Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4/97, Professor Jean Karen Gregory
Den Deutschen fehlt der Stolz
Warum die Hochschulen hierzulande nicht amerikanisiert werden können.
Über die Einheit: von Forschung und Lehre an den Universitäten wird zur Zeit wieder
viel gesprochen Aber in Wirklichkeit interessiert die Forschung, kaum jemanden. Vielmehr
geht es den meisten um den wirtschaftlichen Nutzen von Forschungsergebnissen. Viele
Nichtwissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsgrößen haben seit Zunahme der
Arbeitslosigkeit die Forschung entdeckt und wollen sie als Allheilmittel einsetzen. Wie es
sich gehört bekommt das Kind einen neuen Namen: Innovation. Doch offenbar gibt es viel
mehr Leute, die Innovation vermarkten und verwalten wollen, als Pioniere die Innovation
erzeugen. Und alle stellen sich an, um die Innovationskuh zu melken.
Wenn die Tagungsankündigungen, Bücher, Fortbildungsseminare, Internet-Adressen, CD-ROMs
und die bunten Broschüren, mit denen man von diesen Innovationsmaklern überschüttet
wird, in ihrer Kernaussage zuträfen, dann würden innovative Ideen aus den Ärmeln
hochqualifizierter Wissenschaftler geschüttelt und binnen Zeit in exportfähige Produkte
umgesetzt. Diese Vorstellung ist aber eine Verklärung der Forschung. Wie wir
experimentell, Forschende wissen, ist die Ermittlung neuer Erkenntnisse nicht nur,
mühsam, sondern gelegentlich sogar langweilig. Der Erfinder der Glühbirne, Thomas
Edison, sagte das so: "Genius is one percent inspiration and ninety-nine percent
perspiration." Genie ist zu einem Prozent Inspiration und zu 99 Prozent Schweiß
Nun will aber jeder nur das "Innovative", also das eine-Prozent. Es gibt aber
keine Kuh, die nur Sahne liefert, und es gibt keinen Wissenschaftler, der nur Innovation
produziert. Es gibt auch keinen wirtschaftlichen Nutzen von Geistesblitzen, es sei denn,
die Erfindungen würden durch Marktforschung, Qualifizierungsuntersuchungen, Änderung von
Normen und so weiter, sprich: durch harte und nicht sonderlich, innovative Arbeit in
marktfähige Produkte verwandelt. Die meisten Forschungsanträge und -arbeiten sind
deshalb eher von Systematik als von Innovation gekennzeichnet. Einige meiner Kollegen
bewundere ich mehr wegen ihrer Geduld.. als wegen ihrer Ergebnisse nach jahrelanger
Bearbeitung ein und desselben Themas. Nur, wer fast jeden Tag im Labor; steht, kann
überhaupt etwas Interessantes entdecken. Sie, kennen vielleicht den Spruch "Alle
großen Entdeckungen werden durch Fehler gemacht. Je üppiger die Mittel, desto länger
dauert es, den Fehler, zu machen.
Was bewegt einen Hochschullehrer zu forschen? Welche Motivation soll er haben? Ist es sein
Ziel, eine möglichst hohe finanzielle Förderung zu bekommen, weil das eigene Gehalt oder
die Verteilung von Sachmitteln daran gekoppelt sind, wird wer Mammutprojekte bevorzugen,
die das eigene Überleben erleichtern? Mir selbst hat vor Jahren ein Professor geraten,
bei vom Bundesministerium für Forschung und Technik geförderten Verbundprojekten bloß
aufzupassen, daß sie nicht zu erfolgreich werden, weil sonst die Industriepartner
absprängen, hätten sie dann doch erhalten, was sie wollten.
Bei der Förderung innovativer Ideen müssen wir flexibler werden. Innovative Ideen sind
wie scheue und unberechenbare Tiere. Sie lassen sich nur schwer in ein umzäuntes Gehege
pferchen und schlachten. Die Entwicklung von Hochtemperatursupraleitern, die später mit
dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, war von keinem so geplant. Innovative Ideeen sind auch
keineswegs den "Experten" vorbehalten. Die Sofortbildkamera verdanken wir einem
ungeduldigen Mädchen, das seinen Papa - Edwin Land - beim Fotografieren fragte, warum man
denn auf das Bild so lange warten müsse. Gelegentlich kommen wirkliche Fortschritte von
Autodidakten, die eine Universität nie von innen gesehen haben.
Wer die Seele eines Wissenschaftlers verstehen will, sollte sich den Film "Lorenzos
Öl", ansehen. Es geht um einen Familienvater, dessen Sohn unter, einer: Krankheit
leidet. Der Vater, ein wissenschaftlicher Laie, arbeitet sich so, intensiv in das Gebiet
der Biochemie ein, daß ihm gelingt was Fachleute nicht geschafft schafft hatten: Er
entdeckt einen Gegenstoff. Sein Beweggrund war, das Leben. seines Sohnes zu retten. Er
hatte es schwer, die "Experten" von seiner Entwicklung zu überzeugen. Wäre ein
solcher Erfolg in Deutschland möglich? Zeidenitz und Barkow bezweifeln das in ihrem Buch,
"The Xenophobe's Guide to the Germans" (London 1993): "Es ist kaum denkbar
(und wird nicht gewünscht), daß eine gute Idee zufällig auftaucht oder von irgend
jemandem stammt, der nicht über einschlägige Qualifikation verfügt."Die: Deutschen
würden eher auf eine kluge Erfindung verzichten als zuzulassen, daß Kreativität ein
zufälliger und chaotischer.Prozeß ist."
Etwas ist wahr an dieser humorvollen Stichelei Von Universitätsprofessoren erwartet man,
daß sie die Quelle von Innovationen seien, die kurzfristig zur Lösung von Problemen
führen. Diese Vorstellung entbehrt jeder Logik.- Noch schlimmer wird es, wenn man die
Besserung der wirtschaftlichen Lage von denjenigen erhofft, die am wenigsten etwas dafür
tun können: den Studenten. So sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert
Markl: "Wir (in Deutschland) haben eine viel geringer entwickelte
Firmengründungskultur (als die Amerikaner). Für einen sehr gut ausgebildeten Ingenieur,
Physiker oder Chemiker ist es nach wie vor ein viel erstrebenswerteres Lebensziel, in
einer der großen forschenden Firmen zu landen. Wir müssen offenbar in der Ausbildung
mehr dafür tun, daß Naturwissenschaftler und Ingenieure hinterher wissen, wie sie selbst
ein Unternehmen gründen können."
Bei allem Respekt vor Professor Markl: Davon darf man sich in, Deutschland nicht zuviel
versprechen. Zwar wären Studenten clever genug, auch noch einen Schein im, Fach
"Unternehmensgründung" zu machen neben all den anderen Fächern, die sie für
den Abschluß brauchen. Aber das Problem liegt tiefer. Den jungen Deutschen wird von
Kindesbeinen an beigebracht, wie sie sich in einer stark reglementierten Struktur (ich
rede vom deutschen Alltag) zu benehmen haben und daß man ohne Geld kein wertvoller Mensch
ist; selbst Schulkinder protzen mit Markenkleidung und Exklusivurlaub. Werden sie sich
nach einem Studium dafür entscheiden etwa zehn Jahre auf eine sichere Existenz zu
verzichten, um sich dann, falls es mit der neuen Firma überhaupt gutgeht, mit Gesetzen,
Verordnungen, Gewerkschaften und den Ansprüchen der Mitarbeiter auseinanderzusetzen? Die
Verantwortung für die Verregelung und die daraus entspringende Mentalität liegt nicht
bei den Universitäten, sondern bei der Gesellschaft.
Die fünfziger Jahre habe ich nicht erlebt, habe aber von vielen Deutschen gehört, daß
man nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vorstellung vom "American way of life"
gehabt habe, den man mit deutscher Gründlichkeit nachahmen oder gar übertreffen wollte.
Über die Beharrlichkeit der Deutschen, sich ein Phantasiebild von den Vereinigten Staaten
zu malen, anstatt sich sachkundig zu machen, kann ich als Amerikanerin nur staunen. Wenn
sich ihre Illusion dann als Zerrbild aus Vorurteilen herausstellt, sind die Deutschen
enttäuscht. Wie oft habe ich von deutschen Professoren gehört, das amerikanische
Bildungssystem ähnele einer Schule - Auch weil Professoren dort nach Leistungen in der
Lehre folgenschwer beurteilt würden. Solche Aussagen wurden immer von teutonischem
Naserümpfen begleitet. In letzter Zeit wird von deutschen Politikern und Journalisten der
lehreifrige amerikanische Professor zum Mythos erhoben. Sogar die Studenten propagieren
diese Legende: "In den Vereinigten Staaten geben die Studenten ihre Beurteilung über
die Lehre ab, und danach werden die Professoren bezahlt und auch gefeuert" behauptet
eine deutsche Jurastudentin in der "Deutschen Universitätszeitung".
Offensichtlich wissen- viele nicht, was das Wort "tenure" bedeutet: Anstellung.
Schon wieder entsteht eine Pappkulisse aus deutschen Vorurteilen, und wieder wird die
Enttäuschung groß sein, wenn die Deutschen, haben sie erst einmal das amerikanische
Hochschulsystern kopiert und nach ihren Vorsteltungen perfektioniert, feststellen, daß
die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Dies ist Unfug!
In einem kürzlich veröffentlichten Bericht des National Research Council der Vereinigten
Staaten, der von Hochschulleitung, Professoren und Studenten gemeinsam ausgearbeitet
wurde, stehen Empfehlungen für die Ausbildung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften,
die deutsche Leser gerade deshalb überraschen werden, weil sie ihnen aus der hiesigen
Diskussion so bekannt vorkommen müssen: "Die Einrichtungen müssen eine neue Balance
herstellen zwischen Lehre und Forschung, so daß die Lehre belebt wird von Entdeckungen
der Forschung ,und die Forschung (aus den Lehraufgaben) breiter definiert wird; dabei
sollte die Professorenschaft für pädagogische Leistungen ebenso belohnt werden wie für
alle anderen Arten, akademischen Engagements.
Maßgebend für diese Forderung ist folgende Grundaussage des National Research Council
über die Verfassung der amerikanischen Universitäten-. Erhebliche Unsicherheit besteht
in der Kernfrage, inwieweit der institutionelle Wert von den verschiedenen Arten der
professionellen Arbeit abhängt. In dieser Unsicherheit neigen die Professoren dazu, sich
auf diejenige Aktivität zu konzentrieren, für die es relativ klare Gegenstände und
Belohnungen gibt: Forschung, die sich in (von Professoren begutachteten)
Veröffentlichungen niederschlägt. Doch sind die Defizite, die sich aus der einseitigen
Aufmerksamkeit für die Forschung ohne Lehre ergeben, evident: Ausverkauf der Zeit für
die Lehre zugunsten von Forschung; das quälende Gefühl, daß auf die Vorbereitung einer
Vorlesung verwendete Zeit nur Zeit ist, die der Forschung verlorengeht; Ermahnungen von
Älteren, das Lehren zu vergessen, bis man eine Anstellung (tenure) gefunden hat",
und so weiter. Es gibt noch mehr, was diejenigen überraschen wird, die das amerikanische
Hochschulwesen nur aus deutschen Zeitungsberichten kennen. Wie oft habe ich sogar von
deutschen Professoren zu hören bekommen, ich sei kein typischer Amerikaner, was das auch
immer sein mag. Manchmal paßt die Realität eben nicht zu Stereotypen. Um so wichtiger
wäre es, daß die Deutschen ihre Stereotypen über Bord werfen. Wer das tut, wird
erkennen, daß die Probleme der Hochschulen und die Lösungsmöglichkeiten in den
Vereinigten Staaten und in Deutschland trotz aller Unterschiede gar nicht so weit
auseinanderliegen. Eine "Amerikanisierung" der deutschen Hochschulen ist also
keine Garantie für eine Lösung. Es sei denn, die Deutschen wären wirklich die besseren
Amerikaner.
Politiker pflegen die Vorstellung eine bessere Lehre könne angeordnet werden, weil solche
Parolen in der Öffentlichkeit gut ankommen und zeigen, wie kräftig man eingegriffen hat.
Wie realitätsfern solche Vorschläge sind, zeigt ein Beispiel aus meiner Erfahrung. Im
vergangenen Semester habe ich an der Technischen Universität München eine
Lehrveranstaltungen über Werkstofftechnik gehalten - mit viel Engagement und gelegentlich
sogar mit Begeisterung. Wie es sich für einen Universitätslehrer gehören sollte, hatte
ich den Stoff nicht aus einem Lehrbuch entnommen, das (wie an der Schule) kapitelweise
abgehandelt worden wäre, sondern relativ neue Forschungsergebnisse berücksichtigt, die
noch in keinem Lehrbuch stehen. Wie in Lehrveranstaltungen für Ingenieurstudenten
üblich, gab es ellenlange Formeln und viele Diagramme.
In der drittletzten Doppelstunde erschien plötzlich ein neues Gesicht unter den
Studenten, ein junger Mann, der schlichtweg drei Monate hatte verstreichen lassen, bevor
er sich zum Hörsaal bequemte. Am Ende der Doppelstunde teilte er mir sein Entsetzen über
seine Lage mit: Er hatte sich bereits für die Prüfung angemeldet, ohne mitbekommen zu
haben, daß ich und nicht mein Vorgänger die Vorlesung hielt und daß sich die
Lehrinhalte geändert hatten. Daher hatte er sich schnell ein Skript besorgen und für die
Prüfung lernen wollen; aber ich hatte kein Skript herausgegeben, und nun wußte er nicht,
wie er die Prüfung meistern sollte: Wie ich ihm zu helfen gedenke, wollte er wissen.
Solche Fälle mögen die Ausnahme sein. Aber sie zeigen, wie hohl Beteuerungen klingen,
Studenten könnten die Lehre evaluieren, und wie gefährlich es wäre, davon irgend etwas
abhängig zu machen. Nebenbei bemerkt, habe ich nicht feststellen können, daß die Lehre
an deutschen Universitäten besser oder schlechter wäre als an amerikanischen - auch
nicht an den (im deutschen Sprachgebrauch so genannten) "Elite-Universitäten".
Die Lösung des Problems liegt in der Verlagerung der Verantwortung für das Studium
(dorthin, wo sie hingehört: in die Hände der Studenten. In Maßen wünschen sich
Studenten Freiheit und Verantwortung für ihr Studium. Aber wie die Professoren werden sie
durch juristische Regelwerke daran gehindert. Verantwortung für das Studium trägt im
Moment niemand.
"Nichts ist unsozialer als der Wohlfahrtsstaat, der die menschliche Verantwortung
erschlaffen und die individuelle Leistung sinken läßt." Dieser 1962 von Ludwig
Erhard geäußerte Gedanke läßt sich auf die Universitäten übertragen. Es ist
offenkundig, daß die meisten Ingenieurstudenten ihr Studium so schnell wie möglich
abschließen und Geld verdienen wollen. Unter ihnen gibt es genug, die nicht durch
akademische Leistung reüssieren, sondern sich durch juristische Schlupflöchcr bis zum
Diplom durchmogeln und das auch noch mit guten Noten. Es ist an deutschen Hochschulen
nicht unüblich, daß sich ein Student für eine Prüfung nur anmeldet, damit er die
Fragen abschreiben kann (er gibt ein leeres Blatt ab), um sich damit auf das nächste Mal
vorzubereiten. Wenn er in der Prüfung merkt, daß er bestenfalls auf eine Vier kommt,
gibt er wieder ein leeres Blatt ab, damit er durchfällt. Denn "Fachprüfungen, die
nicht bestanden wurden, können einmal wiederholt werden. Die Wiederholung einer
bestandenen Prüfung ist nicht zulässig Es wäre also töricht, eine Prüfung mit einer
schlechten Note zu bestehen.
Wir tragen Verantwortung dafür, Lernstätten zu schaffen, in denen individuelle und
kollektive Leistungen belohnt werden. Man kann das Doppelkunststück fertigbringen, daß
die Studenten besser lernen und daß die Universitätsprofessoren gleichzeitig von ihrem
hohen Lehrdeputat entlastet werden. Auch das wird den deutschen Leser überraschen: Der
amerikanische Universitätsprofessor ist bei weitem nicht so stark mit Lehre belastet wie
sein deutscher Kollege. Wie erreichen die Amerikaner die Quadratur des Kreises? Indem sie
die Verantwortung für das Studium stärker auf die Studenten übertragen, und die wissen
das.
Professor Krätzig macht in der Zeitschrift "Forschung und Lehre" des Deutschen
Hochschulverbands (1/97) durch einen Vergleich darauf aufmerksam: "Deutsche
ingenieurwisenschaftliche Studiengänge sind auf eine fünfjährige Studienzeit hin
ausgelegt. Sie weisen insgesamt 180 bis 200 Semesterwochenstunden auf, das heißt
komfortable 20 bis 22 Hörsaal- und Laborstunden pro Woche. Diese Studienumfänge sind in
allen führenden Industrienationen sehr ähnlich. In den USA und einigen europäischen
Nachbaarstaaten, in welchen das Self-teaching tradiert ist, sind sie bis auf 75 Prozent
reduziert."
Self-teaching: sich etwas selbst beibringen. Das muß man so oder so. Doch heute, wo wir
in den Strukturen, aber nicht im Geiste Humboldts lehren und lernen, wird das System ad
absurdum geführt. Während des Semesters tut der Student sein Bestes (oder auch nicht);
kurz vor der Prüfung eignet er sich den Stoff an: Für das Kurzzeitgedächtnis eine
Strapaze, die einen langfristigen Lerneffekt kaum ermöglicht. Die Lösung dafür ist
(auch wenn einige "Verschulung" schreien): scharfe Auslese, entweder durch
Eignungsprüfungen oder durch häufigere Leistungskontrollen.
Die Auslese wird an deutschen Hochschulen durch hohe Abbrecherquoten "erledigt".
Das halte ich für eine Quelle der Ineffizienz. In der Euphorie der vermeintlichen
sozialen Öffnung hat man hierzulande mit den Hochschulen (dem tertiären System)
denselben Fehler gemacht wie in Amerika mit den primären und sekundären
Bildungssystemen: Mit dem Argument, daß die Chancen des Individuums unabhängig vom
sozialen Status sein sollen, wird die Differenzierung der unterschiedlichen Fähigkeiten
und Leistungen tabuisiert. Die Folge dieser sozialen Lüge sind die Verschwendung von
Ressourcen für Möchtegernstudenten, die irgendwann aufgeben, und Frust ,bei den
seriösen Studenten und Professoren.
"Müllklausuren" von, Studenten, die auf gut Glück erscheinen, ohne ein
einziges Mal in einer Vorlesung gewesen zu sein, und die damit das Humboldtsche Ideal zur
Farce machen, kann man nach dem Vorbild der besseren amerikanischen Universitäten
verhindern: Eine nicht bestandene Prüfung gilt als nicht bestanden und erscheint auch auf
dem Zeugnis. Wird die Wiederholungsprüfung, die innerhalb von wenigen Wochen stattfindet,
bestanden, wird auch dies auf dein Zeugnis bescheinigt. Ich vermute in dieser Praxis einen
Grund für die durchschnittlich kürzeren Studienzeiten in den Staaten: Man muß jedes
Semester eine Mindestzahl von Credits erwerben, um immatrikuliert zu bleiben. Die in
Deutschland erfolgreiche "Lotto-Methode" ist in Amerika mit einem hohen Risiko
verbunden (Dies soll aber kein Einwand gegen den "Freischuß" sein.)
Freiheit ist mit der Übernahme von Verantwortung verbunden. Deshalb tun sich Deutsche mit
der Freiheit so schwer; sie flüchten gern aus der Verantwortung in ein fast
flächendeckendes Dickicht an Vorschriften. Wer etwas Positives bewirken will oder einfach
einen Verbesserungsvorschlag macht, hat es in diesem Lande nicht leicht. In Deutschland
herrscht nicht der gesunde Menschenverstand und erst recht nicht Innovationsgeist, sondern
der Vorschriften-Fetischismus. Sie, liebe Deutsche, haben es geschafft, Verantwortung
durch Bürokratie zu ersetzen. Um es mit Lord Dahrendorf zu sagen: "Die deutsche
Gesellschaft ist von ihrer Struktur her eine Anti-Führungsgesellschaft geworden. Es
steckt ziemlich tief in vielen deutschen Institutionen drin, daß man die persönliche
Verantwortung abwälzt und immer einen Grund hat, warum man nicht persönlich und
individuell verantwortlich ist." Freiheit hat auch etwas mit Mut zu tun. Er kann
nicht durch Regeln ersetzt werden.
Liegt es am Mangel an Mut, daß das deutsche Hochschulsystem jetzt durch noch mehr Regeln
verbessert- werden soll? Der deutsche Professor bekommt Vorgesetzte, den Dekan und den
Rektor. Die Begründungen dafür enthalten einen gravierenden Denkfehler. Es wird
unterstellt, daß die Universitäten in Amerika unter dem Zwang der Effizienz stünden,
weil die Studenten dort ihre Professoren bezahlen. Ist es also der schnöde Mammon, der
die Überlegenheit der amerikanischen Hochschulen garantiert, und soll Geld die deutschen
Hochschulen retten?
Falls jemand meint, amerikanische Professoren verhielten sich anders gegenüber ihren
Studenten als deren deutsche Kollegen, und das liege an den Studiengebühren, möge er mir
etwas erklären: Fast jeder deutsche Urlauber in den Staaten kennt die Straßenkreuzungen
mit vier Stoppschildern, wo jeder der Reihe nach durchfährt. Von Deutschen höre ich
immer wieder, eine solche Verkehrsführung würde in Deutschland nie funktionieren, weil
jeder drängeln würde. Woran liegt das?
Immer mehr deutsche Bildungspolitiker bis hin zu Bundesbildungsminister Rüttgers treten
für eine "Amerikanisierung" des deutschen Hochschulsystems ein, und Begriffe
wie Credits, Bachelor und Master sind immer häufiger zu hören Einiges ist gut überlegt
und im Blick auf die Globalisierung notwendig. Dennoch möchte ich vor der Illusion warnen
man könnte Ballett tanzen, weil man Ballettschuhe trägt. Deutsche haben einfach eine
andere Mentalität als Amerikaner, und deswegen werden deutsche Universitäten nie genauso
funktionieren wie amerikanische, werden sich deutsche Professoren und deutsche Studenten
nie genauso verhalten wie amerikanische.
Ich glaube, den Schlüssel für die unterschiedlichen Mentalitäten gefunden zu haben. Die
wichtigste Voraussetzung für die Bereitschaft, Verantwortung für eine Gemeinschaft zu
übernehmen, ist in Deutschland auf ein gefährlich niedriges Niveau herabgesunken,
nämlich der Stolz. Verantwortung für eine Gemeinschaft wird dann gern übernommen, wenn
die Person auf die Gemeinschaft stolz ist. Es gibt wenige Deutsche, die stolz darauf sind,
deutsch zu sein. Es gibt auch nur wenige Professoren und noch weniger Studenten, die stolz
auf ihre Hochschule sind.
Es ist offensichtlich schwierig, ein stolzer Deutscher zu sein, ohne daß gleich gewisse
Assoziationen damit verbunden werden. Daß die Vergangenheit nicht vergessen werden darf,
gilt für alle Völker, und das Monopol auf Kollektivverbrechen haben die Deutschen
übrigens nicht. Das heißt aber nicht, daß man auf die Leistungen der Vergangenheit und
Gegenwart nicht stolz sein dürfte. Ich habe unlängst eine Bewerbung von einem Studenten
aus Mexiko erhalten. Im Begleitschreiben dazu heißt es: Ach habe immer davon geträumt,
in Deutschland zu studieren wegen seiner großen technischen und wissenschaftlichen
Beiträge für die Menschheit und wegen seiner ausgezeichneten Laboratorien und
Professoren." Als Außenstehender hat man Schwierigkeiten, warum bei dieser
wohlverdienten Beachtung aus dem Ausland so viel und so harte Selbstkritik geübt wird.
Aber auch wer gut ist, muß immer besser werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. Zur Zeit
zeichnen sich in den Vereinigten Staaten tiefgreifende Veränderungen in der
Ingenieurausbildung ab. Sie werden von den Betroffenen konzipiert, erprobt und nach
Bewährung - beibehalten. Die Lehrenden und Lernenden haben zumindest an den privaten
Universitäten die Freiheit, das zu tun, was sie für richtig halten. Ihre Hände sind
nämlich nicht durch juristische Maßregelungen gebunden.
Wir tragen die Verantwortung dafür, daß junge Menschen, die mit großen Hoffnungen zur
Universität kommen, ihr volles Potential verwirklichen können. Mein Appell an alle
Verantwortungsträger in den Parlamenten, Ministerien und zumal an den Hochschulen lautet
daher: Bauen Sie Bürokratie ab, wo es nur geht. Tauschen Sie Vorschriften gegen
Verantwortung aus. Übertragen Sie Verantwortung; haben Sie Vertrauen, daß es gut geht.
Schaffen Sie ein Klima, in dem gerne Verantwortung übernommen wird auch wenn es sich nur
um die Verteilung von Parkplätzen auf dem Campus handelt . Ich sage ein Wunder voraus und
appelliere an jeden einzelnen: Just do it."