Wettlauf um die Gene

Die Suche nach dem menschlichen Erbgut geht in die entscheidende Phase
Von Andreas Sentker


Acht lange Monate hatten die Regierungsvertreter aus Washington und London verhandelt. Es ging um Gewichtiges: die Zukunft des Human-Genom-Projekts (HGP). Seit 1990 wird diese Kooperation zur Erforschung des menschlichen Erbguts vor allem von amerikanischen Behörden und der britischen Wohlfahrtsorganisation Wellcome Trust finanziert, Gesamtkosten etwa drei Milliarden Dollar. Die Human-Genom-Organisation, ein Zusammenschluss der am Projekt beteiligten Forscher, hat heute mehr als 1000 Mitglieder aus über 50 Ländern. Ihre gemeinsame Vision: Die Entschlüsselung der etwa drei Milliarden Buchstaben des menschlichen Erbtextes soll Krankheiten verstehen, heilen und sogar vermeiden helfen. Dieser Text ist das genetische Welterbe der Menschheit. Daher, sagen die Forscher des Projekts, müsse wenigstens seine rohe Buchstabenfolge allen öffentlich zugänglich sein.
Doch die Briten sehen die Arbeit der staatlichen Forscher, die öffentlichen Investitionen und besonders die Interessen der Europäer durch aggressive kommerzielle Strategien amerikanischer Bio-Tech-Firmen gefährdet. Die haben vor einigen Jahren entdeckt, dass sich mit menschlichen Genen an der Börse Geld machen lässt. Patentieren statt publizieren lautet jetzt die Devise der Erbgutindustrie (siehe Seite 39). Der Wettlauf um die Gene hat längst begonnen.
So haben vor allem US-Konzerne beim amerikanischen Patent and Trademark Office (PTO) Abertausende von Anträgen auf die Patentierung menschlichen Erbguts gestellt. Und um ebendiese Anträge ist eine heftige Auseinandersetzung entbrannt. Während in Europa solche Patente nur unter strengen Auflagen erteilt werden, gehen die Amerikaner bisher relativ lax mit den Ansprüchen auf geistiges Gen-Eigentum um. Der Wellcome Trust hat bereits offen mit Klagen gegen mögliche amerikanische Gen-Patente gedroht, die ausschließlich auf einer bekannten Sequenz, einer vage bestimmten Funktion des entsprechenden Gens und einer noch weniger klar definierten Anwendung der Entdeckung basieren. Doch die Firmen überschwemmen das Patentamt weiterhin unverdrossen mit derart schwammigen Gesuchen. Nun soll Bill Clinton den Briten zu Hilfe eilen.
Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichten Präsident Clinton und Premierminister Blair eine gemeinsame Erklärung. Der Inhalt - ganze 19 Zeilen - ist nicht gerade spektakulär: ein pathetischer Lobgesang auf die größte amerikanisch-britische Wissenschaftskooperation aller Zeiten. Applaus für den Freimut, mit dem das HGP seine wertvollen Daten vollständig und in Tagesfrist im Internet veröffentlicht. Und schließlich die Bitte an die "weltweite Forschergemeinde" - gemeint ist eigentlich die Industrie -, doch in Zukunft wenigstens ihre Rohdaten des menschlichen Genoms anderen Forschern frei zur Verfügung zu stellen.
Auf den ersten Blick nicht mehr als ein moralischer Appell. Doch an der Börse schlug das Papier wie eine Bombe ein. Noch während der begleitenden Pressekonferenz gerieten die Kurse der Patent-Hasardeure ins Rutschen. Zu offensichtlich war, dass Clinton dem Druck aus Großbritannien nachgegeben hatte. Am Ende des Tages hatten die Papiere von Human Genome Sciences 23 Prozent ihres Wertes verloren, Celera büßte 25 Prozent, Incyte gar 29 Prozent ein. Vergeblich versicherte Neal Lane, Chef von Clintons Wissenschaftsbüro, mit Patentierungsfragen habe die Premier-präsidiale Erklärung absolut nichts zu tun.
Tatsache ist, dass Clinton auf das Wirken der unabhängigen Patentbehörden und -gerichte wenig Einfluss nehmen kann, wenn er nicht entsprechende Gesetze ändern will. Tatsache ist aber auch, dass das Patentamt vor einigen Wochen zur Patentierung von Genen neue, strengere Richtlinien zur Diskussion gestellt hat, die den öffentlich arbeitenden HGP-Forschern noch immer nicht streng genug sind.
Firmen betreiben Forschung ohne ein einziges Experiment
Bill Clinton steckt in einer Zwickmühle. Einerseits muss er staatliche Forschungsinteressen schützen, andererseits darf er den Boom der neuen Märkte nicht gefährden. So betont er - gemeinsam mit Blair - eilfertig, die Patentierung sei im Bereich der Genforschung eine wichtige Voraussetzung für Innovationen. Allerdings - das meint er und will es doch nicht explizit sagen - nicht die Patentierung von reinen Gensequenzen mit fragwürdiger Funktion und noch fragwürdigerem Anwendungsnutzen.
HGP-Chef Francis Collins kann der Zuspruch von ganz oben gerade recht sein. Collins ärgert vor allem eines: Tausende von Patentanträgen basieren auf Angaben, die nur aus dem Vergleich von Gendatenbanken im Computer resultieren. Wenn sich ein bestimmtes menschliches Gen ähnlich auch im Genom einer Maus findet und man dort seine Funktion kennt, kann man vom Tier auf den Menschen schließen. Wenn ein Gen etwa bei der Maus die korrekte Funktion der Leber steuert, wäre es ein möglicher Ansatzpunkt für die Therapie von Leberstörungen - wohlgemerkt bei der Maus. Aber warum sollte das beim Menschen nicht ganz ähnlich sein, und warum sollte man einen solchen hypothetischen Einsatz in der Medizin nicht patentieren lassen können? "Das ist Forschung ohne ein einziges Experiment!", schimpfen die Kritiker. Die so Gescholtenen können derweil in Ruhe abwarten. Sollte das Patentamt ihre Anträge ablehnen, haben sie nach Meinung führender US-Patentrechtsexperten gute Aussichten, ihre Ansprüche vor Gericht durchzusetzen.
Inzwischen hat sich auch die Bundesregierung zu Wort gemeldet. Sie unterstütze die Clinton-Blair-Initiative, erklärte Wolf-Michael Catenhusen (siehe Interview Seite 38). "Wenn sich die Patentstrategie amerikanischer Firmen durchsetzt, wird das europäische Patentrecht ins Rutschen kommen. Die entscheidende Schlacht wird jetzt in den USA geschlagen." Die Sieger stehen bereits fest: Patentanwälte. Ihre Zahl hat in den vergangenen Monaten rascher zugenommen als die Höhe der Forschungsinvestitionen.


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