbenden
Patienten über den den Punkt hinaus zu erhalten, an dem es für den Patienten noch eine
Bedeutung hat. In jedem Falle wurde eine Periode moralischer Stabilität ersetzt durch
moralische Ungewissheit, und es ist bezeichnend, dass in beiden Beispielen die Menschen
Zuflucht suchten bei dem Ausdruck "Gott spielen".
Die Genetik hat uns die Möglichkeit einer ähnlichen, wenn auch viel umfassenderen
moralischen Erschütterung ins Bewusstsein gerufen. Wir fürchten die Aussicht, dass
Menschen andere Menschen entwerfen, weil diese Möglichkeit die Grenze zwischen Zufall und
Entscheidung verschiebt, die unseren Wertmaßstäben zugrunde liegt. Unser physisches Sein
- das Hirn und der Körper, die jedem von uns unsere materielle Grundlage liefern - war
seit langem das absolute Paradigma dessen, was sowohl von überragender Bedeutung für uns
ist, aber auch jenseits unserer individuellen oder kollektiven Einflussmöglichkeiten
liegt.
Sollten wir die Möglichkeit ernst nehmen, die wir derzeit erforschen - dass
Wissenschaftler wirklich die Fähigkeit gewonnen haben, einen Menschen jedes Phänotyps zu
schaffen, für den sie oder künftige Eltern sich entscheiden -, dann könnten wir an fast
jedem Punkt die Vernichtung festgefügter moralischer Überzeugungen vermerken. Wir
orientieren uns an der Unterscheidung zwischen Zufall und freier Entscheidung nicht nur
bei der Zuordnung der Verantwortung für Situationen oder Ereignisse, sondern in unserer
Bewertung des Stolzes und Selbstwertgefühls, einschließlich des Stolzes auf das, was die
Natur uns verliehen hat. Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, dass Menschen dann stolz
auf körperliche Attribute oder Fertigkeiten sind, wenn sie diese weder ausgesucht noch
geschaffen haben - nicht jedoch, wenn diese als Ergebnisse der Bemühungen anderer
auftreten, an denen sie keinerlei Anteil hatten. Eine Frau, die sich in die Hände eines
Schönheitschirurgen begibt, kann sich über das Ergebnis freuen, aber sie kann darauf
nicht stolz sein; mit Sicherheit kann sie nicht den Stolz empfinden, den sie haben
könnte, wäre ihr ebendiese Schönheit angeboren. Was würde aus dem Stolz auf unsere
körperlichen Attribute, oder auch auf das, was wir daraus machen, wären sie die
unausweichlichen Ergebnisse nicht einer Natur, sondern der Entscheidung unserer Eltern und
ihrer bezahlten Genetiker?
Wir akzeptieren die Bedingungen, in die wir geboren wurden, als Parameter unserer
Verantwortung; nicht aber als potenzielle Arena der Schuldzuweisung (außer in jenen vor
kurzem entdeckten Fällen, in denen das Verhalten eines anderen sich auf unsere
embryonische Entwicklung ausgewirkt hat - durch Rauchen, zum Beispiel, oder die Einnahme
von Drogen). Im Übrigen können wir niemand anderem die Schuld geben, auch wenn wir
vielleicht, wie Richard der Dritte, das Schicksal verfluchen können für das, was wir
sind.
Die gleiche Unterscheidung gilt auch für soziale Verantwortung. Wir fühlen uns eher
verpflichtet, Opfer von Industrieunfällen und rassischen Vorurteile zu entschädigen als
diejenigen, die mit genetischen Defekten geboren oder durch Blitzschlag verletzt wurden.
In der Sprache der Anwälte und Versicherungsgesellschaften heißt das bezeichnenderweise
"höhere Gewalt". Wie würde sich das ändern, wenn wir das, was wir sind, durch
die bewussten Entscheidungen anderer werden?
Der Schrecken, den viele von uns bei dem Gedanken an genetische Manipulation empfinden,
beruht nicht auf der Angst vor dem, was falsch ist. Er beruht auf der Angst, die
Gewissheit zu verlieren, genau zu wissen was falsch ist. Wir fürchten, dass unsere festen
Überzeugungen untergraben werden, dass wir in eine Art moralischen freien Fall geraten;
dass wir den unverrückbaren Hintergrund neu erdenken müssen - mit ungewissem Ergebnis.
Gott zu spielen heißt mit dem Feuer zu spielen.
Nehmen wir an, diese Hypothese sei korrekt, und hier liege der Grund für die starke
emotionale Reaktion der Menschen auf genetische Manipulation. Haben wir dann nicht nur
eine Erklärung, sondern eine Rechtfertigung für diese Abscheu entdeckt? Nein. Wir
hätten eine Herausforderung entdeckt, der wir uns stellen müssen, und nicht eine
Begründung für den Rückzug. Unsere Hypothese enthüllt lediglich Gründe, warum unsere
heutigen Werte falsch oder unüberlegt sein können. Wer moralische Verantwortung tragen
will, kann nicht an Rückzug denken, wenn sich herausstellt - wie es heute der Fall ist -
dass einige grundlegende Voraussetzungen dieser Werte nicht mehr zählen.
Gott spielen heißt, tatsächlich mit dem Feuer zu spielen. Aber genau das haben wir
Sterbliche immer getan - seit Prometheus, dem Schutzheiligen der gefährlichen
Entdeckungen. Wir spielen mit dem Feuer und akzeptieren die Folgen, denn die Alternative
wäre unverantwortliche Feigheit vor dem Unbekannten.
(c) Prospect 1999
Übersetzung: Meinhard Büning
© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 38
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