"What Risk? Science, Politics and Public Health", Roger Bate, Butterworth Heinemann Verlag

Jeder Versuch der Risikosenkung ist das Ergebnis einer Abwägung.
Die Konzentration auf winzige Risiken kann uns weit größeren realen Gefahren aussetzen.

Der Leiter einer europäischen "Denkfabrik" vertritt die Auffassung, daß die Ordnungspolitik Risiken und Nutzen neuer Technologien ausgewogen bewerten muß.
Gleichgültig, welche objektiven Maßstäbe man heranzieht, sei es die Kindersterblichkeit oder die Lebenserwartung, die Einwohner westlicher Industrieländer leben heute gesünder, sie sind weniger und kleineren Gefahren ausgesetzt als je zuvor. Ein längeres Leben und der Mangel an existentiellen materiellen Problemen bei vielen Menschen scheinen aber dazu zu führen, daß wir uns den Luxus leisten, uns- mit langfristigen theoretischen Gefahren zu beschäftigen. Viele Meinungsumfragen bestätigen: Manche sehen die Zukunft so besorgt, daß sie glauben, neue Technologien sollten verboten werden, bis eine Gefährdung der Gesundheit und der Umwelt völlig ausgeschlossen werden können. Vorsicht ist ihr kategorischer Imperativ: Du sollst nicht einmal die Gefahr eines Risikos zulassen.
Kürzlich versuchte ich, diesen modernen Zwang der "Verurteilung durch Meinungsumfrage" mit der Waffe der Lächerlichkeit zu entlarven. Ich führte eine Umfrage durch, ob Wasser (das ich als Dihydrogenmonoxid, abgekürzt DHMO, bezeichnete) in der EU verboten werden solle. Die Befragung legte dar, daß DHMO einige unschöne Wirkungen aufweise, z.B. daß es zu saurem Regen beitrage oder ein Bestandteil von Krebszellen sei. Trotz der auffallenden Übertreibung der Beschreibungen bemerkten nur wenige der Befragten die Pointe, und 76 Prozent der Londoner waren der Ansicht, Wasser müsse verboten werden.
Für mich waren die Berichte akademischer Institute aus Europa, die die gleiche Umfrage mit ähnlichen Ergebnissen durchführten, eine innere Bestätigung. Die Geographen der, London University erreichten schwindelerregende 86 Prozent, während deutsche Wirtschaftswissenschaftler mit 40 Prozent am besten abschnitten; vielleicht, weil viele Wirtschaftswissenschaftler zynisch sind, und zu Recht annähmen, an der Umfrage sei etwas, faul. Der britische Forschungsminister, John Battle machte in seiner Ansprache auf der Jahresversammlung des Vereins der Britischen Chemischen Industrie anhand des Umfrageergebnisses deutlich, daß eine wahre Behauptung ("Wasser ist ein Bestandteil von Krebszellen") bei wissenschaftlich nicht geschulten Personen zu falschen Schlußfolgerungen führen kann ("Wasser ist gefährlich").
Jedoch hatte die Umfrage auch einen subtileren Zweck, der der Intuition entgegensteht. Sie sollte zeigen, daß sogar eine Substanz, die von jedem Lebewesen benötigt wird, gefährlich werden kann. Natürlich ist es sehr schwierig eine tödliche Menge Wasser zu sich zu nehmen, außer man ertrinkt, aber es ist möglich. Ein besseres Beispiel für Wirkstoffe, die in niedriger Dosis lebenswichtig sind, in hohen Dosierungen jedoch giftig wirken, sind die Vitamine. Zum Beispiel wäre es relativ einfach, sich mit Vitamin A zu vergiften, aber ohne eine geringe Menge davon können wir nicht überleben.
Die Überlegung, daß die Dosis das Gift macht ist seit Jahrhunderten bekannt, aber sie scheint bei der modernen Umwelt- und Gesundheitsgesetzgebung in Vergessenheit geraten zu sein. Vor kurzem gab ich ein Buch heraus mit dem ausdrücklichen Ziel, aufzuzeigen, daß viele moderne Vorschriften auf der fehlerhaften Annahme beruhen, etwas, das bei hoher Dosierung gefährlich ist, schade, auch bei,. niedriger Dosis. Analog wäre festzustellen, eine Temperatur von 2 Grad Celsius kann schwere Verbrennungen hervorrufen und daraus zu folgern, daß Temperaturen von 20 Grad wahrscheinlich gefährlich sind. Viele Fachleute zeigen im Buch "What Risk?", daß es einen Schwellenwert gibt, unter dem die Abwehrmechanismen und Stoffwechselabläufe im Körper ausreichend schützen. Zum Beispiel sind 19 krebserregende Substanzen Im Kaffee bekannt, aber der normale Verzehr ist nicht problematisch. Wenn Kaffee: jedoch heute erst entdeckt würde, würden ihn wahrscheinlich.,. einige Gesundheitsbehörden verbieten. Denn Kaffee, hat schlechtere Untersuchungsergebnisse als viele nicht zugelassene synthetische Chemikalien.
Als vor 40 Jahren der Grundstein für einen Großteil der heutigen Gesetzgebung gelegt wurde, war die Wissenschaft noch nicht so weit, sichere Grenzwerte für die modernen Karzinogene zu zeigen. Heute gibt es Beweise für sichere Grenzwerte, aber die Ordnungspolitik bezieht sich weiterhin auf eine veraltete Wissenschaft.
Wenn man Behörden auf die neue Beweislage anspricht ist die Antwort häufig: "Zumindest reduzieren wir auf diese Weise einige Risiken". Jeder Versuch der Risikosenkung ist jedoch das Ergebnis einer Abwägung. Die Konzentration auf winzige Risiken kann uns weit größeren realen Gefahren aussetzen. Beispiel: Westliche Bedenken über die geringfügigen krebserregenden Effekte von Chlor trugen 1991 zur Entscheidung der peruanischen Regierung bei, Trinkwasser nicht mehr mit Chlor, sondern mit Fluor zu versetzen, Die Zähne der Peruaner sind vielleicht besser geworden, aber Cholera-Erreger konnten sich im chlorfreien Wasser vermehren. Im Ergebnis erkrankten 600.000 Menschen, und 7000 starben.
Als Gesellschaft müssen wir uns zuerst auf die großen Gefahren konzentrieren und dann auf die kleinen. Wir müssen Immer Risiken und Nutzen abwägen, wenn eine Lobby oder ein Politiker das Verbot eines Stoffes oder eines Verfahrens fordert Natürlich bergen neue Technologien oft neue Gefahren, aber im allgemeinen ersetzen sie ältere Verfahren, die schädlicher waren. Vorsichtiger Einsatz und Kontrolle neuer Technologien, und nicht ihr Verbot werden dazu beitragen, Risiken zu senken. Man wird sie aber nie ganz ausschließen können.


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