Der Spiegel, 37/98, S. 272
Schlacht um die Gene
Ein US-Unternehmen fordert die Weltelite der Genforscher heraus: Binnen
drei Jahren will er das Erbgut des Menschen entschlüsseln. Gerät die Zukunft der Medizin
in die Hände von Geschäftemachern? Ein Wirtschaftskrieg um das Erbe der Menschheit hat
begonnen.
Zu siegen ist für Craig Venter Programm. Als Junge stürzte er sich auf dem Surfbrett in
die Wogen an den Stränden Kaliforniens. Später hätte er es als Schwimmer fast bis zur
Olympiade gebracht. Letztes Jahr schließlich fuhr Venter, inzwischen 52, Spitzenforscher
und Multimillionär, mit seiner Jacht "Sorcerer" ("Zauberer") auf der
Regatta USA/England allen davon.
Jetzt fordert er zu einem ungleich spektakuläreren Wettkampf heraus. Hunderten von
Wissenschaftlern in 50 Instituten weltweit hat er den Fehdehandschuh hingeworfen. Binnen
drei Jahren, so kündigte er an, werde er vollenden, womit sich die Elite der Genforscher
seit über einem Jahrzehnt abmüht: Im Alleingang will Venter das menschliche Erbgut
entschlüsseln.
Aus ungefähr 70.000 Genen besteht der Bauplan des Menschen. Von nicht mehr
als 5.000 davon ist bekannt, was sie im Körper tun. Schon sie geben den Ärzten kostbare
Geheimnisse preis: Die Anlagen für tödliche Erbkrankheiten und Brustkrebs sind darunter;
die Bauanleitungen für lebenswichtige Stoffe wie Blutgerinnungsfaktoren, Wachstumshormone
und Insulin.
Doch das ist noch nichts, gemessen an dem, was noch kommen wird. Weil Gene die Entwicklung
eines Embryos ebenso steuern wie das Altern und den Tod, ergäben sich Möglichkeiten fast
jenseits der Vorstellungskraft, wäre erst das Regelwerk des Lebens im Kern jeder Zelle
vollständig verstanden.
Ärzte könnten womöglich das Leben verlängern, das Gedächtnis verbessern und
Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer besiegen. "Binnen einer Generation",
prophezeit der amerikanische BiotechnikFachmann Leigh Thompson, werde die
Genforschung "das Leben auf der Erde völlig umkrempeln".
Molekularbiologe Venter will der Medizin den Weg in diese Zukunft ebnen. Wie einen Feldzug
hat er sein Vorhaben geplant. Er hat bei Washington eine Firma gegründet, Celera
Genomics, die ausschließlich das Erbgut des Homo sapiens erforschen und vermarkten soll.
Er hat 230 Maschinen bestellt, die Geninformationen mit Hilfe von Laserstrahlen lesen
sollen, weit schneller als alle bekannten Geräte. Und er hat einen zahlungskräftigen
Partner gefunden, den Laborgerätehersteller Perkin-Elmer, der ihm auch die Leseroboter
liefert.
Seine hehren Motive jedoch kaufen ihm viele nicht ab. Unter den Wissenschaftlern wächst
die Sorge, daß mit Venter ein neuer Bill Gates heranwächst, der sich ein Monopol auf die
Software des Lebens verschaffen will. Nobelpreisträger James Dewey Watson, um deftige
Kommentare selten verlegen, beschimpft ihn im engeren Kreis seiner Kollegen angeblich
sogar als "Hitler der Gene".
Jedenfalls steht zu befürchten, daß eine Ballung von - durch Patente geschütztem -
Wissen über das Erbgut dem, der es hat, weitreichende Macht verleiht: Kein anderer kann
dann an den Patenten vorbei, wenn er Geninformationen etwa zur Bekämpfung von Krankheiten
oder zur Entwicklung von Heilmitteln nutzen will.
Die Entdeckungen im Erbgut, so erklärte der Harvard-Ökonom Juan Enriquez, "werden
die Weltwirtschaft verändern"Gene sind zum kostbaren Rohstoff geworden, der die
Fortschritte der Pharmaindustrie vorantreibt. "Meine Ideen sind unbezahlbar",
brüstet sich Venter. "Es ist möglich geworden, Wissenschaftler zu werden und
zugleich sehr reich." Wie kaum ein anderer vereint er Forscherdrang und Profitstreben
in einer Person (siehe Gespräch Seite 280).
In seinem Büro voll Mahagoni, edlen Teppichen und Schiffsmodellen doziert er über ein
neues Bild der Evolution, das aus der Genomforschung hervorgehen werde; im Privatjet reist
er zu Konferenzen über die Medizin der Zukunft. Selbst seine Jacht, behauptet er, stehe
im Dienst der Wissenschaft: Auf See kämen ihm die besten Ideen.
Schon ehe er seine Firma Celera Genomics gründete, hat Venter in seinem Privatinstitut
TIGR die Gensuche industrialisiert. Dutzende Roboter stehen dort aufgereiht in den
Laborhallen; rund um die Uhr lesen sie Erbgut. Hilfskräfte beschicken die Maschinen Tag
und Nacht mit Ampullen - Glasröhrchen, in denen die Gene von Pockenviren,
Malariaerregern, Reis, Zebrafischen, Mäusen und Menschen schwimmen. Am liebsten würde
Venter die Baupläne der ganzen Schöpfung in seinen Computern speichern.
Er träumt von einer Zeit, in der die Kreaturen keine Geheimnisse" mehr haben. Heute
schon bat er das Erbgut von fast so vielen Organismen erfaßt wie alle anderen Forscher
der Welt zusammen: die DNS des Magengeschwür-Bakteriums Helicobacter und des
Syphilis-Erregers, die Gene von Mikroben, die in Quellen auf dem Ozeangrund treiben. Bald,
hofft er, werden die Wissenschaftler diese Geschöpfe bis ins letzte verstehen: "Wir
betrachten die Lebewesen von innen heraus."
Innerhalb von zehn Jahren hat es Venter, der Entrepreneur des Erbguts, vom unbekannten
Forscher in den Labors der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH zum vielleicht
einflußreichsten Mann der Genforschung gebracht. Als er damals diese heute so hart
umkämpfte Bühne betrat, war die Entschlüsselung des Erbguts noch ein Unterfangen, das
den akademischen Gelehrten vorbehalten schien. Die Industrie interessierte sich kaum
dafür.
Den Regierungen der USA und Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und Japans jedoch
war das Wissen über das Humangenom, wie die Forscher die Gesamtheit aller
Erbinformationen des Menschen nennen, drei Milliarden Dollar wert. Soviel haben sie
Houston, Cambridge,
Tokio, Paris, Jena und zehn anderen Städten zugesprochen, die sich in der internationalen
Human Genome Organization (Hugo) zusammenschlossen.
Hunderte Forscher haben im losen Verbund die Chromosomen des Homo sapiens unter sich
aufgeteilt. Innerhalb von 15 Jahren, so die ursprüngliche Planung, wollte der
weltumspannende Wissenschaftlerclub die Botschaften im Zellkern entschlüsselt haben.
Zugleich versprachen die staatlich geförderten Forscher, das von ihnen gesammelte Wissen
über die Gene der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen.
Damals schien das Unterfangen, die schier endlose Folge von Molekülen zu lesen, aus denen
die menschliche Erbsubstanz aufgebaut ist, eine kaum lösbare Titanenarbeit. Es sind die
vier Bausteine Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin, abgekürzt mit den Buchstaben A, G, T
und C, die sich im Erbgut zu Wörtern und Sätzen zusammenfügen: den Genen. In ihnen ist
der Bauplan für die Eiweiße kodiert, die in allen Geschöpfen die Lebensprozesse steuern
(siehe Grafik Seite 278).
Doch wer im Buch des Lebens lesen will, steht vor dem Dilemma daß die Erbinformationen
zwischen Ketten aus Millionen As, Cs, Gs und Ts verstreut sind, die zumindest nach
heutigem Wissen an den Prozessen im Körper gar keinen Anteil haben. Die aktiven Gene
verbergen sich deshalb wie Geheimbotschaften in einem Meer von Datenmüll.
Um in diesem Wust den Überblick zu bewahren, gehen die Hugo-Forscher in zwei Schritten
vor. Zunächst "kartieren" sie das Erbgut: Sie suchen wiedererkennbare
Markierungen im genetischen Hieroglyphentext. Auf diese Weise gliedern sie die Chromosomen
in Tausende von Abschnitten, die jeder für sich mit heutigen Sequenziermaschinen
bewältigbar sind - denn kein Labor der Welt, so glaubten sie,
könne die drei Milliarden Lettern der DNS auf einmal von Anfang bis Ende lesen.
Doch das Geschäft entpuppte sich als noch viel schwieriger als gedacht - die
Hugo-Forscher fielen hinter ihre Pläne zurück. "Mir wird manchmal angst und bange,
wenn ich daran denke, was wir uns da vorgenommen haben", klagte der Jenaer Forscher
André Rosenthal im vergangenen Frühjahr, zur Halbzeit des HugoProjekts.
Venter, anfangs noch Mitglied im HugoBündnis, hat sich schon früh auf rebellische Wege
gemacht. Schon 1987, als seine Kollegen noch damit beschäftigt waren, auf Konferenzen ihr
Mammut-Vorhaben zu organisieren, trumpfte er auf: Er experimentierte mit einer Maschine,
mit der er das Genlesen automatisieren und auf eigene Faust vorantreiben konnte.
Er beantragte zehn Millionen Dollar vom Staat, doch die bekam er nicht. Deshalb sammelte
er Privatkapital und gri.indete 1992 sein Institute for Genomic Research (TIGR). Dort
verfolgte er eine Strategie, die alle herrschende Logik auf den Kopf zu stellen schien.
Venter hielt sich mit der mühsamen Kartierung gar nicht erst auf. Statt dessen verfolgte
er eine andere Strategie - nach seiner Auffassung ein Expreßweg zur Erbinformation (siehe
Grafik Seite 274).
Zunächst begann er, wahllos nach Bruchstücken von Genen zu fischen. Schon 1995
veröffentlichte Venter eine Kostprobe aus seiner Kollektion. Sie bot eine, wenngleich
noch vage Vorstellung davon, wie viele Gene spezifisch in den verschiedenen Organen des
Menschen wirken: Die weitaus meisten, 3195, im Gehirn, spärliche 297 hingegen im
Dünndarm (siehe Grafik Seite 273).
Nun möchte Venter das gesamte menschliche Erbgut entschlüsseln - selbst wenn dabei
kleine Lücken bleiben. "Wir schaffen 90 Prozent", sagt er. "Es ist besser,
fast alles in drei Jahren zu haben, als auf die komplette Sequenz des Genoms noch bis zum
Jahr 2005 zu warten."
Die Roboter von Perkin-Elmer sollen ihm helfen, seinen Gewaltakt zu vollbringen. Dazu
zerteilt er das Erbgut in winzige Stücke, die er in seine Leseroboter einspeist. So
entstehen rund 60 Millionen einander überlappende Wortfetzen. Computer sollen sie dann
gleich einem gigantischen Puzzle zum Gentext zusammenfügen.
Wie ein Donnerschlag traf Venters Ankündigung die wissenschaftliche Community. Als erstes
reagierte das englische Sanger Centre: Der Etat des größten europäischen Labors wurde
vom britischen Wellcome Trust verdoppelt. Keinesfalls
werde man Venter das Terrain kampflos überlassen, erklärt der zuständige Michael
Morgan: "Es wäre Wahnsinn, würde das Erbgut der Menschheit einer Privatfirma
gehören."
Inzwischen hat das ganze Konsortium seine Pläne geändert: Ab sofort gilt nur noch
Schnelligkeit. Von jetzt an in zwei Jahren wollen nun auch die akademischen Forscher
wenigstens den größeren Teil des Erbguts entziffert haben. Ende Mai sind die
Hugo-Leseroboter angelaufen.
Noch einmal verschärfte sich das Tempo im Wettlauf um die Gene des Menschen, als im
August ein weiterer Wettbewerber in den Ring stieg. Auf einer Pressekonferenz im Silicon
Valley verkündete das kalifornische Unternehmen Incyte Pharmaceuticals, bei dem 800
Mitarbeiter, darunter 150 Bioinformatiker, die größten Gendatenbanken der Welt
betreiben, es werde sämtliche Gene schon im kommenden Jahr entschlüsseln: dreimal so
schnell wie Venter mit seinen Maschinen.
Anders als Venter, der nicht nur reich werden, sondern auch als Forscher in die Geschichte
eingehen will, verfolgen die Incyte-Manager nur ein einziges Ziel: Unverhohlen gesteht
Geschäftsführer Roy Whitfield ein, daß er so schnell wie möglich "die gesamte
wirtschaftlich relevante Information" abfischen und meistbietend verkaufen will.
Die Verwertung der Gene sei bereits jetzt "ein industrieller Prozeß geworden",
behauptet Whitfield, und habe "mit Wissenschaft nichts mehr zu tun".
Der Krieg um die Gene, der jetzt in Gang kam, ist Symptom eines tiefgreifenden
Sinneswandels in der Bewertung von Wissenschaft: Erkenntnisdrang, jahrtausendelang
alleinige Triebkraft menschlichen Forschens, reicht als Impetus nicht mehr aus. Wer
aufwendige Grundlagenforschung betreiben will, hat nach diesem neuen Begriff von
Wissenschaft nur dann gute Karten, wenn er gleichzeitig eine Produktidee anbietet.
So setzt sich auch der Bio-Crack Venter in den Besitz einer Ware, die er verkaufen kann:
Bio-Information. Gegen eine hohe Eintrittsgebühr öffnet er Pharmakonzernen die Pforten
seines Datenschatzes. Einzig sein Konkurrent Incyte verfügt über einen ähnlich
umfangreichen Genkatalog.
Diese streng gehüteten Verzeichnisse verschaffen den beiden Firmen schon heute ein
Wissensmonopol: Wer nicht mit ihnen zusammenarbeitet, bleibt im Zukunftsgeschäft der Gene
außen vor. Die größte Sorge vieler Experten ist nun, daß die Regierungen ganz das Feld
räumen. Eines der beiden Unternehmen könnte sich dann zum alleinigen Herrscher über das
Erbgut aufschwingen.
Die heute noch sehr lückenhaften Datenbanken sind nur der erste Schritt auf diesem Weg.
Zum allmächtigen Monopolisten wird erst, wer sich die Alleinrechte auf die Gene sichert,
geschützt durch Pa tente. Wie sich derartige Schutzrechte auswirken, zeigt bereits heute
das Beispiel der Firma Myriad Genetics.
Dieses amerikanische Unternehmen hält das Patent auf das Krebsgen BRCA 1, das bei fünf
Prozent aller Brustkrebsfälle eine Rolle spielt. Wer auch immer, ausgehend von diesem
Abschnitt der DNS, zum Beispiel ein Diagnoseverfahren für Mammakarzinome entwickeln
möchte, muß beim Patentinhaber um eine Lizenz nachsuchen und, sofern er sie erhält,
Gebühren dafür zahlen.
Venter beteuert zwar, er werde "der Öffentlichkeit das Genom gratis zur Verfügung
stellen", und zeiht seine Kritiker des Undanks: "Nörgeln ist alles, was sie
tun." Herausrücken allerdings will er seine Erkenntnisse jeweils erst nach drei
Monaten.
Seine Gegner mutmaßen, er werde in dieser Zeit die Rosinen aus dem Datenchaos
herauspicken, vielversprechende Gene zum Patent anmelden und den Rest der Welt mit schier
endlosen, aber vergleichsweise uninteressanten DNS-Sequenzen abspeisen.
"Wir werden nur 100 bis 300 Gene patentieren", sucht Venter zu beruhigen,
umsonst. "Woher wollen wir wissen, daß er sich damit zufriedengibt?" beharrt
Genomexperte John Sulston vom britischen Sanger Centre. Venters Konkurrenten von Incyte
machten ohnehin kein Hehl daraus, daß sie alle ihre Entdeckungen für sich behalten
werden.
Die Hugo-Forscher haben sich demgegenüber vor zwei Jahren verpflichtet, ihre Fortschritte
jeweils umgehend in öffentliche Datenbanken einzuspeisen. Doch selbst unter ihnen besteht
keineswegs Einigkeit über dieses hehre Prinzip.
So verzichteten acht deutsche Pharmafirmen, die Hugo in Deutschland mit 1,2 Millionen Mark
jährlich unterstützen, erst nach heftigem Widerstand darauf, neue Daten drei Monate lang
unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf Verwertbares abzuklopfen.
Aber darf sich ein Forscher wirklich Gene aneignen, und damit Teile des menschlichen
Körpers, die nicht er, sondern die Evolution erfunden hat? "Kein Patent auf
Leben!" fordern fundamentalistische Kritiker, darunter eine gleichnamige Initiative
in München. Vermessen sei es, Urheberrechte an lebenden, fortpflanzungsfähigen Wesen
oder Teilen davon geltend zu machen, als handle es sich um neue Küchenmaschinen.
"Gene sind mehr als nur Chemikalien", warnt auch der Mediziner Gerhard Wolff,
Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, die sich gegen die Patentierung
menschlicher Erbinformation ausspricht - wie auch andere Medizinerorganisationen, so der
Weltärztebund.
Zu welch absurden Konflikten die Ausschlachtung des Erbguts führen kann, zeigt das
Beispiel von John Moore, Ölarbeiter aus Alaska und erster teilweise patentierter Mensch
der Welt.1976 ließ sich der leukämiekranke Moore an der University of California
behandeln, wo seine durch den Krebs ungeheuer angeschwollene Milz herausgeschnitten wurde.
In diesem Organ entdeckte Moores Arzt weiße Blutkörperchen, die ungewöhnlich potente
Immunstoffe produzierten. Eine Kultur der wehrhaften Zellen namens "Mo line"
ließ die Universität 1984 patentieren und verscherbelte sie für 1,7 Millionen Dollar an
eine Biotech-Firma. "Die haben meinen Körper als Goldmine mißbraucht",
empörte sich der genesene Moore, der mit einer kleinen Vergütung abgespeist werden
sollte: "Ich wurde abgeerntet."
Moores Klage auf Gewinnbeteiligung war nur zum Teil erfolgreich. Der California Supreme
Court sprach ihm kein Recht auf Vermarktung der eigenen Milz zu; der Arzt sei jedoch der
Verletzung seiner Informationspflicht schuldig, weil er Moore nicht über den potentiellen
Wert seiner Blutzellen aufgeklärt habe.
Inzwischen ist - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt die Patentierung von Leben,
auch von Zellen und Genen des Menschen, zur etablierten Praxis geworden.1500 Abschnitte
des menschlichen Erbguts sind weltweit schon patentgeschützt.
Nach zehnjährigem Ringen hat sich im Mai auch die EU auf eine Richtlinie für
biotechnische Kreationen geeinigt und damit den Weg zum Vermarkten von Genen geebnet. Als
patentwürdig gilt nunmehr ein DNS-Abschnitt, wenn der Entdecker die Funktion des Gens
kennt, ein technisches Verfahren mitliefert und sagt, wozu sein Fund dienen könnte. Die
Regelung soll verhindern, daß sich Glücksritter beliebige Erbgutschnipsel schützen
lassen - in der Hoffnung, sie könnten sich als Teil eines profitablen Gens entpuppen.
Doch vermutlich können sich auch künftig Antragsteller mit einer vage beschriebenen
Anwendung ihres DNS-Bruchstücks durchmogeln. "Steinreich werden im Krieg um die Gene
auf jeden Fall die Patentanwälte", spottet der Jenaer Molekularbiologe Rosenthal.
Solche Schutzrechte seien nun einmal nötig, solle die Biotech-Industrie florieren,
argumentiert Joseph Straus vom Münchner Max-Planck-Institut für Patentrecht: "Ohne
Patentschutz wird niemand investieren."
Keineswegs, so Straus weiter, behinderten Patente die Wissenschaft, denn zu
Forschungszwecken dürfe sich jeder auch patentgeschützter Gene kostenlos bedienen. Im
Gegenteil fördere das Patentrecht die Veröffentlichung neuer Genfunde sogar: Könnten
sich die Entdecker nicht ihr Eigentum sichern, so würden sie sich aus Angst vor Ideenraub
jahrelang hinter ihren Labortüren verschanzen.
Forscher, die noch immer darauf pochen, der genetische Bauplan des Menschen müsse
Allgemeingut sein, werden von der Realität überrollt. 350 Anträge zur Patentierung von
jeweils etwa 500.000 Erbgutsequenzen aller möglichen Organismen stapeln sich beim
US-amerikanischen Patent and Trademark Office; 200 Prüfer werden ein Jahr brauchen, die
Akten abzuarbeiten - Unterlagen, in welche die Industrie größte Hoffnungen setzt.
"Genomics", die Erforschung des Erbguts von Keim und Kraut, Tier und Mensch,
steht im Zentrum einer boomenden Branche. Weltumspannende Konzerne wie Monsanto, Hoechst
und DuPont wenden sich zunehmend von ihrem klassischen Chemiegeschäft ab und mutieren zu
Life-Science-Unternehmen, die dort operieren, wo sich Chemie, Landwirtschaft und
Pharmaindustrie überschneiden.
Alle Akteure suchen nach Partnern bei der Genjagd oder investieren kräftig, um
Forschungsabteilungen unter dem eigenen Dach aufzubauen. Der Schweizer Branchenriese
Novartis ließ sich ein Genomics-Institut 440 Millionen Mark
kosten, Hoechst Marion Roussel gibt pro Jahr 50 Millionen Mark für Genomforschung
aus.1993 zahlte der britische Konzern SmithKline Beecham der Firma Human Genome Sciences
200 Millionen Mark für die Einsicht in deren Datenbanken - der bis dahin größte Deal
mit dem menschlichen Erbgut.
Wie Goldgräber dem einen großen Nugget entgegenfiebern, so hoffen auch die
Life-Science-Firmen auf das Gen, das ihnen Millionengewinne beschert. Ihr Vorbild ist die
amerikanische Firma Amgen, die als Biotech-Klitsche begann, sich das Gen für den
blutbildenden Botenstoff Erythropoetin sicherte und heute mit diesem Stoff 1,5 Milliarden
Dollar Umsatz im Jahr erzielt. Damit ist das Mittel, von dem vor allem Nierenkranke
profitieren, das aber auch Tour-de-France-Profis als Dopingmittel dient, eines des
umsatzstärksten Medikamente weltweit.
Andere Erfolgsgeschichten kreisen um das gentechnisch produzierte Humaninsulin, dessen Gen
der US-Konzern Eli Lilly kontrolliert, oder um den Blutgerinnungsfaktor VIII und die zur
Krebsbehandlung eingesetzten Interferone.
Allerdings werden, weil das Zusammenwirken der Gene bisher wenig verstanden ist, die
überschäumenden Erwartungen auch häufig enttäuscht - das mußte selbst das
Erfolgsunternehmen Amgen erfahren. 20 Millionen Dollar investierte die Firma in ein Gen
für das Sättigungshormon Leptin, um ein Medikament gegen Fettsucht zu entwickeln. Aber
der Signalstoff versagte in klinischen Studien, die Forscher hatten Wechselwirkungen mit
zahlreichen anderen Botenstoffen übersehen.
Doch solche Rückschläge dämpfen den Überschwang kaum. Je mehr die Genforscher auf
Bauanleitungen für immer neue therapeutisch interessante Eiweiße stoßen, je tiefer sie
in das Gefüge der Zelle blicken, um so mehr beginnen sie, von immer raffinierteren
Eingriffen ins Regelwerk der Natur zu träumen.
Nicht mehr die körpereigenen Stoffewie Insulin oder Erythropoetin - sollen künftig
heilen, sondern kleine, maßgeschneiderte Moleküle, die gezielt Enzyme blockieren oder an
bestimmte Proteine binden. Nur wenn sie diese Proteine und ihre Gene kennen, können die
Forscher ihre Wunderpillen schmieden.
Solche Kunstmoleküle sieht Norbert Riedel, Biotechnik-Chef von Hoechst Marion Roussel,
als neues Standbein der molekularen Medizin neben der Gentherapie und den heilsamen
Eiweißen. Erste Produkte aus dieser Baureihe sind die neuen Kombi-Therapien gegen Aids.
Wo es gilt, Gene in Geld umzuwandeln, scheinen der Phantasie kaum Grenzen gesetzt.
Selbstironisch sagt Harry Meade, Vize-Präsident der Firma Genzyme Transgenics in
Massachusetts: "Als ich Biologie studierte, hätte ich nie gedacht, daß ich einmal
Ziegen hüten würde."
Inzwischen ist Genzyme Hirte von 500 Muttertieren, einige davon mit fremden Genen. Sie
spenden mit ihrer Milch kostbare menschliche Eiweiße wie Antithrombin, ein Mittel gegen
Blutgerinnsel. In klinischen Tests prüft Genzyme derzeit die Wirksamkeit der Substanz.
"Pharming" heißen solche Unternehmungen im Grenzbereich von Landwirtschaft und
Pharmaherstellung. Kreative Forscher versprechen sich von diesem Ansatz schier
Unglaubliches: Impf-Bananen gegen Gelbsucht, wahlweise Avocados zum Schutz vor Tollwut
oder Tabakblätter, in denen Antikörper gegen Kariesbakterien wachsen - als
Zahnpasta-Zusatz.
Von derlei Visionen läßt sich die Branche mitreißen, in der einzelne Forscher und ganze
Konzerne einstweilen auf vage Hoffnungen mindestens ebenso bauen wie auf gesichertes
Wissen. Gerade erst formiert sich ein ganz neuer Industriezweig: die Softwarebranche der
Biologie.
Wenn die Wissenschaftler erst einmal den Text des menschlichen Bauplans entziffert haben,
so glauben die Propheten der genomischen Zukunft, dann werde nochmals eine neue Ära
anbrechen.
Dann werden die Biologen vor den 70.000 Genen des Menschen stehen wie ein Erstkläßler
vor Goethes Faust: Er kann den Text zwar buchstabieren, aber dessen Bedeutung bei weitem
noch nicht erfassen.
Vor den Aufgaben, die dann warten, ereilt sogar den selbstbewußten Craig Venter ein
Anflug von Demut. "Bis die Menschheit vollständig begriffen hat, was wir in den
nächsten drei Jahren entziffern", ahnt er, "wird ein Jahrhundert
vergehen."