Die Woche, 30.01.98, Volker Stollorz, Seite 31
Genmanipulierte Kühe sollen massenhaft Arzneimittel in ihrer Milch produzieren - Eine Deutsche Firma besitzt die Lizenzen
Ihre Schöpfer nennen sie zärtlich "Charlie" und "George". Die beiden zwei Wochen alten Kälbchen aus Texas - und ein nach dem öffentlichen Medienrummel geborenes, daher namenloses Geschwister - schauen ziemlich normal drein. Trotzdem gelten sie als Sensation: Die ersten Rinder, die zugleich geklont und genetisch manipuliert wurden. In ihr Erbgut wurden so genannte "Marker"-Gene eingepflanzt. Im nächsten Entwicklungsschritt des Verfahrens, bei den nächsten Tieren, werden es Erbanlagen für Arzneimittel oder andere, kommerziell nutzbare Substanzen sein, die man dann etwa aus der Milch herausfiltern kann.
Mit diesem Kunststück haben die US-Forscher Steven Stice und James Robl von der Biotech-Firma Advanced Cell Technology (ACT) den Beweis erbracht, dass Klonen eine wirtschaftliche Zukunft hat, dass die bisher geglückten Experimente keine Zufallsergebnisse waren.
Für Aufsehen gesorgt hatten bisher vor allem die Edinburgher Versuche an Schafen. Dort waren
- 1995 die genetisch absolut identischen Meran und Morag geboren worden, geklont aus einer Embryonalzelle,
- 1996 Dolly auf die Welt gekommen, geklont aus der Euterzelle eines erwachsenen Tieres,
- 1997 Polly vorgestellt worden, die Weltpremiere eines geklonten und zugleich genetisch aufgerüsteten Schafs.
Das Problem des Klonens von Säugetieren, so Davor Solter vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg, sei nun, durch die Erfolge bei Rindern, "wissenschaftlich weitgehend gelöst". Bestätigt wird diese Einschätzung durch die Nachrichten aus japanischen Forschungslabors: Danach sollen demnächst gleich zehn Kälber das Licht der Welt erblicken, die nach der Methode Dolly aus den Zellen eines Bullenohrs geklont wurden.
Kombiniert man diese Prognosen mit den immer weiter reichenden Möglichkeiten der Genmanipulation, dann rückt die Vorstellung des "Nutztiers vom Reißbrett , gar von der Vervielfältigung des "schnellsten Rennpferds in greifbare Nähe. Auch wenn die Aussicht begrüßt wird, bisher kaum verfügbare oder nur sehr aufwendig gewinnbare menschliche Arzneimittel in beliebiger Menge herzustellen, bleibt die damit zwangsläufig verbundene Perspektive zweifelhaft: Schafe, Rinder und andere Milchspender zu genetisch formbaren Arzneimittelfabriken zu degradieren.
Das Modewort dafür heißt pharming und ist eine amerikanische Wortschöpfung aus pharmaceutical (Arzneimittel) und farming (Tierzucht). Die Biotech-Firma ACT aus Worcester in Massachusetts hat sich in diesem Zukunftsmarkt besonders ehrgeizige Ziele gesetzt: Aus der Milch ihrer Klon-Kühe soll schon bald menschliches Albumin gewonnen werden. Das Eiweiß ist ein unverzichtbarer Blutersatzstoff - Jahresbedarf weltweit 440 Tonnen - und wird bisher allein aus Blutspenden gewonnen.
Künftig könnte Albumin auch gentechnisch in Zellkulturen hergestellt werden. Doch die Milchmethode verspricht günstigere Kosten-Nutzen-Rechnungen für die Hersteller: "Jede geklonte Kuh wird pro Jahr annähernd 80 Kilogramm Serum-Albumin in ihrer Milch liefern", erläutert Steven Stice von ACT. Die Fresenius AG im hessischen Bad Homburg, der größte europäische Hersteller von Infusionslösungen, schloss deshalb schon im März 1997 einen Kooperationsvertrag über zu nächst 17 Millionen Dollar mit der US-Firma Genzyme Transgenies ab. Ziel ist dabei, einen möglichst großen Anteil des rund 1,5 Milliarden Dollar umfassenden Weltmarkts mit Albumin zu erobern.
Die öffentliche Aufregung um das Klonen bei Nutztieren kann Managerin Gudrun Tiedemann "beim Albuminprojekt nicht nachvollziehen". Sie leitet die Geschäftsentwicklung Pharma bei Fresenius. Dass Tiere als Arzneimittelproduzenten eingesetzt werden, sei nicht neu, so Tiedemann: Einige aus der Milch von Ziegen gewonnene Medikamente wurden schon in klinischen Versuchen am Menschen getestet. Das sei dank Gentechnik auch ohne Klonen möglich. "Wenn aber das Klonen für unsere Firma die Zeit bis zur Markteinführung des Serum-Albumins verkürzt, sind wir bereit, auch dieses Projekt mitzutragen."
Den entscheidenden Vorsprung in der stürmischen Entwicklung hatten offenbar die Klonierungsspezialisten von ACT Prompt bekamen sie von den Fresenius-Partnern im Oktober den Auftrag, schleunigst Albumin Rinder zu klonen. Wann die ersten weiblichen Kälber geboren werden, die den gewünschten Eiweißstoff grammweise in der Milch produzieren, das will James Robl, Projektberater für ACT, noch nicht verraten.
Beim Klonen und pharming herrscht heftige Konkurrenz. Gleich drei Partei en versuchen derzeit, sich im Kampf um potente Geldgeber gegenseitig mit Patenten auszubooten. Neben ACT und seinem Partner Genzyme Transgenics arbeitet die schottische Firma PPL besonders fieberhaft daran, aus Dolly, Polly und ihren Geschwistern Geld zu machen. Mit im Spiel ist auch die Firma Infigen, eine Tochter des US-Rinderzüchters ABS-Global. Auch sie forscht an der Kombination von Klon- und Gentechnik. Seit Januar 1998 ist die Firma Pharming aus Leiden ihr Partner, in deren Stall 1990 der erste "transgene" Bulle "Herrmann" geboren wurde - sein Erbgut codiert ein menschliches Protein.
Der kritische Punkt für das finanzielle Engagement der Pharmafirmen ist dabei nicht allein die Labortechnik bei der Erzeugung transgener Nutztiere. "Entscheidend ist der Aufwand bei der Gewinnung der Mittel aus der Milch", erklärt Gudrun Tiedemann von Fresenius.
Der könnte beim Serum-Albumin Probleme machen. Denn das Blut von Rindern enthält naturgemäß ein ähnliches Eiweiß, das die zum pharming benutzte Milch dann "verunreinigt". Bei PPL will man deshalb Kühe kreieren, bei denen das rindereigene Albumin per Gentechnik ausgeschaltet und durch ein menschliches Gen ersetzt ist.
Derartige Designertiere, bei denen der genetische Bauplan nach menschlichem Vorbild "verbessert" wurde, dürften "die nächste Etappe" bilden bei der Verschmelzung von Gen- und Klontechnik, so Max-Planck-Forscher Davor Solter. Sollte zum Beispiel das Klonen von Schweinen gelingen, so könnten diese einfacher als bisher zu "humanisierten" Organspendern des Menschen getrimmt werden: Ihr Gewebe würde dann vom Immunsystem des menschlichen Empfängers nicht mehr akut ab gestoßen.
Als Nächstes wären dann federlose Hühner denkbar oder Schafe, die nach einer Hormonspritze ihr Fell abwerfen, sich so "selbst scheren". Oder Rinder mit grandios verstärker Muskelmasse.
Allein die Tierschutzgesetze können hier noch Grenzen setzen. Wie etwa Anfang der 90er Jahre, als Bilder von Schweinen mit schwer verkrüppelten Gelenken und verformten Köpfen die Runde machten: Ihnen war das Gen für das menschliche Wachstumshormon eingepflanzt worden. Auf Intervention der Tierschützer wurden die Versuche gestoppt. Beim pharming aus der Milch sei dagegen "sichergestellt", so Gudrun Tiedemann, "dass beim Tierschutz kein Unrecht" geschehe.