Psychologie Heute, 8/98, Dean Hammer, Peter Copeland, S. 20

Persönlichkeit: Die Suche nach dem Kern des Ich


Wer sind wir, und wie frei sind wir? Gibt es einen unveränderlichen Kern der Persönlichkeit? Sind wir Sklaven unseres Charakters? Oder Spielbälle der Umwelt, in die wir hineingeboren wurden? So hitzig diese Fragen einst diskutiert wurden, so spannend fallen die Antworten aus, die sich in der Forschung jetzt abzeichnen.
Erstens: Menschen kommen nicht als unbeschriebene Blätter auf die Welt. Wir unterscheiden uns in unseren Genen und daher auch in unserem Erleben. Wir haben ein angeborenes Temperament, einen genetisch festgelegten Kern unserer Persönlichkeit. Ein und dieselbe Umwelt formt unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise.
Zweitens: Menschen sind keine Spielbälle ihres "Milieus". Wir alle suchen unsere persönliche Umweltnische. Wir gestalten unser Zuhause, unseren Freundeskreis, unsere Arbeit nach Kräften so, daß sie unseren Interessen und Bedürfnissen zupaß kommen.
Drittens: Menschen sind auch nicht willenlose Sklaven ihrer Gene. Als Wesen mit Bewußtsein und Verstand führen wir die Oberaufsicht über unser Temperament. Ein notorischer Wüterich kann trainieren, sich selbst zu beobachten und gegen den aufsteigenden Jähzorn anzugehen. Eine stille Person braucht nicht den Ehrgeiz entwickeln, zur Partylöwin zu werden. Aber sie kann ausprobieren, auf ihre Weise Kontakte zu knüpfen, ohne sich innerlich zu verleugnen. Wir können unsere Persönlichkeit nur in Maßen zurechtbiegen, aber wir können lernen, sie zu leben.
Wie wir auf andere reagieren, wie wir kommunizieren, wie wir denken und Gefühle ausdrücken, all unsere Ängste, Hoffnungen, Reaktionen und Träume gehen auf einen Persönlichkeitskern zurück. Die Persönlichkeit bestimmt nicht nur, wie wir sind, sondern auch, wie wir uns verhalten. Sie beeinflußt, wieviel wir essen, trinken, rauchen und schlafen. Durch die Persönlichkeit wird festgelegt, ob wir aggressiv oder schüchtern sind, aktiv oder passiv, zu wem wir uns hingezogen fühlen und wie wir uns diesen Menschen nähern. Sie hat Einfluß darauf, wie stark unser Leben von Streß geprägt ist, ob wir körperlich gesund sind, zur Schwermütigkeit oder Lebensfreude neigen und ob wir in einem ruhigen Fahrwasser vor uns hindümpeln oder ständig unter Strom stehen.
Die Persönlichkeit ist etwas so Vielschichtiges, daß, obwohl Milliarden von Menschen auf die Welt gekommen sind, nie zwei Menschen haargenau dieselben waren. Ebenso wie der physische Körper von anscheinend unbegrenzter Vielfalt ist, trifft dies auch auf die Persönlichkeit zu. Sie ist es, die jeden Menschen zu etwas Einzigartigem macht.
Die neueste Forschung auf dem Gebiet der Genetik, der Molekularbiologie und der Neurowissenschaft zeigt, daß viele der persönlichkeitsbildenden Eigenschaften von Geburt an vererbt sind. Das heißt, daß viele der Unterschiede zwischen individuellen Persönlichkeiten auf Unterschiede in den Genen zurückgehen. Im Augenblick der Zeugung wurden Sie aus den Genen zweier Menschen geschaffen. Sie sind das Produkt von Generationen der Evolution - das Ergebnis zahlloser Informationen, die über Millionen Jahre hinweg gesammelt, komprimiert und verfeinert wurden. Sie sehen aus wie die Leute in Ihrer Familie, und in mancher Hinsicht empfinden und agieren Sie auch wie sie. Bezogen auf einige Aspekte Ihrer Persönlichkeit, haben Sie so viele Wahlmöglichkeiten wie im Hinblick auf die Form Ihrer Nase oder auf Ihre Schuhgröße, nämlich keine. Psychologen bezeichnen diese biologische, angeborene Dimension der Persönlichkeit als "Temperament".
Aber nur, weil eine Person mit einem bestimmten Temperament auf die Welt kommt, heißt das noch lange nicht, daß dieses Temperament durch ein paar wenige Instruktionen oder einen simplen Bauplan festgelegt ist. Auch heißt Temperament nicht, daß die Menschen zu ihrer von Geburt an bestehenden Persönlichkeit "verdammt" sind. Im Gegenteil, eine der wunderbarsten Eigenschaf ten des Temperaments ist eine von Anfang an bestehende Flexibilität, die es uns gestattet, uns an die Hindernisse und Herausforderungen des Lebens anzupassen. Aufwachsen bedeutet nicht nur zu lernen, wie die Welt ist, sondern auch, wie man mit sich selbst umgehen muß. Psychologen nennen diesen flexibleren Aspekt der Persönlichkeit "Charakter".
Jeder besitzt die Fähigkeit, zu wachsen und sich in jedem Stadium des Lebens zu verändern. Menschen können aus den Erfahrungen von E1tern und von Freunden lernen. Der einzelne hat die Möglichkeit, sich in seine Temperamentsschwächen zu fügen oder gegen sie anzugehen. Er kann seine Temperamentsbegabungen zu seinem Vorteil nutzen oder sie verbergen. Menschen können ihrem Bedürfnis zu rauchen, zu trinken oder zuviel zu essen nachgeben, oder sie können ihm widerstehen. Manchmal werden sie im Laufe ihres Lebens beides tun.

Der Irrglaube, uns verwandeln zu können
Temperament und Charakter bilden zusammen die Persönlichkeit. Temperament und Charakter sind in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns angesiedelt und kommen unterschiedlich zum Ausdruck. Wenn man tief bis zur Persönlichkeit vordringt, jenseits des Wirrwarrs der Mythen, der gelernten Reaktionen und der Stereotype, dann kann jeder sein zugrunde liegendes Temperament entdecken und positive Charakterzüge entwickeln, damit er zu der Art von Person wird, die er sein möchte.
Viele Menschen möchten in Abrede stellen, daß es ein angeborenes Temperament gibt, und ziehen den Mythos vor, daß wir als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen und ausschließlich das Produkt unserer Umwelt sind. Wir möchten gerne daran glauben, daß wir uns in alles verwandeln können, was wir wollen, auch wenn unsere Versuche zum wiederholten Male fehlschlagen. Tatsächlich gibt es Persönlichkeitszüge, die veränderbar sind, aber es gibt andere, bei denen man nur versuchen kann, sie zu steuern oder sie zu modifizieren. Wir können nicht alles sein, was wir sein möchten, aber wir können all das werden, was uns möglich ist.
Zu den Verhaltensweisen, die zu einem Großteil durch Vererbung bestimmt sind, gehören Abhängigkeiten von Alkohol, Tabak und gefährlichen Drogen. Wissenschaftler glauben inzwischen, daß es nicht so wichtig ist, von welchem Stoff man abhängig ist, sondern warum und wie man in die Falle geraten ist. Zu verstehen, daß Abhängigkeit ein körperlicher Zustand ist, ein Zustand, der die Funktionsweise des Gehirns tatsächlich verändert, ist für die Heilung von entscheidender Bedeutung.
Auch Gewalt und Aggression haben ihren Ursprung in den Genen. Manche Menschen werden damit geboren, daß bei ihnen schneller eine Sicherung durchgeht, und sie neigen eher zu Handgreiflichkeiten.
Mein eigenes Labor am National Cancer Institute stand weltweit in den Schlagzeilen, als wir entdeckten, daß Homosexualität teilweise genetisch bedingt ist. Seit der Entdeckung des "Homosexuellen-Gens" ist mein Laboratorium einen Schritt weitergegangen und fand Gene, die die Entwicklung von zwei anderen Persönlichkeitsmerkmalen beeinflussen, nämlich Suche nach Neuartigem und Ängstlichkeit. Zur Suche nach Neuartigem gehört das Bedürfnis, auf neue Erfahrungen oder auf Nervenkitzel auszusein; und unsere Arbeit zeigt, daß diese Eigenschaft überwiegend erblich vorgegeben ist.
Das andere von uns entdeckte Gen dient der Abwendung von Schaden und führt dazu, daß Menschen ängstlich, furchtsam und schüchtern sind. Spannende Untersuchungen zeigen, daß Schüchternheit oder Extravertiertheit von Geburt an vererbt sind und lebenslang erhalten bleiben. In meinem Labor wurde die Entdeckung gemacht, daß die Abwendung von Schaden durch ein "genetisches Fluctin" beeinflußt wird, durch einen natürlichen Mechanismus im Gehirn, der das Angstniveau steuert und die Fähigkeit hat, eine Depression leichter verlaufen zu lassen.
Die entstehende Wissenschaft der Molekularbiologie hat erstaunliche Entdeckungen gemacht, die zweifelsfrei belegen, daß Gene der wichtigste Faktor sind, durch den sich eine Person von einer anderen unterscheidet. Wir kommen größtenteils vorgefertigt aus der Fabrik. Wir akzeptieren, daß wir wie unsere Eltern und wie andere Blutsverwandte aussehen. Es fällt uns jedoch wesentlich schwerer, mit der Vorstellung zurechtzukommen, daß wir auch so wie sie handeln. Jeder Erwachsene hat an sich schon einmal die Beobachtung gemacht, daß er sich in einer bestimmten Situation ebenso verhielt wie sein Vater. Jede Mutter macht eine ähnliche Erfahrung, wenn sie sich im Verhalten ihres Kindes wiederentdeckt. Das ist nicht schlimm; es ist schön. Das heißt ja nicht, daß wir dazu verurteilt sind, so zu werden wie unsere Eltern; es heißt nur, daß wir mit unserer Reise dort beginnen, wo unsere Eltern aufhörten.
Diejenigen, die am meisten geschafft haben - im Hinblick auf Geld, Intelligenz, Fähigkeit, Glück oder Liebe -, sind auch diejenigen, die am meisten aus ihrem genetischen Erbe gemacht haben. Wenn eineiige Zwillinge, die genau dieselben Gene haben, sich a1s unterschiedlich herausstellen, so heißt das, daß Gene keine starren Instruktionen sind. Die Gene sind eher die Musikinstrumente, auf denen wir spielen, als eine Partitur. Die Gene bestimmen nicht genau, welche Musik oder wie gut sie gespielt wird, sondern sie legen die Spannbreite dessen fest, was möglich ist. Stellen Sie sich einmal vor, daß
jede Person als Samen oder Eichel geboren wird; ihr gesamtes Potential ist in diese winzige Form gepreßt. Ob sie ihrem Potential als kräftige Eiche gerecht wird, hängt von vielen Faktoren ab, doch sie kommt als einzigartiges Individuum mit den ihr eigenen unverwechselbaren Eigenschaften auf die Welt.
- Waren Sie ein aktives Kind, das durch die Wand wollte, verschlossene Türen öffnete und Sachen aus den Schubladen holte? Oder waren Sie zufrieden damit, bei Ihrer Mutter auf dem Schoß zu sitzen, Ihre Haare um den Finger zu wickeln und zuzuschauen, was auf der Welt vor sich ging?
- Gehörten Sie zu der Art von Kindern, die durcheinandergerieten, wenn sich etwas veränderte? Weinten Sie und stampften Sie mit den Füßen, wenn ein neuer Babysitter kam, oder waren Sie neugierig und hatten das Bedürfnis, Ihr hübsches neues Kleid zu zeigen? Empfanden Sie eine neuartige Situation als Bedrohung oder als Abenteuer?
- Waren Sie in einer Minute traurig und glücklich in der nächsten? Kam Ihnen ein Tag ohne wirklichen Grund wesentlich schöner vor als andere? Schwankte Ihre Stimmungslage, oder waren Sie im allgemeinen ruhig und ausgeglichen?
Durch diese Fragen werden drei meßbare Aspekte des Temperaments veranschaulicht: Aktivitätsniveau, Reagibilität und Stimmungslage. Wie die Beispiele nahelegen, kommen sie während eines frühen Zeitpunkts im Leben zum Ausdruck. Man lernt sie nicht von den Eltern oder aus Büchern; und man kann sie auch nicht so leicht mit Willenskraft steuern. Ein Baby entscheidet nicht darüber, ob ihm ein Gesicht furchterregend vorkommt; es empfindet es einfach als furchterregend. Ein kleines Kind ist nicht aktiv und wißbegierig, weil es dies sein möchte, es kommt schlicht so auf die Welt. Es geht dabei ebensosehr um Biologie wie um Psychologie. Temperament gibt es bereits auf der Ebene des Instinkts, nämlich als angeborene Fähigkeit, als Antrieb oder Begabung.
Ein Temperament laßt sich nicht so leicht ändern; es tendiert zur Beständigkeit, auch wenn ein Mensch heranreift. Waren Sie ein schüchterner Säugling, sind Sie wahrscheinlich auch ein schüchterner Erwachsener. Waren Sie ein abenteuerlustiges Kind, dann werden Sie wahrscheinlich Spaß daran haben, etwas Neues zu machen. Waren Sie ein trauriges Kind, dann gibt es vermutlich immer noch Tage, an denen Sie gar nicht aus dem Bett herauswollen.
Forschungsergebnisse bei Hunderten von Kindern haben gezeigt, daß eine Temperamentseigenschaft, die man als "Neurotizismus", "emotionale Sensibilität" oder "Schadensvermeidung" bezeichnet, in unserer Entwicklung am frühesten zum Ausdruck kommt und uns am durchgängigsten durch unser Leben begleitet. Louis Schmidt, ein Doktorand im Labor von Nathan Fox an der University of Maryland, gehört zu den Forschern, die sich mit Schadensvermeidung bei kleinen Kindern beschäftigt haben. Als wir ihn nach seinen Forschungen am Institute for Child Study befragten, spielte er uns ein Videoband vor.
Der Film zeigt drei kleine Mädchen, die in ein freundliches Spielzimmer gehen. Zeichenpapier, Stifte und Spielzeug liegen auf dem Teppichboden bereit. Eines der Mädchen, das wir Rhonda nennen wollen, übernimmt die Rolle der Anführerin. "He, Stifte ruft sie und läuft zu dem Stapel mit Sachen auf dem Fußboden, läßt sich fallen und fängt an zu malen. Die beiden anderen Mädchen, die auch etwa vier Jahre alt sind, setzen sich dazu, und alle drei beginnen, schnell miteinander zu sprechen. Einen Moment später öffnet sich die Tür, und es ist ein Mädchen zu sehen, das wir Valerie nennen wollen. Sie muß von ihrer Mutter in das Zimmer geschoben werden und klebt mit dem Rücken an der Wand.

Warum sind manche Babys schüchtern?
Es erscheint eine Frau, die die Mädchen zu einem Spiel anleitet, bei dem eine Geschichte erzählt werden muß. Der kecken Rhonda muß gesagt werden, daß sie sich hinsetzen soll, wenn sie ihren Part gespielt hat. Sie möchte gerne weitererzählen. Die beiden anderen Mädchen spielen höflich weiter und erzählen Geschichten von ihren Geburtstagsfeiern; sie hören auf, wenn ihr Part zu Ende ist. Die schüchterne Valerie läßt sich nicht dazu bringen, ihren Mund auf zumachen. Sie sitzt mit gekreuzten Beinen, einem nach vorne gebeugten Körper da und starrt auf den Boden. Mit ihren Händen hält sie eine weiße Decke fest umklammert, die sie ständig an ihrem Gesicht hin und her reibt. "Na, komm schon, Schatz, sagt die Dame. "Möchtest du uns nicht etwas über deine Geburtstagsfeier erzählen?" Valerie verbirgt den Kopf in ihrem Schoß, sie stößt einen großen, herzerweichenden Schluchzer aus und beginnt dann hemmungslos zu weinen.
Die vier Mädchen im Spielzimmer gehören zu einer großangelegten Studie, die darauf zielt, die ersten Anzeichen für ein Temperament zu erkennen. Es geht dabei darum, zu verstehen, welche Wechselwirkung zwischen diesem angeborenen Temperament und der Erziehung sowie der Umwelt besteht, die schließlich zur Ausbildung einer individuellen Persönlichkeit führt. Diese Mädchen wurden ausgewählt, weil sie die ganze Breite des als "Hemmung" bezeichneten Temperaments zeigen, das die meisten von uns Schüchternheit nennen und das anscheinend die Kindheitsvariante von Schadensvermeidung ist. Die schüchterne Valerie ist offensichtlich äußerst gehemmt, und die kecke Rhonda liegt mit ihren Werten am anderen Ende der Skala. Die beiden andern Mädchen sind "normal", ihr Wert liegt zwischen denen von Rhonda und Valerie.
Das Spannende an diesen Vierjährigen ist, daß sie schon im Alter von vier Monaten genau dieselben Züge hatten wie jetzt. Auf Videobändern von Valerie als Säugling ist dasselbe ängstliche und furchtsame Verhalten zu erkennen. Angeschnallt an einen Kindersitz im Auto, reagiert sie heftig auf eine Reihe von Dingen, die sie stimulieren sollten. Als vom Tonband sinnlose Silben wie "bobo" vorgespielt werden, ist sie anscheinend zunächst verzückt damit beschäftigt. Dann aber macht sie ein verängstigtes, unglückliches Gesicht und weint. Wenn man bunte Spielzeugautos in ihrer Nähe plaziert, wimmert sie. Als schließlich ihre Mutter kommt, wird sie ärgerlich und unruhig, bis sie auf den Arm darf.
Rhonda war dagegen mit vier Monaten so keck wie mit vier Jahren. Auf dem Videoband bringen sie die sinnlosen Töne zum Lachen, die bunten Autos lassen sie gurren. Beim Anblick ihrer Mutter hellt sich ihr Gesicht mit einem strahlenden Lächeln auf. Sie windet sich genausosehr wie Valerie im Kindersitz des Autos, aber es scheint mehr eine Lust als eine Unannehmlichkeit zu sein.
Doch warum sind manche Babys ängstlich und andere neugierig, manche schüchtern und andere extravertiert? Warum reagiert das Gehirn des "schüchternen" Babys negativ auf das Gesicht eines Fremden und des "geselligen" Babys positiv? Der Ursprung dieser Reaktionen ist in der genetisch festgelegten Chemie des Gehirns begründet, insbesondere in jenem Teil des Gehirns, den man als das limbische System bezeichnet und der für das emotionale Empfinden und Verhalten verantwortlich ist. Hier finden sich die Ursprünge von Furcht, Aggression, Lust und Vergnügen.
Hätte jeder Mensch dieselben Gene, durch die dasselbe limbische System aufgebaut wird, und hätte er dieselben Lebenserfahrungen, dann wären alle Persönlichkeiten gleich. Die Erfahrungen sind unterschiedlich, weil wir in einer Welt mit so vielen Möglichkeiten leben. Zwei Menschen, selbst eineiige Zwillinge, die im selben Elternhaus aufwachsen, können nicht exakt dieselben Erfahrungen machen; das ist auch ein Grund für die unbegrenzte Vielfalt derneben dem Temperament - zweiten Dimension der Persönlichkeit: des Charakters.
- Sind Sie bereit, ständig persönliche Opfer zu bringen, um die Welt zu verbessern? Oder sind Sie der Auffassung, jeder sei sich selbst der nächste?
- Nehmen Sie gewöhnlich Menschen so, wie sie sind, auch wenn sie ganz anders sind als Sie selbst? Oder möchten Sie, daß jeder genauso handelt wie Sie?
Hier handelt es sich um Aspekte des Charakters. Die Menschen kommen nicht mit diesen Auffassungen auf die Welt, sie eignen sie sich an; sie übernehmen sie von Eltern, Freunden, Lehrern und religiösen Leitfiguren. Sie erlernen sie, indem sie sich an das Gefühl erinnern, das sich bei ihnen einstellte, wenn sie etwas richtig gemacht hatten und dafür gelobt oder wenn sie für ein falsches Verhalten bestraft worden waren.
Die Erinnerungen, die den Charakter formen, werden über die Großhirnrinde vermittelt. Sie ist nicht nur Sitz der Erinnerungen für Menschen, Orte und Begebenheiten, sondern sie versetzt uns auch in die Lage, zu rechnen, zu vergleichen, zu urteilen und zu planen. Der Charakter ist eindeutig der menschlichste Aspekt der Persönlichkeit. Das liegt daran, daß die Großhirnrinde in der neueren Evolutionsgeschichte eine sprunghafte Entwicklung durchgemacht hat und dramatisch an Größe und Komplexität zulegte. Sie ist der Manager für das restliche Gehirn, sie analysiert die Welt und entscheidet, wie man reagieren soll.
Der Charakter hat die Fähigkeit, das Temperament abzuwandeln. Er ermöglicht es Menschen, aus den nützlichen Teilen des Temperaments einen Vorteil zu ziehen und die Bedeutung der weniger wünschenswerten biologischen Neigungen oder Instinkte zu verringern.
Betrachten wir uns als für unsere eigenen Taten selbst verantwortlich, oder fühlen wir uns äußeren Kräften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert? Sind wir ein integraler Bestandteil der Gesellschaft oder ein "frei schwebender Akteur"? Von all den Dingen, die wir im Leben lernen und erinnern können, ist die Erkenntnis unserer selbst am wichtigsten. Obwohl also die ursprünglichen Reaktionen auf Reize vom größtenteils angeborenen Temperament bestimmt werden, so hängt doch die Art und Weise, wie Menschen diese Reaktionen interpretieren und dann agieren, vom erworbenen Charakter ab.
Unser Verständnis des Wirkens der Gene entwickelt sich rasch. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir angesichts eines programmierten Schicksals resignieren. Hier handelt es sich um ein Hilfsmittel zur Befreiung, ein wissenschaftliches Fenster, durch das wir die Seele erblicken können.
Wenn Sie die genetischen Ursprünge der Persönlichkeit verstehen, wird Ihnen dies helfen, "sich selbst zu finden" und bessere Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das Wissen kann Ihnen in Beziehungen und am Arbeitsplatz von Nutzen sein. Es wird auch Eltern, die davon besessen sind, ihren Kindern die bestmögliche Umwelt zu bieten, etwas von der Belastung nehmen. Kindern Liebe zu schenken und Wissen zu vermitteln ist so wichtig wie ihnen Essen zu geben; doch von einem bestimmten Zeitpunkt an müssen Eltern verstehen lernen, daß Kinder bereits auf ihrem eigenen Weg sind, der womöglich abseits der vorgeplanten Markierungen verläuft. Kinder sind, was sie sind, und Eltern fahren besser damit, ihre Kinder genauer kennenzulernen, als zu versuchen, sie in irgendein Ideal zu zwängen, das aus Luftschlössern entstanden ist.
Vom Augenblick der Empfängnis an sind Menschen einzigartig. Auch ganz zu Beginn sind sie keine ununterscheidbaren Steinklumpen, die durch das Leben zu Individuen geformt werden. Jeder einzelne von uns kommt als Person auf die Welt - den Rest der Zeit in unserem Leben verbringen wir damit, herauszufinden, wer diese Person ist.