Spektrum der Wissenschaft, Stanley B. Prusiner, März 1995, Seite 44

Prionen-Erkrankungen

Der Verdacht wurde zunächst als schier unsinnig verworfen. Inzwischen mehren sich aber die Hinweise, daß Partikel nur aus Protein bei Tieren und auch beim Menschen infektiöse, erblich bedingte und spontan entstehende Leiden verursachen. Der Rinderwahnsinn ist eines davon.

Vor nunmehr fünfzehn Jahren unterbreitete ich die Hypothese, die Erreger bestimmter degenerativer Erkrankungen des zentralen Nervensystems bei Tieren und seltener auch bei Menschen bestünden womöglich aus nichts anderem als Protein. Diese infektiösen Proteinpartikel nannte ich dann Prionen.
Ketzerisch, wie die These war, wurde sie in der Fachwelt mit großer Skepsis aufgenommen. Kein Erreger konnte sich der Lehrmeinung zufolge ohne genetisches Material, also ohne die Nucleinsäuren DNA oder RNA, im befallenen Organismus überhaupt vervielfältigen und schließlich einen Infekt hervorrufen. Selbst Viren enthalten Erbmaterial; sie brauchen es, um die zu ihrem Überleben und ihrer Vermehrung notwendigen Proteine von der befallenen Wirtszelle herstellen zu lassen. Die pflanzenpathogenen Viroide, unter den bis dahin bekannten Krankheitserregern die einfachsten, bestehen sogar nur aus nackter Nucleinsäure (Spektrum der Wissenschaft, März 1981, Seite 52).
Nicht weniger Zweifel erweckten meine Kollegen und ich mit dem später geäußerten Verdacht, Prionen könnten außer übertragbaren auch bestimmten erblich bedingten Krankheiten zugrunde liegen. Eine solche zweigleisige Wirkweise eines Agens kannte die Medizin sonst nicht. Ein drittes Mal eckten wir schließlich mit dem von uns gefolger-ten, schlicht phantastisch anmutenden Fortpflanzungsmechanismus an, Prionen brächten normale Proteinmoleküle dazu, ihre Gestalt - ihre Konformation - so zu verändern, daß sie gefährlich werden.
Mittlerweile spricht jedoch eine Fülle von Versuchsergebnissen und klinischen Befunden für die Richtigkeit aller drei Punkte. Prionen liegen tatsächlich infektiös wie auch erblich bedingten Störungen der Proteingestalt zugrunde; sie können zudem Leiden hervorrufen, die offenbar spontan entstehen, für die also weder Vererbung noch Infektion als Ursache nachweisbar ist.
Die bisher bekannten Prionen-Erkrankungen sind alle tödlich. Sie betreffen das Gehirn und können über Jahre, beim Menschen auch über Jahrzehnte, zunächst symptomlos bleiben. Manchmal werden sie als spongiforme (schwammartige) Enzephalopathien bezeichnet, da das Hirngewebe am Ende oft von zahlreichen Löchern durchsetzt ist (Bild 3). Heimgesucht werden verschiedene Spezies einschließlich des Menschen.
Es gibt inzwischen auch Anzeichen dafür, daß Prionen mit anderer Proteinzusammensetzung als die bisherigen zu gewissen neurodegenerativen Leiden des Menschen beitragen, die recht häufig sind. Und sie könnten selbst bei Erkrankungen mitspielen, die den Muskelapparat schädigen.

Tier und Mensch
Die häufigste unter den tierischen spongiformen Enzephalopathien ist die Scrapie von Schafen und Ziegen. Betroffene Tiere können ihre Bewegungen nicht mehr koordinieren und schließlich nicht einmal mehr stehen (weil ihr Gang schwankend trabend wird, spricht man auch von Traberkrankheit). Sie werden außerdem schreckhaft und leiden manchmal an einem so intensiven Juckreiz, daß sie sich ihr Fell abkratzen und abscheuern (englisch scrape). Die anderen bekannten Prionen-Erkrankungen von Tieren sind die übertragbare Enzephalopathie von Zuchtnerzen, die chronische Verfallskrankheit von Elchen und Großohrhirschen in Menschenobhut, die feline spongiforme Enzephalopathie der Katzen und schließlich - als derzeit beunruhigendste - die bovine spongiforme Enzephalopathie der Rinder, geläufiger unter der Bezeichnung Rinderwahnsinn oder unter der Abkürzung BSE (Bild 1). Diese neue Seuche brach erstmals in Großbritannien aus; als eigenes Krankheitsbild erkannt haben sie 1986 Gerald A. H. Wells und John W. Wilesmith vom Zentralen Veterinärmedizinischen Labor im englischen Weybridge. Die befalle-nen Tiere verlieren die Kontrolle über ihre Bewegungen, bekommen einen stieren Blick und werden außergewöhnlich schreckhaft.
Der Ansteckungsquelle kam man bald auf die Spur: Fleisch- und Knochenmehl aus Schafskadavern, das dem Kraftfut-ter der Rinder beigemengt worden war. Die Aufbereitung war Ende der siebziger Jahre vereinfacht worden, und offensichtlich wurden danach Scrapie-Erreger nicht mehr wie zuvor inaktiviert. Die britische Regierung verbot aufgrund dieser Erkenntnisse 1988 solche Futterzusätze aus tierischer Quelle. Inzwischen hat die Seuche wahrscheinlich ihren Höhepunkt überschritten. Das wird allerdings kaum die Leute beruhigen, die von BSE-Fleisch gegessen haben und jetzt in Sorge leben, sie könnten angesteckt sein.
Die Prionen-Erkrankungen des Menschen sind eigentümlicher (Bild 2). Eine ist nur beim Stamm der Fore im Hochland von Papua-Neuguinea aufgetreten: Kuru oder lachender Tod, wie die Eingeborenen sie nennen, geht mit dem Verlust der Bewegungskoordination (Ataxie), später auch der geistigen Fähigkeiten (Demenz) einher. Erstmals beschrieben haben das tödliche Leiden 1957 Vincent Zigas vom Öffentlichen Gesundheitsdienst Australiens und D. Carleton Gajdusek von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA in Bethesda (Maryland). Zugezogen hatten es sich die Betroffenen wahrscheinlich durch eine bestimmte Form von rituellem Kannibalismus: Die Fore sollen das Gehirn ihrer Verstorbenen als Zeichen der Totenverehrung gegessen haben. Seither ist der Brauch erloschen und mit ihm praktisch auch Kuru.
Die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (gelegentlich auch in umgekehrter Reihenfolge der Namen angegeben) tritt dagegen weltweit und meist vereinzelt auf. Beschrieben haben sie erstmals Anfang der zwanziger Jahre der Kieler Neurologe Hans G. Creutzfeldt (1885 bis 1964) und der Hamburger Neurologe Alfons Jakob (1884 bis 1931). Statistisch gesehen trifft sie jeden millionsten Menschen, typischerweise im Alter von etwa sechzig Jahren, und äußert sich gewöhnlich als Demenz gefolgt von Bewegungsstörungen. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle sind erblich bedingt. Ein weiterer kleiner Anteil entsteht iatrogen, also unbeabsichtigt infolge ärztlicher Eingriffe bei der Diagnose oder Behandlung anderer Erkrankungen: Geschehen ist das augenscheinlich bei Hornhautverpflanzungen am Auge, Implantationen harter Gehirnhaut, Verwendung kontaminierter chirurgischer Instrumente und Hirnelektroden sowie Injektionen von Wachstumshormon, das aus menschlichen Hirnanhangsdrüsen gewonnen wurde, bevor man es gentechnisch herstellen konnte.
Zudem kennt man das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom, wiederum mit Ataxie und anderen Anzeichen von Kleinhirnschädigungen, sowie die letale familiäre Insomnie, für die schwere Schlafstörungen und sich anschließende Demenz kennzeichnend sind. Beide sind gewöhnlich ererbt und machen sich im typischen Fall im mittleren Alter bemerkbar. Das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom (kurz: GSS) wurde erstmals 1936 von dem in Wien und New York tätigen Nervenarzt Joseph G. Gerstmann zusammen mit seinen Mitarbeitern Ernst Sträussler und I. Scheinker als "eine eigenartige hereditär-familiäre Erkrankung des Zentralnervensystems" beschrieben. Die tödliche familiäre Insomnie haben erst kürzlich Elio Lugaresi und Rosella Medori von der Universität Bologna sowie Pierluigi Gambetti von der Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio) entdeckt.

Ursachensuche
Mein Interesse an den Erkrankungen erwachte 1972 während meiner Zeit als Arzt an der Medizinischen Hochschule der Universität von Kalifornien in San Franzisko, als einer meiner Patienten in der neurologischen Abteilung an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit starb. Aus der wissenschaftlichen Literatur erfuhr ich, daß diese und verwandte Krankheiten wie Scrapie und Kuru übertragbar sind: Wenn man einen Extrakt aus einem erkrankten Gehirn geeigneten gesunden Tieren spritzt, erkranken sie. Als Erreger wurden langsam wirkende Viren vermutet, aber niemand hatte sie bis dahin isolieren können.
Bei meiner Literaturrecherche stieß ich auch auf einen Bericht von Tikvah Alper und ihren Kollegen vom Hammersmith-Hospital in London: Sie hatten Scrapie-Hirnextrakte mit UV-Licht sowie mit kurzwelliger ionisierender Strahlung behandelt, was Nucleinsäuren gewöhnlich schädigt oder zerstört, und die Extrakte waren erstaunlicherweise infektiös geblieben. Sollten dem Erreger, wie die Gruppe mutmaßte, vielleicht Nucleinsäuren fehlen? Wenn dem so wäre, könnte er weder ein Virus noch sonst irgendein konventionelles infektiöses Agens sein.
Worum aber handelte es sich dann? Fachleute unterbreiteten damals zwar zahlreiche Vorschläge, selbst scherzhafte wie Linoleum oder Kryptonit (griechisch kryptos, verborgen), hatten aber keine definitive Antwort.
Mit jugendlichem Optimismus nahm ich mir damals vor, daß Geheimnis zu lösen, und baute 1974 ein Labor an der Medizinischen Fakultät in San Franzisko auf. Als erstes mußte das infektiöse Agens aus Scrapie-Gehirnen so gereinigt werden, daß sich seine Zusammensetzung bestimmen ließ. Daß schon viele Forscher sich daran versucht hatten, vermochte mich nicht abzuschrecken.
Erst nach acht Jahren jedoch konnten meine Kollegen und ich gute Fortschritte vermelden. Wir hatten aus dem Gehirn experimentell infizierter Hamster einen Extrakt isoliert, der fast ausschließlich aus infektiösem Material bestand, und ihn dann einer Reihe von Tests zur Abklärung der Zusammensetzung unterworfen (siehe meinen Artikel "Prionen" in Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1984, Seite 48).
Alle Ergebnisse wiesen für uns auf eines hin: daß die Erreger der Scrapie (und vermutlich auch jene der verwandten Erkrankungen) keine Nucleinsäuren - weder DNA noch RNA - enthalten und hauptsächlich, wenn nicht sogar ausschließlich, aus Protein bestehen. Denn mit diversen nucleinsäureschädigenden Verfahren ließ sich die Infektiosität gereinigter Extrakte nicht verringern, wohl aber mit Substanzen, die Proteine abbauen oder deren natürliche Faltung auflösen (der Fachmann nennt das denaturieren); somit mußten Proteine ein essentieller Bestandteil des Agens sein. Um diese neuartige Erregerklasse von den bisher bekannten wie Viren, Bakterien, Pilzen und Protozoen (Einzellern) abzugrenzen, prägte ich den Begriff Prion. Scrapie-Prionen - so fanden wir wenig später heraus - enthalten eine einzige Sorte Protein; wir gaben ihm das Kürzel PrP für Prion-Protein.
Die große Frage war nun, wo sich seine Bauanweisung befand. Auf einem Stück DNA, das sich im PrP bei der Aufreinigung unerkannt verbarg? Oder vielleicht auf einem Gen im Erbgut der befallenen Zellen?
Zusammen mit dem Team von Leroy Hood am California Institute of Technology in Pasadena konnten wir 1984 eine Abfolge von gut einem Dutzend Aminosäuren an einem Ende des isolierten Proteins klären. Dies ermöglichte uns und anderen Forschern, anhand des genetischen Codes molekulare Sonden zu konstruieren, mit denen sich das PrP-Gen, wenn es denn in Säugerzellen vorkam, dort aufspüren ließ. Mit Sonden aus Hoods Labor zeigte Bruno Oesch aus der Gruppe um Charles Weissmann von der Universität Zürich, daß Hamsterzellen es tatsächlich enthalten. Zur etwa gleichen Zeit wies Bruce Cheseboro vom Rocky-Mountain-Laboratorium der amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute in Hamilton (Montana) mit eigenen Sonden das Gen in Mäusezellen nach.
Darauf aufbauend konnte es isoliert und kloniert werden. Es residiert, wie sich zeigte, nicht in Prionen, sondern auf den Chromosomen, und zwar auf denen von Hamstern, Mäusen, Menschen und allen anderen untersuchten Säugern. Mehr noch, das Gen ist auch die meiste Zeit aktiv - der tierische und der menschliche Organismus stellen also PrP her, ohne zu erkranken.
Eine Schlußfolgerung war, daß wir einen schrecklichen Fehler gemacht hatten und PrP gar nicht das Agens von Prionen-Erkrankungen sei. Aber es gab noch eine andere Möglichkeit: PrP könnte in zwei Formen auftreten - einer normalen, harmlosen, und einer veränderten, krankmachenden.
Auf die Idee, wie sich diese beiden möglichen Formen unterscheiden ließen, brachte mich eine Besonderheit von PrP aus infizierten Gehirnen: Es ist relativ widerstandsfähig gegenüber abbauenden Enzymen, während die meisten Proteine einer Zelle recht leicht von solchen Proteasen gespalten werden. Sofern eine normale, harmlose Form von PrP existierte, war sie vielleicht ebenfalls empfindlicher. Mein Mitarbeiter Ronald A. Barry fand dann auch tatsächlich diese angenommene protease-sensitive Form. Damit war klar, daß das Scrapie verursachende PrP eine Abart eines normalen Proteins der Zelle ist. Entsprechend nannten wir nun das eine Scrapie-PrP und das andere zelluläres PrP. Scrapie-PrP ist inzwischen zu einer Sammelbezeichnung für Prionen-Proteine aller scrapie-ähnlichen Krankheiten bei Tieren und Menschen geworden.
Anfangs hatten wir gehofft, sobald das Gen kloniert sei, reines PrP auf gentechnischem Wege herstellen zu können. Würde das reine, garantiert virusfreie Produkt nach Injektion in gesunde Tie- re Scrapie erzeugen, hätten wir endlich den Beweis, daß Proteinmoleküle ohne die Hilfe begleitender Nucleinsäuren als Krankheitsüberträger fungieren können. Um 1986 mußten wir jedoch einsehen, daß dieser Plan nicht aufging. Zum einen machte es ausgesprochene Schwierigkeiten, ausreichende Mengen von PrP auf diese Weise herzustellen, zum anderen war das erzeugte Produkt eben das nicht-pathogene, zelluläre PrP. Auf einem anderen Wege kamen wir schließlich dennoch weiter.

Vererbung von Prionen-Krankheiten
Viele Fälle scrapie-ähnlicher Erkrankungen des Menschen schienen nicht auf Ansteckung zurückzugehen, und manchmal ließ sich eine Veranlagung dafür vermuten. (Wie man inzwischen weiß, treten etwa zehn Prozent aller Fälle solcher Leiden familiär gehäuft auf, wobei dann etwa die Hälfte aller Familienmitglieder erkrankt.) Sollten Prionen außer für übertragbare auch für erbliche Formen verantwortlich sein? Dann wären sie noch ungewöhnlicher, als wir ursprünglich gedacht hatten.
Im Jahre 1988 fanden meine Mitarbeiterin Karen Hsiao und ich einen der ersten Belege, daß menschliche Prionen-Erkrankungen vererbt werden können. Wir hatten das PrP-Gen eines Mannes gewonnen, in dessen Familie das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom gehäuft auftrat und der selbst infolge dieses Leidens im Sterben lag. Beim Vergleich mit dem entsprechenden Gen nicht verwandter gesunder Menschen entdeckten wir eine winzige Abweichung, eine sogenannte Punktmutation: Ein einziges Basenpaar von mehr als 750 war gegen ein anderes ausgetauscht.
Die Basen sind gewissermaßen die Buchstaben des genetischen Alphabets. Ihre Abfolge innerhalb des DNA-Moleküls legt in verschlüsselter Form die Abfolge der Aminosäuren für das zu produzierende Protein fest, wobei je drei Basen ein Codewort - ein Codon - für eine bestimmte Aminosäure bilden. In der doppelsträngigen DNA steht einer Base eine jeweils passende komplementäre gegenüber, so daß bei einer etablierten Punktmutation auch die Partnerbase passend ausgetauscht ist. Bei unserem sterbenden Patienten hatte die Mutation die Information von Codon 102 verändert: Statt der Aminosäure Leucin wurde an dieser Stelle im PrP nun Prolin eingebaut.
Unterstützt von den Teams um Tim J. Crow vom Northwick-Park-Hospital in London und Jurg Ott von der Columbia-Universität in New York entdeckten wir dieselbe Mutation dann auch im Erbgut einer großen Zahl weiterer Patien- ten mit Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom. Sie kommt mit einer Häufigkeit in den betroffenen Familien vor, die statistisch kein Zufall mehr sein kann. Diese Kopplung spricht stark dafür, daß der genetische Defekt die Ursache der Erkrankung ist.
Im Laufe der letzten sechs Jahre sind insgesamt achtzehn verschiedene Mutationen in Familien mit gehäuft auftretenden Prionen-Erkrankungen gefunden worden. Für fünf dieser Defekte hat man inzwischen genügend Erkrankungsfälle zusammen, um eine genetische Verbindung belegen zu können.
Die Entdeckung der Mutationen lieferte uns einen Weg auszuschließen, daß eine die Prionen eventuell begleitende Nucleinsäure die Vervielfältigung des Scrapie-Proteins steuert: Wir konnten jetzt ein mutiertes PrP-Gen in Mäuse-Embryonen einschleusen. Wenn die sich entwickelnden Tiere in der Folge an Scrapie erkrankten und ihr Hirngewebe bei Empfängertieren ebenfalls Scrapie erzeugen würde, wäre das ein handfestes Indiz dafür, daß das von dem mutierten Gen codierte Protein allein für die Übertragbarkeit des Leidens verantwortlich ist. Und wirklich läßt sich Scrapie auf diese Weise erzeugen und übertragen, wie Untersuchungen zusammen mit Stephen J. DeArmond zeigten, der an unserer Hochschule ein anderes Labor leitet. Spender des Gehirngewebes waren transgene Tiere, die das mutierte PrP-Gen stark ausprägten und erkrankten. Die Empfänger waren ebenfalls transgene Tiere; sie prägten aber das Gen nur schwach aus und erkrankten nicht, solange ihnen kein Hirngewebe übertragen wurde (siehe Kasten auf Seite 50).
Ähnliche Ergebnisse erzielten Gajdusek, Colin L. Masters und Clarence J. Gibbs jr. von den amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituten schon 1981, als es ihnen gelang, das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom von Menschen, die es offensichtlich geerbt hatten, auf Tieraffen zu übertragen (hier wurde freilich nicht mit transgenen Tieren gearbeitet). Und Jun Tateishi und Tetsuyuki Kitamoto von der Kyushu-Universität in Fukuoka (Japan) konnten die erblich bedingte Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf Mäuse übertragen.
Insgesamt sprechen diese Untersuchungen zur Übertragbarkeit von Prionen-Erkrankungen überzeugend dafür, daß Prionen ausschließlich aus einem abgewandelten Säugerprotein bestehen und damit eine völlig neue Klasse infektiöser Agentien darstellen - dies um so mehr, als die Suche nach einer scrapie-spezifischen prionen-assoziierten Nucleinsäure, die insbesondere Detlev Riesner an der Universität Düsseldorf mit großer Sorgfalt betrieben hat, bislang ergebnislos verlaufen ist.
Wissenschaftler, die weiterhin die Virus-Theorie vertreten, werden freilich sagen, wir hätten unsere Hypothese noch immer nicht bewiesen. Angenommen, das Proteinprodukt des mutierten PrP-Gens würde einem unbekannten, aber allgegenwärtigen Virus die Infektion erleichtern. Tiere, die diese Mutation tragen und erkranken, hätten dann in Wirklichkeit einen viralen Infekt des Gehirns; und deshalb würde mit ihren Hirnextrakten die Erkrankung übertragen werden. Solange aber Belege für die Anwesenheit eines Virus fehlen, scheint diese Hypothese kaum haltbar. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat man einen Hinweis; siehe den folgenden Beitrag.)

Ein Protein mit zweierlei Gestalt
Wie aber kann sich das Scrapie-PrP ohne die Hilfe von Nucleinsäuren in Zellen vermehren? Viele Einzelheiten dazu sind zwar noch zu ergründen, doch eines scheint ziemlich klar zu sein: Der wesentliche Unterschied zwischen der normalen und der Scrapie-Form liegt in ihrer Konformation, also in der Art ihrer räumlichen Faltung. Und offensichtlich kann das Scrapie-PrP irgendwie, wenn es mit normalen Molekülen Kontakt bekommt, diese veranlassen, aus ihrer gewöhnlichen in die Scrapie-Konformation überzugehen. Die umgefalteten Moleküle bringen dann ihrerseits andere, noch normale dazu, die Gestalt zu ändern, und somit würde sich die Scrapie-Konformation lawinenartig vermehren (Bild 5). Diese Ereignisse laufen augenscheinlich an einer Membran im Zellinneren ab.
Auf die Idee, der Unterschied müsse in der Konformation liegen, waren wir gekommen, als andere Möglichkeiten immer unwahrscheinlicher schienen. Immerhin war seit längerem bekannt, daß die infektiöse Form und normales PrP oft dieselbe Aminosäuresequenz haben (eine Mutation also nicht unbedingt erforderlich ist). Allerdings können identische Proteinmoleküle nach der Synthese chemisch in einer Weise abgewandelt werden, daß sich ihre Aktivität ändert. Trotz eingehender Suche vermochten aber Neil Stahl und Michael A. Baldwin in meinem Labor keine Abweichungen zu finden.
Keh-Ming Pan, ebenfalls aus meiner Gruppe, entdeckte schließlich, worin der Unterschied liegt: In einem normalen PrP-Molekül ist die Aminosäurekette großenteils zu Alpha-Helices schraubig aufgewunden, während sie in der Scrapie-Form zu Beta-Strängen gestreckte Bereiche enthält. Mehrere solcher Stränge bilden, wenn sie sich antiparallel aneinanderlagern, eine sogenannte Beta-Faltblattstruktur (Bild 4 unten).
Die räumliche Struktur des normalen PrP versuchte mein Kollege Fred E. Cohen, Leiter eines anderen Labors, anhand der Aminosäuresequenz am Computer zu modellieren. Nach seinen Berechnungen faltet sich das Protein wahrscheinlich zu einem kompakten Gebilde mit vier Alpha-Helices im Kern (Bild 4 oben). Welche Struktur oder Strukturen das Scrapie-PrP annimmt ist erst wenig bekannt.
Zwei die Behauptung stützende Indizien, das Scrapie-PrP könne ein alpha-helikales PrP-Molekül veranlassen, in eine Beta-Faltblatt-Form regelrecht umzuschnappen, bieten vor allem Ergebnisse meiner Gruppe. So vermochte María Gasset mit synthetischen Peptiden (also relativ kurzen Aminosäureketten), die dreien der vier mutmaßlichen Alpha-Helix-Regionen entsprechen, Beta-Faltblätter zu erzeugen; und Jack Nguyen wies nach, daß Faltblätter aus solchen Peptiden ihre Struktur auch alpha-helikalen PrP-Peptiden aufzwingen können. Vor kurzem berichteten Byron W. Caughey vom Rocky-Mountain-Laboratorium und Peter T. Lansbury vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, daß zelluläres PrP im Reagenzglas nach Vermischen mit Scrapie-PrP in die entsprechende Konformation übergehen kann.
Welchen Einfluß haben nun die im PrP-Gen entdeckten Mutationen auf diesen Übergang? Ein mutiertes Protein wird wohl kaum, sobald es entstanden ist, die Scrapie-Konformation annehmen, sonst würden die Träger der Mutationen schon in früher Kindheit erkranken. Wir vermuten, daß solche Proteine zwar leichter von der alpha-helikalen Form in die Beta-Faltblattstruktur umspringen als normale, daß aber einige Zeit vergeht, bis das von selbst bei einem der Moleküle geschieht; und noch länger wird es dauern, bis sich genügend Scrapie-PrP angereichert und das Gehirn so weit geschädigt hat, daß Symptome auftreten.
Cohen und ich glauben auch erklären zu können, warum die verschiedenen bekannten Mutationen beim Menschen das geforderte Umklappen erleichtern mögen: Viele davon betreffen eine der vier mutmaßlich alpha-helikalen Regionen oder deren Grenzen, wobei eine Aminosäure gegen eine andere ausgetauscht ist. Eine "falsche" Aminosäure könnte eine Alpha-Helix destabilisieren und auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß sie und ihre Nachbarn in eine Beta-Faltblattstruktur übergehen. Umgekehrt liegen die evolutiv bedingten Veränderungen, in denen sich das normale menschliche PrP von dem der Menschen- und Tieraffen unterscheidet, alle außerhalb der helikalen Bereiche, wie mein Mitarbeiter Herrmann Schätzel feststellte. Dort können sie deren Stabilität vermutlich nicht wesentlich beeinträchtigen.
Niemand weiß bisher genau, wie die Vermehrung von Scrapie-PrP Zellen schädigt. In kultivierten Nervenzellen reichert es sich, nachdem die Umwandlung der normalen zellulären Form in Gang gekommen ist, in Lysosomen an. Aufgabe dieser enzymgefüllten Bläschen ist der Abbau von Material. Übervolle Lysosomen könnten, was nicht undenkbar ist, ihre Nervenzellen schädigen. Deren Absterben hinterließe im Zellverband des Gehirns ein Loch, und die freigewordenen Prionen hätten Gelegenheit, von anderen Zellen aufgenommen zu werden.
Mit Sicherheit wissen wir immerhin, daß sich kleinere, partiell abgebaute PrP-Fragmente der Scrapie-Form im Gehirn mancher Patienten zu sogenannten Plaques anhäufen. Diese Aggregate ähneln im Aussehen denen bei der Alzheimer-Krankheit, bestehen aber aus einem anderen Protein (Spektrum der Wissenschaft, November 1992, Seite 124). Die PrP-Plaques sind zwar ein nützliches Anzeichen für eine Prionen-Infektion, aber anscheinend nicht die Hauptursache für die Beeinträchtigungen; bei vielen Menschen und Tieren mit Prionen-Erkrankungen findet man überhaupt keine Aggregate dieser Art.

Vorstellbare Therapien
Trotz der begrenzten Erkenntnisse sehen wir Möglichkeiten zur Entwicklung von Therapien. Wenn zum Beispiel das Strukturmodell eines zentralen Bündels aus vier Alpha-Helices stimmt, ließe sich eventuell eine Substanz konstruieren, die eine postulierte Nische zwischen allen vier Helices besetzt; ihre Bindung würde die schraubigen Abschnitte stabilisieren und eine Umwandlung zum Beta-Faltblatt verhindern.
Man könnte auch daran denken, die Herstellung von zellulärem PrP zu unterbinden. Denn möglicherweise braucht der Organismus das Protein gar nicht unbedingt: Mäuse, denen Weissmann und seine Kollegen das normale PrP-Gen gezielt ausgeschaltet hatten, zeigen keinerlei erkennbare Abnormitäten. (Aus eventuell auftretenden Störungen und Mißbildungen läßt sich nicht selten die Funktion des ausgeschalteten Gens und seines Proteins erschließen; das war auch die ursprüngliche Erwartung an das Experiment.) Sollte sich PrP wirklich als entbehrlich erweisen, könnte man später einmal erwägen, mittels neuartiger Verfahren seine Produktion im Gehirn von Patienten mit Prionen-Erkrankungen gezielt zu unterbinden, und zwar auf genetischer Ebene - mit Antisense-DNA und mit Anti-Genen (Spektrum der Wissenschaft, Februar 1995, Seite 28). Damit wäre der Scrapie-Form das Material entzogen, aus dem sie ihresgleichen erzeugt.
Die Mäuse ohne PrP-Gen boten übrigens eine willkommene Gelegenheit, die Prionen-Hypothese zu überprüfen. Da ihr Gehirn keine eigenen PrP-Moleküle enthält, dürften eingebrachte Scrapie-Prionen keine Erkrankung auslösen: Sie würden ja keine zellulären PrP-Moleküle zur Umwandlung und damit zur Vermehrung ihrer Konformation vorfinden. Wie ich erwartet hatte, entwickelten die Tiere keine Scrapie, und es ließen sich keine Anzeichen für eine Vermehrung von Prionen erkennen.

Stämme und Artenschranke
Für eine weitere, seit langem offene Frage - wie ein- und dasselbe Protein als Prion ganz unterschiedliche Effekte haben kann - zeichnet sich ebenfalls eine Antwort ab. Bereits vor Jahren gewann Iain H. Pattison vom britischen landwirtschaftlichen Forschungsrat in Compton (England) aus zwei Gruppen von Ziegen zwei verschiedene Isolate des Scrapie-Erregers; das eine machte damit beimpfte Artgenossen schläfrig, das andere dagegen sie hyperaktiv. Ferner ist inzwischen ersichtlich, daß einige rasch, andere erst nach längerer Inkubationszeit ein Krankheitsbild hervorrufen.
Alan G. Dickinson, Hugh Fraser und Moira E. Bruce vom Institut für Tiergesundheit in Edinburgh haben die unterschiedlichen Auswirkungen diverser Isolate bei Mäusen untersucht und schließen daraus auf das Vorkommen mehrerer Erregerstämme. Da man solche Varianten nur bei Krankheitserregern mit Nucleinsäuren kenne, widerlege - so argumentieren sie und andere Wissenschaftler - die Existenz unterschiedlicher "Stämme" von Prionen die Prion-Hypothese. Somit müßten Viren für Scrapie und damit verwandte Krankheiten verantwortlich sein. Nun ist aber, wie gesagt, die Suche nach viralen Nucleinsäuren bislang ergebnislos verlaufen. Darum muß nach meiner Sicht die Erklärung für die Unterschiede anderswo liegen.
Wenn beispielsweise Prionen mehre-re Konformationen annehmen würden, könnten sie in der einen Gestalt normales PrP unter Umständen äußerst wirksam in die Scrapie-Form überführen - und die Inkubationszeit bis zum Ausbruch der Krankheit wäre kurz; in der anderen gelänge ihnen das vielleicht weniger effizient. Ähnlich könnten verschiedene Konformationstypen bevorzugt jeweils andere Hirnbereiche befallen, wodurch sich die unterschiedlichen Symptome erklären ließen. Da wir schon zwei Formen - eben die normale und die Scrapie-Form - kennen, in die sich PrP falten kann, wären weitere keine Überraschung.
Seit Mitte der achtziger Jahre versuchen wir des weiteren herauszubekommen, warum ein Prion aus der einen Tierart nur unter Schwierigkeiten bei anderen Arten eine Krankheit auszulösen vermag. (Auch konventionelle Krankheitserreger sind in der Regel nur für ihre etablierten Wirte pathogen - als wäre ihnen eine unsichtbare Schranke gesetzt.) Der Grund dafür ist angesichts der Rinderwahnsinn-Epidemie in Großbritannien von erheblichem Interesse. Somit beschäftigt uns und andere Wissenschaft-ler die Frage, ob die bestehende Artenschranke stark genug ist, eine Übertragung dieser Prionen-Krankheit auf Menschen zu verhindern.
Bereits in den sechziger Jahren muß-te Pattison feststellen, daß sich Scrapie beispielsweise experimentell nur schwer von Schafen auf Labor-Nagerstämme übertragen läßt. Mit modernen Methoden wollten mein Kollege Michael R. Scott und ich die Ursache dafür ergründen. Wir erzeugten transgene Mäuse, die das PrP-Gen des Syrischen Goldhamsters ausprägten (beide Spezies unterscheiden sich darin in 16 von 254 Codons). Bei normalen Mäusen läßt sich mit dem Hamster-Prion nur selten Scrapie auslösen; unsere transgenen Tiere dagegen, die ja in ihren Zellen das normale Hamster-PrP herstellten, erkrankten innerhalb von etwa zwei Monaten nach der Beimpfung.
Wir hatten, so unsere Schlußfolgerung, durch das Einbringen des Hamster-Gens die Artenschranke durchbrochen. Diese ist nach diesem Befund und noch anderen in der Aminosäuresequenz des Proteins begründet: Je mehr übertragenes Scrapie-PrP und zelluläres PrP des infizierten Wirts einander gleichen, desto wahrscheinlicher bricht die Krankheit aus. Wenn wir beispielsweise transgene Mäuse, die außer dem fremden normalen Hamster-PrP auch noch ihr eigenes zelluläres PrP herstellen, mit Mäuse-Prionen infizierten, erzeugten sie weitere Mäuse-Prionen; im Falle von Hamster-Prionen waren es jedoch weitere dieser Spezies. Offenbar interagieren Prionen bevorzugt mit homologen, also gleichartigen zellulären PrP-Molekülen.
Diese Neigung von Scrapie-PrP erklärt wahrscheinlich auch, wie die Erkrankung mit dem gefütterten Schafsmehl auf englische Rinder überzugehen vermochte. Die PrPs beider Spezies unterscheiden sich nur in sieben Positionen. Bei den PrPs von Rind und Mensch sind es dagegen mehr als 30. Somit scheint hier die Wahrscheinlichkeit einer zwischenartlichen Übertragung eher gering zu sein. Dafür spricht auch, daß W. Brian Matthews von der Universität Oxford (England) bei seinen epidemiologischen Untersuchungen keine Korrelation zwischen dem Auftreten von Scrapie in Schafen und dem der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit in Ländern mit intensiver Schafhaltung gefunden hat.
Andererseits sind inzwischen zwei Bauern mit BSE-Rindern an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben. Ihr Tod muß zwar nichts mit der Seuche zu tun haben, aber Aufmerksamkeit ist immerhin geboten. Wenn zum Beispiel bestimmte Regionen des PrP-Moleküls für das Überwinden der Artenschranke entscheidender sind als andere und das Rinder-PrP vielleicht gerade darin dem menschlichen PrP besonders stark ähnelt, könnte die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung doch höher sein, als ein unkritischer Vergleich der gesamten Aminosäuresequenz zunächst vermuten läßt.
Den Verdacht, daß bestimmte Molekül-Bereiche in dieser Hinsicht womöglich besonders bedeutsam sind, weckte ein unerwartetes Versuchsergebnis. Mein Kollege Glenn C. Telling hatte ein hybrides Mäuse-PrP-Gen, das in der Mitte statt eigener menschliche Sequenzen enthielt, in die Nager eingebracht. Solche transgenen Tiere, die ein Zwitterprotein erzeugen, erkrankten nach Übertragung von Hirngewebe aus Patienten, die am Creutzfeldt-Jakob- oder am Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom gestorben waren, seltsamerweise sehr viel häufiger und schneller als Artgenossen, die ein vollständiges, rein menschliches Gen trugen (dieses weicht vom Mäuse-Gen in 28 Positionen ab). Demnach ist die Ähnlichkeit im Mittelteil des Proteins möglicherweise entscheidender als die der Flanken.
Das Versuchsergebnis stützt auch ältere Hinweise, wonach Moleküle des Wirtes darauf Einfluß haben können, wie sich das Scrapie-PrP nach der Infektion verhält. Gefunden hatten sie Shu-Lian Yang in DeArmonds Labor und Albert Taraboulos in meinem. Wir nehmen nun an, daß ein Mäuse-Protein - vielleicht ein Faltungshelfer, ein Chaperon - eine der beiden mäuse-spezifischen Flanken des hybriden PrP erkennt und ihm nach Anheftung hilft, sich in die Scrapie-Konformation umzufalten. In den Mäusen, die das rein menschliche PrP herstellen, hätte das Chaperon vermutlich mangels entsprechender Bindungsstellen keine Gelegenheit dazu.

Weitere Prionen-Krankheiten?
Ein unerwarteter Aspekt trat bei neueren Studien mit transgenen Mäusen zutage, die ungewöhnlich hohe Mengen an zellulärem PrP produzieren. DeArmond, David Westaway aus unserer Gruppe und George A. Carlson vom McLaughlin-Laboratorium in Great Falls (Montana) registrierten verblüfft bei einigen älteren dieser Tiere eine Krankheit, die mit reduziertem Putzverhalten sowie Steifheit einherging. Eine Überproduktion von PrP zieht, wie wir dann feststellten, gelegentlich einen Abbau von Hirnneuronen nach sich, aber auch überraschend von peripheren Nerven und von Muskeln. Hiermit erweitert sich das Spektrum möglicher Prionen-Leiden und gibt Anlaß, Erkrankungen des Muskelapparates und des peripheren Nervensystems beim Menschen auf eventuelle prionen-bedingte Ursprünge hin zu analysieren.
Die Studien lieferten auch Hinweise, wie die sporadische Creutzfeldt-Jakob-Krankheit entstehen könnte. Ich war lange Zeit der Ansicht, dazu müßte wohl irgendwann im Laufe des Lebens das PrP-Gen in mindestens einer Zelle des Organismus zufällig oder durch schädigende äußere Einflüsse mutieren. Einige seiner Protein-Moleküle würden später in die Scrapie-Form umspringen, die sich allmählich vermehrt, bis schließlich der Schaden die Schwelle zur sichtbaren Krankheit überschreitet. Die Befunde an den überproduzierenden Mäusen legen aber nahe, daß bei dem einem unter jeweils einer Million Menschen, der die sporadische Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bekommt, zu irgendeiner Zeit möglicherweise zelluläres PrP von selbst in die Scrapie-Konformation umgesprungen ist. Vielleicht produziert sein Organismus zuviel PrP - aber das ist bisher nur eine Vermutung.
Mit unseren jüngsten Versuchen haben wir unbeabsichtigt zugleich ein Tiermodell für sporadische Erscheinungsformen menschlicher Prionen-Erkrankungen geschaffen. Mäuse, beimpft mit Gehirnextrakten aus scrapie-infizierten Tieren oder aus Menschen mit Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, stellen seit längerem ein Modell für die übertragbaren Formen dar. Und eines für die vererbbaren Formen geben transgene Mäuse ab, in die mutierte PrP-Gene eingeschleust worden sind. All diese Pendants menschlicher Prionen-Leiden sollten nicht nur unser Verständnis dafür erweitern, wie Prionen das Gehirn degenerieren lassen, sondern auch Gelegenheit bieten, mögliche Therapieverfahren zu testen.
Es gibt weitere, weniger seltene neurodegenerative Erkrankungen des Menschen, bei denen Prionen - allerdings aus einem anderen Protein als PrP - beteiligt sein könnten, darunter die durch Demenz gekennzeichnete Alzheimer-Krankheit, die auch Schüttellähmung genannte Parkinson-Krankheit und die amyotrophische Lateralsklerose (eine Erkrankung des Rückenmarks, bei der motorische Nerven degenerieren). Wie die bekannten Prionen-Erkrankungen treten auch sie meist sporadisch, manchmal aber familiär gehäuft auf. Alle machen sich in der Regel in mittleren bis späten Lebensabschnitten bemerkbar und ähneln sich in ihrer Pathologie: Nervenzellen degenerieren, Proteinablagerungen in Form von Plaques können entstehen, und Glia-Zellen (die Stütz- und Nährzellen für Hirnneuronen) vergrößern sich in Reaktion auf die Schädigung der Nervenzellen. Bei keiner dieser Krankheiten - und das ist besonders auffällig - treten die allgegenwärtigen weißen Abwehrzellen, die Leukocyten, aus dem Blut ins Gehirn über. Wäre ein Virus im Spiel, würde man aber genau das erwarten.
Neueste Befunde an Hefepilzen nähren die Spekulation, es könne auch andere Prionen-Proteine als PrP geben. Reed B. Wickner von den amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituten entdeckte, daß ein Hefeprotein namens Ure2p gelegentlich seine Konformation und damit auch seine Aktivität innerhalb der Zelle ändert.
Insgesamt sprechen die beschriebenen Untersuchungen überzeugend dafür, daß Prionen eine völlig neue Klasse von infektiösen Krankheitserregern darstellen, deren Wirkung auf Abweichungen von der normalen Proteinkonformation beruht. Ob derartige Abweichungen auch für verbreitete neurodegenerative Krankheiten wie der Alzheimerschen verantwortlich sind, ist bisher nicht bekannt, sollte aber als Möglichkeit nicht außer acht gelassen werden.

Literaturhinweise

- Scrapie Disease in Sheep. Von Herbert B. Parry. Herausgegeben von D.R. Oppenheimer. Academic Press, 1993.

- Molecular Biology of Prion Diseases. Von S.B. Prusiner in: Science, Band 252, Seiten 1515 bis 1522, 14. Juni 1991.

- Prion Diseases of Humans and Animals. Herausgegeben von S.B. Prusiner, J. Collinge, J. Powell und B. Anderton. Ellis Horwood, 1992.

- Fatal Familial Insomnia: Inherited Prion Diseases, Sleep, and the Thalamus. Herausgegeben von C. Guilleminault und anderen. Raven Press, 1994.

- Molecular Biology of Prion Diseases. Sonderausgabe der Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Reihe B, Band 343, Heft 1306, 29. März 1994.

- Structural Clues to Prion Replication. Von Fred E. Cohen, Keh-Ming Pan, Ziwei Huang, Michael Baldwin, Robert J. Fletterick und Stanley B. Prusiner in: Science, Band 264, Seiten 530 bis 531, 22. April 1994.


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