Die Woche, 6.2.98, Volker Stollorz, Seite 29

Riskante Rettung

Bei der Verpflanzung tierischer Organe auf den Menschen werden auch Viren übertragen. Experten fordern deshalb einen Stopp der Versuche

Dallas, Oktober 1997. Ein 17-jähriger Junge wird mit akutem Leberversagen in die Klinik eingeliefert. Der Patient droht zu sterben. Da keine Spenderleber verfügbar ist, wagt Marlon Levy, Transplantationschirurg am Baylor Medical Center in Dallas, ein Experiment. Für sechseinhalb Stunden leitet er das Blut des todgeweihten Patienten durch eine Schweineleber. Die ist, ähnlich wie eine künstliche Niere, an c Blutkreislauf angeschlossen und filtert Gallenflüssigkeit aus dem Blut, bis sich ein passendes Spenderorgan findet.

Die Leber stammte von einem genetisch veränderten Schwein der US-Firma Nextran. Die Zelloberflächen seiner Organe waren so präpariert, dass sie den Attacken der menschlichen Immunabwehr widerstehen sollten, die das Tierorgan als Fremdkörper abstoßen will. "Ohne diese Zwischenlösung hätte der Junge nicht überlebt", sagt der Chirurg.

Levy erzählt die Geschichte häufiger, seit Kritiker lautstark vor den unkalkulierbaren Risiken der Xenotransplantation warnen (der Wortstamm "xeno-" steht im Alt riechischen für "fremd"). Infektionsmediziner befürchten, mit der Übertragung tierischer Organe könnten gefährliche Viren auf den Menschen über springen. Ihr Szenario klingt gruselig: Durch klinische Versuche mit Schweineorganen breitet sich schleichend ein bei Tieren harmloser Erreger in der Bevölkerung aus und verwandelt sich in eine tödliche Krankheit wie Aids oder Ebola.

Dass derartige Horrorvisionen nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, zeigte sich vergangenes Jahr. Der renommierte britische Virologe Robin Weiss entdeckte im Erbgut von Schweinen erstmals zwei Virustypen, die zumindest im Labor menschliche Zellen infizieren können. Sein Fund alarmierte die Fachwelt - die Retroviren aus dem Schwein sind entfernte Verwandte des HI-Virus und somit für Wandlungsfähigkeit berüchtigt.

"Ein Moratorium für alle Formen von Xenotransplantationen mit lebenden Geweben auf den Menschen" forderte deshalb der Immunologe Fritz Bach von der Harvard Medical School jetzt im honorigen Fachblatt "Nature". Zwar verspreche die Verpflanzung tierischer Organe erheblichen Nutzen für schwerstkranke Patienten - immerhin stirbt heute jeder zweite Bedürftige, bevor ein passendes Spenderorgan verfügbar ist. Diesem individuellen Nutzen stehe aber ein "derzeitig nicht abschätzbares Risiko für die Allgemeinheit entgegen". Weil somit die Gesellschaft als Ganzes ein Risiko eingehe, müsse sie über den Umgang mit Xenotransplantationen mitentscheiden, nicht allein die Fachwelt. Bach nennt die Gründe, warum Xenotransplantationen die Übertragung von Erregern begünstigen könnten:

Die Kontakte zwischen Spenderorgan und Empfänger sind enger und intensiver als alle übrigen Zellbegegnungen.

Die Immunabwehr der Patienten wird durch Medikamente gebremst, um Abstoßungsreaktionen zu unterdrücken.

Viren passen sich besonders leicht an die "Bindungsstellen" genetisch veränderter Schweinezellen an.

Der Virologe Robin Weiss ist dennoch gegen ein kategorisches Verbot aller klinischen Versuche. Stattdessen rät er, "schrittweise und umsichtig" vorzugehen: Zunächst sollten alle Patienten auf Anzeichen einer Infektion mit den neu entdeckten Viren untersucht werden, denen bereits Schweinegewebe verpflanzt wurde (siehe Grafik). Allein der Schweizer Pharmakonzern Novartis analysiert derzeit mehr als 150 Empfänger von Schweinegewebe auf Anzeichen einer möglichen Infektion. Auch Dutzende von Affen, denen Schweineorgane verpflanzt wurden, könnten Spuren der Erreger aufweisen. "Bevor diese Sicherheitsuntersuchungen bei Tieren und Menschen nicht abgeschlossen sind, werden wir nicht mit klinischen Versuchen beginnen", versichern Corinne Savill von der Novartis-Tochterfinma Imutran, Vorreiterin auf dem Gebiet der Xenotransplantation.

Auch Chirurg Levy darf derzeit keine Schweineleber der Firma Nextran mehr als "tierische Überbrückungshilfe" einsetzen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat im Oktober einen vorläufigen Stopp" erlassen. Nach intensiven Expertenanhörungen scheint das " Amt aber gewillt es Licht für streng kontrollierte klinische Versuche zu erteilen.

In Deutschland gibt man sich zögerlicher. Ralf Tönjes, Experte für "endogene Retroviren" am Paul-Ehrlich-Institut (PEI), hält ein Moratorium für wünschenswert. "Bevor wir uns an Patienten wagen, brauchen wir sorgfältig kontrollierte Tierexperimente", sagt der Fachbereichsleiter Gentechnische Impfstoffe. Die Xenotransplantation stehe aber in Deutschland derzeit nicht unmittelbar vor der klinischen Anwendung. Einzig ein "Bioreaktor", bei dem Blut aus dem Körper heraus über aktive Leberzellen vom Schwein geleitet wird, erlebte vergangenes Jahr am Berliner Virchow-Klinikum seine Premiere als Überbrückungshilfe.

Präzise Richtlinien für den Umgang mit derartigen Versuchen gibt es weder in Deutschland noch auf europäischer Ebene - dabei kennen Viren keine nationalen Grenzen. Um hierzu eine Debatte in Gang zu setzen, wird im PEI Ende Februar öffentlich über die Perspektiven der Xenotransplantation diskutiert.

Auch die Medizinische Hochschule Hannover setzt auf Experimente mit genetisch veränderten Schweineorganen. Michael Manns, Sprecher des dortigen Sonderforschungsbereichs, hält es aber "derzeit noch für zu früh", Tierorgane in klinischen Versuchen beim Menschen einzusetzen. Bedenken gegen potenzielle Risiken dürften indessen nicht dazu führen, dass die "Entwicklung der Xenotransplantation in Deutschland wie zuvor die Gentechnik lange Zeit , verschlafen wird",so der Transplantationschirurg. Aus Sicht eines jungen Patienten mit akutem Leberversagen sei die Nutzen-Risiko-Abwägung schließlich klar. Manns: "Besser mit einem Schweinevirus über der Erde als virusfrei darunter."


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