Die Woche, 6/99, Christopher Schrader, S.25
Qualm und Gene
Das Erbgut bestimmt, wie Nikotin im Gehirn wirkt. Doch nicht, ob jemand rauchen muss.


Rauchern, so lehrt die Erfahrung, ist zur Begründung oder gar zur Entschuldigung ihrer gefährlichen "Gewohnheit" jede Ausrede recht. Sie werden sich begierig auf die Nachrichten stürzen, die von der Jahrestagung der amerikanischen Wissenschaftlervereinigung herüberdringen. Dort konnte der Zusammenhang zwischen Genen und Gemüt, zwischen Gehirn und dem Rauchen wieder ein wenig besser erklärt werden: Dean Hamer, Genetiker am amerikanischen National Cancer Institute, hat das Gen gefunden, das es manchem leichter machen kann, vom Nikotin loszukommenen - und anderen schwerer. Es trägt das Laborkürzel SLC6A3 und kann in zwei Formen vorliegen, einer "langen" und einer "kurzen". Hamer hat ein Modell dazu entwickelt, das nun die komplizierten Vorgänge der Nikotinwirkung und -gewöhnung weiter enträtseln könnte.

Dabei sind Hamers Entdeckungen alles andere als eine platte Entlastung der Nikotinsüchtigen: "Kein Gen kann einen Menschen zu bestimmten Handlungen zwingen, also auch nicht zum Rauchen", sagt der Forscher. "Bestimmte Gene machen manches Verhalten nur etwas wahrscheinlicher. Die konkrete Entscheidung, etwas zu tun oder zu lassen, liegt aber allein im Willen jedes Einzelnen."

Mit solch eindeutigen Aussagen will Hamer Missverständnissen und Fehlinterpretationen vorbeugen, die seine früheren Forschungsergebnisse hervorgerufen hatten: 1993 war der Wissenschaftler weltweit in die Schlagzeilen geraten, weil er herausgefunden hatte, dass bei schwulen Männern eine bestimmte Gen-Sequenz häufiger auftritt als bei heterosexuellen. Was diese Gensequenz bewirkt und ob sie überhaupt eine Funktion für die sexuellen Präferenzen und Ausprägungen hat, das weiß noch immer niemand. Trotzdem kam das Gerede von einem "Schwulen-Gen" auf.

Später identifizierte Hamer mit ähnlichen Methoden Erbanlagen für zwei der bis zu fünf "Dimensionen", mit denen Psychologen eine Persönlichkeit messen. Prompt wurde von einem "Neugier-" und von einem "Angstlichkeits-Gen" gesprochen und Hamer zu den beinharten Vertretern der Erblichkeitslehre gezählt für die Verhalten und Persönlichkeit nur von den Chromosomen und nicht von Umwelteinflüssen geprägt werden.

Damit tut man ihm und seiner Forschungsrichtung Unrecht. Denn die Gene, die sie entdeckt und untersucht, stehen nur an der Wurzel eines komplizierten Geflechts aus Botenstoffen und Regelkreisen innerhalb und außerhalb von Zellen und Nervensystemen, deren Verknüpfung man noch nicht im Detail kennt. Im Falle des Rauchens kommt noch eine von außen zugeführte, stark wirksame Substanz hinzu: das Nikotin, das seinerseits die Regelkreise beeinflusst. So darf es niemand wundern, dass sich die Persönlichkeitsprofile der beiden Probandengruppen, die bei Hamers Gentests mitmachten, im Ergebnis nur um 1 Prozent unterschieden - obwohl ihre SLC6A3-Gene in der jeweils anderen Form vorlagen.

Genauer messbar sind die verschiedenen biochemischen Reaktionen im Gehirn. Die laufen auf drei Ebenen ab:

Der Botenstoff Dopamin kann an bestimmte Stellen ein "Belohnungsgefühl" auslösen. Nikotin steigert offenbar die Freisetzung - und hat damit wohltuende Effekte. Vorausgesetzt, das Dopamin erreicht sein Ziel.

Dem entgegenwirken können so genannte "Transporter", die das Dopamin abfangen und somit Belohnungsgefühle verhindern. Die "längere" der beiden Gen-Varianten, die Hamer nun identifiziert hat, steigert die Produktion dieser "Belohnungs-Blockierer". Will ein Raucher, der diese Gen-Variante im Erbgut hat, den Tabakkonsum beenden, so fehlt ihm nicht nur das vom Nikotin freigesetzte Dopamin. Viele übrige Moleküle des Botenstoffs erreichen ihr Ziel nicht, weil sie "abgefangen" und abtransportiert werden und somit keine Wirkung entfalten können.

Hinzu kommen Varianten am Dopamin-Rezeptor - dem "Schloss", in das sich der freigesetzte Botenstoff einklinkt wie ein Schlüssel, bevor er in der Zelle Wirkung zeigen und letztlich wohltuende Effekte auslösen kann. Bei manchen Menschen sind diese "Schlösser", deren Bau ebenfalls direkt von den Genen programmiert wird, jedoch eher "locker" konstruiert. Etwa weil sie mehr Bausteine als nötig enthalten. Der Schlüssel rutscht leicht heraus - der Mensch fühlt sich weniger belohnt.

Ähnliche Mechanismen, die Hamer hier für die Wirkung im Dopamin-System des Gehirns studiert hat, sind für das System eines anderen Botenstoffs bereits besser belegt. Gerät etwa die Ausschüttung, der Transport und die Wirkung von Serotonin aus der Balance, so kann es dadurch zu Depression kommen. Medikamente wie das bekannte Prozac (deutscher Markenname: Fluctin) greifen hier bereits gezielt ein - und können Depressionen bekämpfen.

Robert Sapolsky, Genforscher an der kalifornischen Stanford University, hält Hamers Modell dennoch für untauglich. Er glaubt, dass nicht die Varianten in den genetischen "Bauplänen" für Rezeptoren und Transportermoleküle verantwortlich sind für unterschiedliche Verhaltensweisen, sondern die "Gebrauchsanweisungen" für diese Baupläne. Diese so genannten Steuerelemente liegen auf dem langen Faden der DNS-Codes meist in unmittelbarer Nachbarschaft zum jeweiligen Molekül-Bauplan und bestimmen innerhalb der Zelle, wie mit den Erbinformationen der Bauplan-Gene umgegangen wird. Etwa wann die Produktion von Rezeptor-Molekülen begonnen und "hochgefahren" wird. Oder wann sie eingestellt werden muss, weil anderes wichtiger ist, etwa bei einer Teilung der Mutterzelle. Diese Steuerelemente, das hat Sapolsky herausgefunden, sind individuell viel variabler als die Bauplan-Gene. Die, so Sapolsky, bestimmen also wahrscheinlich nicht das Verhalten - weder direkt noch indirekt. "Sie sind nur ein Werkzeug, um das Verhalten an die Umwelt anzupassen."

Dieser Interpretation kann sich auch Dean Hamer prinzipiell anschließen. Er glaubt sogar, dass sich bei der weiteren Erforschung des Zusammenhangs von Genen und Verhalten "ein Großteil der DNS-Abschnitte als Steuerelemente herausstellen werden", die mit Begriffen wie Verhalten oder Persönlichkeit in Verbindung gebracht werden können.

Das deckt sich auch mit den praktischen Ergebnissen, die seine neue Studie zur genetischen Grundlage der Nikotinentwöhnung lieferte: Fast die Hälfte der Teilnehmer, die mit dem Rauchen aufgehört hatten, hatten die Sucht besiegt, obwohl sie das dafür "schlechte", das "lange" Bauplan-Gen für die Transportermoleküle im Erbgut hatten.


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