Wer sind wir, und wie frei sind wir? Gibt es einen unveränderlichen
Kern der Persönlichkeit? Sind wir Sklaven unseres Charakters? Oder Spielbälle
der Umwelt, in die wir hineingeboren wurden? So hitzig diese Fragen einst diskutiert
wurden, so spannend fallen die Antworten aus, die sich in der Forschung jetzt
abzeichnen.
Erstens: Menschen kommen nicht als unbeschriebene Blätter auf die Welt.
Wir unterscheiden uns in unseren Genen und daher auch in unserem Erleben. Wir
haben ein angeborenes Temperament, einen genetisch festgelegten Kern unserer
Persönlichkeit. Ein und dieselbe Umwelt formt unterschiedliche Menschen
auf unterschiedliche Weise.
Zweitens: Menschen sind keine Spielbälle ihres "Milieus". Wir
alle suchen unsere persönliche Umweltnische. Wir gestalten unser Zuhause,
unseren Freundeskreis, unsere Arbeit nach Kräften so, daß sie unseren
Interessen und Bedürfnissen zupaß kommen.
Drittens: Menschen sind auch nicht willenlose Sklaven ihrer Gene. Als Wesen
mit Bewußtsein und Verstand führen wir die Oberaufsicht über
unser Temperament. Ein notorischer Wüterich kann trainieren, sich selbst
zu beobachten und gegen den aufsteigenden Jähzorn anzugehen. Eine stille
Person braucht nicht den Ehrgeiz entwickeln, zur Partylöwin zu werden.
Aber sie kann ausprobieren, auf ihre Weise Kontakte zu knüpfen, ohne sich
innerlich zu verleugnen. Wir können unsere Persönlichkeit nur in Maßen
zurechtbiegen, aber wir können lernen, sie zu leben.
Wie wir auf andere reagieren, wie wir kommunizieren, wie wir denken und Gefühle
ausdrücken, all unsere Ängste, Hoffnungen, Reaktionen und Träume
gehen auf einen Persönlichkeitskern zurück. Die Persönlichkeit
bestimmt nicht nur, wie wir sind, sondern auch, wie wir uns verhalten. Sie beeinflußt,
wieviel wir essen, trinken, rauchen und schlafen. Durch die Persönlichkeit
wird festgelegt, ob wir aggressiv oder schüchtern sind, aktiv oder passiv,
zu wem wir uns hingezogen fühlen und wie wir uns diesen Menschen nähern.
Sie hat Einfluß darauf, wie stark unser Leben von Streß geprägt
ist, ob wir körperlich gesund sind, zur Schwermütigkeit oder Lebensfreude
neigen und ob wir in einem ruhigen Fahrwasser vor uns hindümpeln oder ständig
unter Strom stehen.
Die Persönlichkeit ist etwas so Vielschichtiges, daß, obwohl Milliarden
von Menschen auf die Welt gekommen sind, nie zwei Menschen haargenau dieselben
waren. Ebenso wie der physische Körper von anscheinend unbegrenzter Vielfalt
ist, trifft dies auch auf die Persönlichkeit zu. Sie ist es, die jeden
Menschen zu etwas Einzigartigem macht.
Die neueste Forschung auf dem Gebiet der Genetik, der Molekularbiologie und
der Neurowissenschaft zeigt, daß viele der persönlichkeitsbildenden
Eigenschaften von Geburt an vererbt sind. Das heißt, daß viele der
Unterschiede zwischen individuellen Persönlichkeiten auf Unterschiede in
den Genen zurückgehen. Im Augenblick der Zeugung wurden Sie aus den Genen
zweier Menschen geschaffen. Sie sind das Produkt von Generationen der Evolution
- das Ergebnis zahlloser Informationen, die über Millionen Jahre hinweg
gesammelt, komprimiert und verfeinert wurden. Sie sehen aus wie die Leute in
Ihrer Familie, und in mancher Hinsicht empfinden und agieren Sie auch wie sie.
Bezogen auf einige Aspekte Ihrer Persönlichkeit, haben Sie so viele Wahlmöglichkeiten
wie im Hinblick auf die Form Ihrer Nase oder auf Ihre Schuhgröße,
nämlich keine. Psychologen bezeichnen diese biologische, angeborene Dimension
der Persönlichkeit als "Temperament".
Aber nur, weil eine Person mit einem bestimmten Temperament auf die Welt kommt,
heißt das noch lange nicht, daß dieses Temperament durch ein paar
wenige Instruktionen oder einen simplen Bauplan festgelegt ist. Auch heißt
Temperament nicht, daß die Menschen zu ihrer von Geburt an bestehenden
Persönlichkeit "verdammt" sind. Im Gegenteil, eine der wunderbarsten
Eigenschaf ten des Temperaments ist eine von Anfang an bestehende Flexibilität,
die es uns gestattet, uns an die Hindernisse und Herausforderungen des Lebens
anzupassen. Aufwachsen bedeutet nicht nur zu lernen, wie die Welt ist, sondern
auch, wie man mit sich selbst umgehen muß. Psychologen nennen diesen flexibleren
Aspekt der Persönlichkeit "Charakter".
Jeder besitzt die Fähigkeit, zu wachsen und sich in jedem Stadium des Lebens
zu verändern. Menschen können aus den Erfahrungen von E1tern und von
Freunden lernen. Der einzelne hat die Möglichkeit, sich in seine Temperamentsschwächen
zu fügen oder gegen sie anzugehen. Er kann seine Temperamentsbegabungen
zu seinem Vorteil nutzen oder sie verbergen. Menschen können ihrem Bedürfnis
zu rauchen, zu trinken oder zuviel zu essen nachgeben, oder sie können
ihm widerstehen. Manchmal werden sie im Laufe ihres Lebens beides tun.
Der Irrglaube, uns verwandeln zu können
Temperament und Charakter bilden zusammen die Persönlichkeit. Temperament
und Charakter sind in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns angesiedelt und
kommen unterschiedlich zum Ausdruck. Wenn man tief bis zur Persönlichkeit
vordringt, jenseits des Wirrwarrs der Mythen, der gelernten Reaktionen und der
Stereotype, dann kann jeder sein zugrunde liegendes Temperament entdecken und
positive Charakterzüge entwickeln, damit er zu der Art von Person wird,
die er sein möchte.
Viele Menschen möchten in Abrede stellen, daß es ein angeborenes
Temperament gibt, und ziehen den Mythos vor, daß wir als unbeschriebene
Blätter zur Welt kommen und ausschließlich das Produkt unserer Umwelt
sind. Wir möchten gerne daran glauben, daß wir uns in alles verwandeln
können, was wir wollen, auch wenn unsere Versuche zum wiederholten Male
fehlschlagen. Tatsächlich gibt es Persönlichkeitszüge, die veränderbar
sind, aber es gibt andere, bei denen man nur versuchen kann, sie zu steuern
oder sie zu modifizieren. Wir können nicht alles sein, was wir sein möchten,
aber wir können all das werden, was uns möglich ist.
Zu den Verhaltensweisen, die zu einem Großteil durch Vererbung bestimmt
sind, gehören Abhängigkeiten von Alkohol, Tabak und gefährlichen
Drogen. Wissenschaftler glauben inzwischen, daß es nicht so wichtig ist,
von welchem Stoff man abhängig ist, sondern warum und wie man in die Falle
geraten ist. Zu verstehen, daß Abhängigkeit ein körperlicher
Zustand ist, ein Zustand, der die Funktionsweise des Gehirns tatsächlich
verändert, ist für die Heilung von entscheidender Bedeutung.
Auch Gewalt und Aggression haben ihren Ursprung in den Genen. Manche Menschen
werden damit geboren, daß bei ihnen schneller eine Sicherung durchgeht,
und sie neigen eher zu Handgreiflichkeiten.
Mein eigenes Labor am National Cancer Institute stand weltweit in den Schlagzeilen,
als wir entdeckten, daß Homosexualität teilweise genetisch bedingt
ist. Seit der Entdeckung des "Homosexuellen-Gens" ist mein Laboratorium
einen Schritt weitergegangen und fand Gene, die die Entwicklung von zwei anderen
Persönlichkeitsmerkmalen beeinflussen, nämlich Suche nach Neuartigem
und Ängstlichkeit. Zur Suche nach Neuartigem gehört das Bedürfnis,
auf neue Erfahrungen oder auf Nervenkitzel auszusein; und unsere Arbeit zeigt,
daß diese Eigenschaft überwiegend erblich vorgegeben ist.
Das andere von uns entdeckte Gen dient der Abwendung von Schaden und führt
dazu, daß Menschen ängstlich, furchtsam und schüchtern sind.
Spannende Untersuchungen zeigen, daß Schüchternheit oder Extravertiertheit
von Geburt an vererbt sind und lebenslang erhalten bleiben. In meinem Labor
wurde die Entdeckung gemacht, daß die Abwendung von Schaden durch ein
"genetisches Fluctin" beeinflußt wird, durch einen natürlichen
Mechanismus im Gehirn, der das Angstniveau steuert und die Fähigkeit hat,
eine Depression leichter verlaufen zu lassen.
Die entstehende Wissenschaft der Molekularbiologie hat erstaunliche Entdeckungen
gemacht, die zweifelsfrei belegen, daß Gene der wichtigste Faktor sind,
durch den sich eine Person von einer anderen unterscheidet. Wir kommen größtenteils
vorgefertigt aus der Fabrik. Wir akzeptieren, daß wir wie unsere Eltern
und wie andere Blutsverwandte aussehen. Es fällt uns jedoch wesentlich
schwerer, mit der Vorstellung zurechtzukommen, daß wir auch so wie sie
handeln. Jeder Erwachsene hat an sich schon einmal die Beobachtung gemacht,
daß er sich in einer bestimmten Situation ebenso verhielt wie sein Vater.
Jede Mutter macht eine ähnliche Erfahrung, wenn sie sich im Verhalten ihres
Kindes wiederentdeckt. Das ist nicht schlimm; es ist schön. Das heißt
ja nicht, daß wir dazu verurteilt sind, so zu werden wie unsere Eltern;
es heißt nur, daß wir mit unserer Reise dort beginnen, wo unsere
Eltern aufhörten.
Diejenigen, die am meisten geschafft haben - im Hinblick auf Geld, Intelligenz,
Fähigkeit, Glück oder Liebe -, sind auch diejenigen, die am meisten
aus ihrem genetischen Erbe gemacht haben. Wenn eineiige Zwillinge, die genau
dieselben Gene haben, sich a1s unterschiedlich herausstellen, so heißt
das, daß Gene keine starren Instruktionen sind. Die Gene sind eher die
Musikinstrumente, auf denen wir spielen, als eine Partitur. Die Gene bestimmen
nicht genau, welche Musik oder wie gut sie gespielt wird, sondern sie legen
die Spannbreite dessen fest, was möglich ist. Stellen Sie sich einmal vor,
daß
jede Person als Samen oder Eichel geboren wird; ihr gesamtes Potential ist in
diese winzige Form gepreßt. Ob sie ihrem Potential als kräftige Eiche
gerecht wird, hängt von vielen Faktoren ab, doch sie kommt als einzigartiges
Individuum mit den ihr eigenen unverwechselbaren Eigenschaften auf die Welt.
- Waren Sie ein aktives Kind, das durch die Wand wollte, verschlossene Türen
öffnete und Sachen aus den Schubladen holte? Oder waren Sie zufrieden damit,
bei Ihrer Mutter auf dem Schoß zu sitzen, Ihre Haare um den Finger zu
wickeln und zuzuschauen, was auf der Welt vor sich ging?
- Gehörten Sie zu der Art von Kindern, die durcheinandergerieten, wenn
sich etwas veränderte? Weinten Sie und stampften Sie mit den Füßen,
wenn ein neuer Babysitter kam, oder waren Sie neugierig und hatten das Bedürfnis,
Ihr hübsches neues Kleid zu zeigen? Empfanden Sie eine neuartige Situation
als Bedrohung oder als Abenteuer?
- Waren Sie in einer Minute traurig und glücklich in der nächsten?
Kam Ihnen ein Tag ohne wirklichen Grund wesentlich schöner vor als andere?
Schwankte Ihre Stimmungslage, oder waren Sie im allgemeinen ruhig und ausgeglichen?
Durch diese Fragen werden drei meßbare Aspekte des Temperaments veranschaulicht:
Aktivitätsniveau, Reagibilität und Stimmungslage. Wie die Beispiele
nahelegen, kommen sie während eines frühen Zeitpunkts im Leben zum
Ausdruck. Man lernt sie nicht von den Eltern oder aus Büchern; und man
kann sie auch nicht so leicht mit Willenskraft steuern. Ein Baby entscheidet
nicht darüber, ob ihm ein Gesicht furchterregend vorkommt; es empfindet
es einfach als furchterregend. Ein kleines Kind ist nicht aktiv und wißbegierig,
weil es dies sein möchte, es kommt schlicht so auf die Welt. Es geht dabei
ebensosehr um Biologie wie um Psychologie. Temperament gibt es bereits auf der
Ebene des Instinkts, nämlich als angeborene Fähigkeit, als Antrieb
oder Begabung.
Ein Temperament laßt sich nicht so leicht ändern; es tendiert zur
Beständigkeit, auch wenn ein Mensch heranreift. Waren Sie ein schüchterner
Säugling, sind Sie wahrscheinlich auch ein schüchterner Erwachsener.
Waren Sie ein abenteuerlustiges Kind, dann werden Sie wahrscheinlich Spaß
daran haben, etwas Neues zu machen. Waren Sie ein trauriges Kind, dann gibt
es vermutlich immer noch Tage, an denen Sie gar nicht aus dem Bett herauswollen.
Forschungsergebnisse bei Hunderten von Kindern haben gezeigt, daß eine
Temperamentseigenschaft, die man als "Neurotizismus", "emotionale
Sensibilität" oder "Schadensvermeidung" bezeichnet, in unserer
Entwicklung am frühesten zum Ausdruck kommt und uns am durchgängigsten
durch unser Leben begleitet. Louis Schmidt, ein Doktorand im Labor von Nathan
Fox an der University of Maryland, gehört zu den Forschern, die sich mit
Schadensvermeidung bei kleinen Kindern beschäftigt haben. Als wir ihn nach
seinen Forschungen am Institute for Child Study befragten, spielte er uns ein
Videoband vor.
Der Film zeigt drei kleine Mädchen, die in ein freundliches Spielzimmer
gehen. Zeichenpapier, Stifte und Spielzeug liegen auf dem Teppichboden bereit.
Eines der Mädchen, das wir Rhonda nennen wollen, übernimmt die Rolle
der Anführerin. "He, Stifte ruft sie und läuft zu dem Stapel
mit Sachen auf dem Fußboden, läßt sich fallen und fängt
an zu malen. Die beiden anderen Mädchen, die auch etwa vier Jahre alt sind,
setzen sich dazu, und alle drei beginnen, schnell miteinander zu sprechen. Einen
Moment später öffnet sich die Tür, und es ist ein Mädchen
zu sehen, das wir Valerie nennen wollen. Sie muß von ihrer Mutter in das
Zimmer geschoben werden und klebt mit dem Rücken an der Wand.
Warum sind manche Babys schüchtern?
Es erscheint eine Frau, die die Mädchen zu einem Spiel anleitet, bei dem
eine Geschichte erzählt werden muß. Der kecken Rhonda muß gesagt
werden, daß sie sich hinsetzen soll, wenn sie ihren Part gespielt hat.
Sie möchte gerne weitererzählen. Die beiden anderen Mädchen spielen
höflich weiter und erzählen Geschichten von ihren Geburtstagsfeiern;
sie hören auf, wenn ihr Part zu Ende ist. Die schüchterne Valerie
läßt sich nicht dazu bringen, ihren Mund auf zumachen. Sie sitzt
mit gekreuzten Beinen, einem nach vorne gebeugten Körper da und starrt
auf den Boden. Mit ihren Händen hält sie eine weiße Decke fest
umklammert, die sie ständig an ihrem Gesicht hin und her reibt. "Na,
komm schon, Schatz, sagt die Dame. "Möchtest du uns nicht etwas über
deine Geburtstagsfeier erzählen?" Valerie verbirgt den Kopf in ihrem
Schoß, sie stößt einen großen, herzerweichenden Schluchzer
aus und beginnt dann hemmungslos zu weinen.
Die vier Mädchen im Spielzimmer gehören zu einer großangelegten
Studie, die darauf zielt, die ersten Anzeichen für ein Temperament zu erkennen.
Es geht dabei darum, zu verstehen, welche Wechselwirkung zwischen diesem angeborenen
Temperament und der Erziehung sowie der Umwelt besteht, die schließlich
zur Ausbildung einer individuellen Persönlichkeit führt. Diese Mädchen
wurden ausgewählt, weil sie die ganze Breite des als "Hemmung"
bezeichneten Temperaments zeigen, das die meisten von uns Schüchternheit
nennen und das anscheinend die Kindheitsvariante von Schadensvermeidung ist.
Die schüchterne Valerie ist offensichtlich äußerst gehemmt,
und die kecke Rhonda liegt mit ihren Werten am anderen Ende der Skala. Die beiden
andern Mädchen sind "normal", ihr Wert liegt zwischen denen von
Rhonda und Valerie.
Das Spannende an diesen Vierjährigen ist, daß sie schon im Alter
von vier Monaten genau dieselben Züge hatten wie jetzt. Auf Videobändern
von Valerie als Säugling ist dasselbe ängstliche und furchtsame Verhalten
zu erkennen. Angeschnallt an einen Kindersitz im Auto, reagiert sie heftig auf
eine Reihe von Dingen, die sie stimulieren sollten. Als vom Tonband sinnlose
Silben wie "bobo" vorgespielt werden, ist sie anscheinend zunächst
verzückt damit beschäftigt. Dann aber macht sie ein verängstigtes,
unglückliches Gesicht und weint. Wenn man bunte Spielzeugautos in ihrer
Nähe plaziert, wimmert sie. Als schließlich ihre Mutter kommt, wird
sie ärgerlich und unruhig, bis sie auf den Arm darf.
Rhonda war dagegen mit vier Monaten so keck wie mit vier Jahren. Auf dem Videoband
bringen sie die sinnlosen Töne zum Lachen, die bunten Autos lassen sie
gurren. Beim Anblick ihrer Mutter hellt sich ihr Gesicht mit einem strahlenden
Lächeln auf. Sie windet sich genausosehr wie Valerie im Kindersitz des
Autos, aber es scheint mehr eine Lust als eine Unannehmlichkeit zu sein.
Doch warum sind manche Babys ängstlich und andere neugierig, manche schüchtern
und andere extravertiert? Warum reagiert das Gehirn des "schüchternen"
Babys negativ auf das Gesicht eines Fremden und des "geselligen" Babys
positiv? Der Ursprung dieser Reaktionen ist in der genetisch festgelegten Chemie
des Gehirns begründet, insbesondere in jenem Teil des Gehirns, den man
als das limbische System bezeichnet und der für das emotionale Empfinden
und Verhalten verantwortlich ist. Hier finden sich die Ursprünge von Furcht,
Aggression, Lust und Vergnügen.
Hätte jeder Mensch dieselben Gene, durch die dasselbe limbische System
aufgebaut wird, und hätte er dieselben Lebenserfahrungen, dann wären
alle Persönlichkeiten gleich. Die Erfahrungen sind unterschiedlich, weil
wir in einer Welt mit so vielen Möglichkeiten leben. Zwei Menschen, selbst
eineiige Zwillinge, die im selben Elternhaus aufwachsen, können nicht exakt
dieselben Erfahrungen machen; das ist auch ein Grund für die unbegrenzte
Vielfalt derneben dem Temperament - zweiten Dimension der Persönlichkeit:
des Charakters.
- Sind Sie bereit, ständig persönliche Opfer zu bringen, um die Welt
zu verbessern? Oder sind Sie der Auffassung, jeder sei sich selbst der nächste?
- Nehmen Sie gewöhnlich Menschen so, wie sie sind, auch wenn sie ganz anders
sind als Sie selbst? Oder möchten Sie, daß jeder genauso handelt
wie Sie?
Hier handelt es sich um Aspekte des Charakters. Die Menschen kommen nicht mit
diesen Auffassungen auf die Welt, sie eignen sie sich an; sie übernehmen
sie von Eltern, Freunden, Lehrern und religiösen Leitfiguren. Sie erlernen
sie, indem sie sich an das Gefühl erinnern, das sich bei ihnen einstellte,
wenn sie etwas richtig gemacht hatten und dafür gelobt oder wenn sie für
ein falsches Verhalten bestraft worden waren.
Die Erinnerungen, die den Charakter formen, werden über die Großhirnrinde
vermittelt. Sie ist nicht nur Sitz der Erinnerungen für Menschen, Orte
und Begebenheiten, sondern sie versetzt uns auch in die Lage, zu rechnen, zu
vergleichen, zu urteilen und zu planen. Der Charakter ist eindeutig der menschlichste
Aspekt der Persönlichkeit. Das liegt daran, daß die Großhirnrinde
in der neueren Evolutionsgeschichte eine sprunghafte Entwicklung durchgemacht
hat und dramatisch an Größe und Komplexität zulegte. Sie ist
der Manager für das restliche Gehirn, sie analysiert die Welt und entscheidet,
wie man reagieren soll.
Der Charakter hat die Fähigkeit, das Temperament abzuwandeln. Er ermöglicht
es Menschen, aus den nützlichen Teilen des Temperaments einen Vorteil zu
ziehen und die Bedeutung der weniger wünschenswerten biologischen Neigungen
oder Instinkte zu verringern.
Betrachten wir uns als für unsere eigenen Taten selbst verantwortlich,
oder fühlen wir uns äußeren Kräften auf Gedeih und Verderb
ausgeliefert? Sind wir ein integraler Bestandteil der Gesellschaft oder ein
"frei schwebender Akteur"? Von all den Dingen, die wir im Leben lernen
und erinnern können, ist die Erkenntnis unserer selbst am wichtigsten.
Obwohl also die ursprünglichen Reaktionen auf Reize vom größtenteils
angeborenen Temperament bestimmt werden, so hängt doch die Art und Weise,
wie Menschen diese Reaktionen interpretieren und dann agieren, vom erworbenen
Charakter ab.
Unser Verständnis des Wirkens der Gene entwickelt sich rasch. Das bedeutet
jedoch nicht, daß wir angesichts eines programmierten Schicksals resignieren.
Hier handelt es sich um ein Hilfsmittel zur Befreiung, ein wissenschaftliches
Fenster, durch das wir die Seele erblicken können.
Wenn Sie die genetischen Ursprünge der Persönlichkeit verstehen, wird
Ihnen dies helfen, "sich selbst zu finden" und bessere Beziehungen
zu anderen Menschen aufzubauen. Das Wissen kann Ihnen in Beziehungen und am
Arbeitsplatz von Nutzen sein. Es wird auch Eltern, die davon besessen sind,
ihren Kindern die bestmögliche Umwelt zu bieten, etwas von der Belastung
nehmen. Kindern Liebe zu schenken und Wissen zu vermitteln ist so wichtig wie
ihnen Essen zu geben; doch von einem bestimmten Zeitpunkt an müssen Eltern
verstehen lernen, daß Kinder bereits auf ihrem eigenen Weg sind, der womöglich
abseits der vorgeplanten Markierungen verläuft. Kinder sind, was sie sind,
und Eltern fahren besser damit, ihre Kinder genauer kennenzulernen, als zu versuchen,
sie in irgendein Ideal zu zwängen, das aus Luftschlössern entstanden
ist.
Vom Augenblick der Empfängnis an sind Menschen einzigartig. Auch ganz zu
Beginn sind sie keine ununterscheidbaren Steinklumpen, die durch das Leben zu
Individuen geformt werden. Jeder einzelne von uns kommt als Person auf die Welt
- den Rest der Zeit in unserem Leben verbringen wir damit, herauszufinden, wer
diese Person ist.