Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4/97, Professor Jean Karen Gregory

Den Deutschen fehlt der Stolz

Warum die Hochschulen hierzulande nicht amerikanisiert werden können.

Über die Einheit: von Forschung und Lehre an den Universitäten wird zur Zeit wieder viel gesprochen Aber in Wirklichkeit interessiert die Forschung, kaum jemanden. Vielmehr geht es den meisten um den wirtschaftlichen Nutzen von Forschungsergebnissen. Viele Nichtwissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsgrößen haben seit Zunahme der Arbeitslosigkeit die Forschung entdeckt und wollen sie als Allheilmittel einsetzen. Wie es sich gehört bekommt das Kind einen neuen Namen: Innovation. Doch offenbar gibt es viel mehr Leute, die Innovation vermarkten und verwalten wollen, als Pioniere die Innovation erzeugen. Und alle stellen sich an, um die Innovationskuh zu melken.
Wenn die Tagungsankündigungen, Bücher, Fortbildungsseminare, Internet-Adressen, CD-ROMs und die bunten Broschüren, mit denen man von diesen Innovationsmaklern überschüttet wird, in ihrer Kernaussage zuträfen, dann würden innovative Ideen aus den Ärmeln hochqualifizierter Wissenschaftler geschüttelt und binnen Zeit in exportfähige Produkte umgesetzt. Diese Vorstellung ist aber eine Verklärung der Forschung. Wie wir experimentell, Forschende wissen, ist die Ermittlung neuer Erkenntnisse nicht nur, mühsam, sondern gelegentlich sogar langweilig. Der Erfinder der Glühbirne, Thomas Edison, sagte das so: "Genius is one percent inspiration and ninety-nine percent perspiration." Genie ist zu einem Prozent Inspiration und zu 99 Prozent Schweiß
Nun will aber jeder nur das "Innovative", also das eine-Prozent. Es gibt aber keine Kuh, die nur Sahne liefert, und es gibt keinen Wissenschaftler, der nur Innovation produziert. Es gibt auch keinen wirtschaftlichen Nutzen von Geistesblitzen, es sei denn, die Erfindungen würden durch Marktforschung, Qualifizierungsuntersuchungen, Änderung von Normen und so weiter, sprich: durch harte und nicht sonderlich, innovative Arbeit in marktfähige Produkte verwandelt. Die meisten Forschungsanträge und -arbeiten sind deshalb eher von Systematik als von Innovation gekennzeichnet. Einige meiner Kollegen bewundere ich mehr wegen ihrer Geduld.. als wegen ihrer Ergebnisse nach jahrelanger Bearbeitung ein und desselben Themas. Nur, wer fast jeden Tag im Labor; steht, kann überhaupt etwas Interessantes entdecken. Sie, kennen vielleicht den Spruch "Alle großen Entdeckungen werden durch Fehler gemacht. Je üppiger die Mittel, desto länger dauert es, den Fehler, zu machen.
Was bewegt einen Hochschullehrer zu forschen? Welche Motivation soll er haben? Ist es sein Ziel, eine möglichst hohe finanzielle Förderung zu bekommen, weil das eigene Gehalt oder die Verteilung von Sachmitteln daran gekoppelt sind, wird wer Mammutprojekte bevorzugen, die das eigene Überleben erleichtern? Mir selbst hat vor Jahren ein Professor geraten, bei vom Bundesministerium für Forschung und Technik geförderten Verbundprojekten bloß aufzupassen, daß sie nicht zu erfolgreich werden, weil sonst die Industriepartner absprängen, hätten sie dann doch erhalten, was sie wollten.
Bei der Förderung innovativer Ideen müssen wir flexibler werden. Innovative Ideen sind wie scheue und unberechenbare Tiere. Sie lassen sich nur schwer in ein umzäuntes Gehege pferchen und schlachten. Die Entwicklung von Hochtemperatursupraleitern, die später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, war von keinem so geplant. Innovative Ideeen sind auch keineswegs den "Experten" vorbehalten. Die Sofortbildkamera verdanken wir einem ungeduldigen Mädchen, das seinen Papa - Edwin Land - beim Fotografieren fragte, warum man denn auf das Bild so lange warten müsse. Gelegentlich kommen wirkliche Fortschritte von Autodidakten, die eine Universität nie von innen gesehen haben.
Wer die Seele eines Wissenschaftlers verstehen will, sollte sich den Film "Lorenzos Öl", ansehen. Es geht um einen Familienvater, dessen Sohn unter, einer: Krankheit leidet. Der Vater, ein wissenschaftlicher Laie, arbeitet sich so, intensiv in das Gebiet der Biochemie ein, daß ihm gelingt was Fachleute nicht geschafft schafft hatten: Er entdeckt einen Gegenstoff. Sein Beweggrund war, das Leben. seines Sohnes zu retten. Er hatte es schwer, die "Experten" von seiner Entwicklung zu überzeugen. Wäre ein solcher Erfolg in Deutschland möglich? Zeidenitz und Barkow bezweifeln das in ihrem Buch, "The Xenophobe's Guide to the Germans" (London 1993): "Es ist kaum denkbar (und wird nicht gewünscht), daß eine gute Idee zufällig auftaucht oder von irgend jemandem stammt, der nicht über einschlägige Qualifikation verfügt."Die: Deutschen würden eher auf eine kluge Erfindung verzichten als zuzulassen, daß Kreativität ein zufälliger und chaotischer.Prozeß ist."
Etwas ist wahr an dieser humorvollen Stichelei Von Universitätsprofessoren erwartet man, daß sie die Quelle von Innovationen seien, die kurzfristig zur Lösung von Problemen führen. Diese Vorstellung entbehrt jeder Logik.- Noch schlimmer wird es, wenn man die Besserung der wirtschaftlichen Lage von denjenigen erhofft, die am wenigsten etwas dafür tun können: den Studenten. So sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl: "Wir (in Deutschland) haben eine viel geringer entwickelte Firmengründungskultur (als die Amerikaner). Für einen sehr gut ausgebildeten Ingenieur, Physiker oder Chemiker ist es nach wie vor ein viel erstrebenswerteres Lebensziel, in einer der großen forschenden Firmen zu landen. Wir müssen offenbar in der Ausbildung mehr dafür tun, daß Naturwissenschaftler und Ingenieure hinterher wissen, wie sie selbst ein Unternehmen gründen können."
Bei allem Respekt vor Professor Markl: Davon darf man sich in, Deutschland nicht zuviel versprechen. Zwar wären Studenten clever genug, auch noch einen Schein im, Fach "Unternehmensgründung" zu machen neben all den anderen Fächern, die sie für den Abschluß brauchen. Aber das Problem liegt tiefer. Den jungen Deutschen wird von Kindesbeinen an beigebracht, wie sie sich in einer stark reglementierten Struktur (ich rede vom deutschen Alltag) zu benehmen haben und daß man ohne Geld kein wertvoller Mensch ist; selbst Schulkinder protzen mit Markenkleidung und Exklusivurlaub. Werden sie sich nach einem Studium dafür entscheiden etwa zehn Jahre auf eine sichere Existenz zu verzichten, um sich dann, falls es mit der neuen Firma überhaupt gutgeht, mit Gesetzen, Verordnungen, Gewerkschaften und den Ansprüchen der Mitarbeiter auseinanderzusetzen? Die Verantwortung für die Verregelung und die daraus entspringende Mentalität liegt nicht bei den Universitäten, sondern bei der Gesellschaft.
Die fünfziger Jahre habe ich nicht erlebt, habe aber von vielen Deutschen gehört, daß man nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vorstellung vom "American way of life" gehabt habe, den man mit deutscher Gründlichkeit nachahmen oder gar übertreffen wollte. Über die Beharrlichkeit der Deutschen, sich ein Phantasiebild von den Vereinigten Staaten zu malen, anstatt sich sachkundig zu machen, kann ich als Amerikanerin nur staunen. Wenn sich ihre Illusion dann als Zerrbild aus Vorurteilen herausstellt, sind die Deutschen enttäuscht. Wie oft habe ich von deutschen Professoren gehört, das amerikanische Bildungssystem ähnele einer Schule - Auch weil Professoren dort nach Leistungen in der Lehre folgenschwer beurteilt würden. Solche Aussagen wurden immer von teutonischem Naserümpfen begleitet. In letzter Zeit wird von deutschen Politikern und Journalisten der lehreifrige amerikanische Professor zum Mythos erhoben. Sogar die Studenten propagieren diese Legende: "In den Vereinigten Staaten geben die Studenten ihre Beurteilung über die Lehre ab, und danach werden die Professoren bezahlt und auch gefeuert" behauptet eine deutsche Jurastudentin in der "Deutschen Universitätszeitung".
Offensichtlich wissen- viele nicht, was das Wort "tenure" bedeutet: Anstellung. Schon wieder entsteht eine Pappkulisse aus deutschen Vorurteilen, und wieder wird die Enttäuschung groß sein, wenn die Deutschen, haben sie erst einmal das amerikanische Hochschulsystern kopiert und nach ihren Vorsteltungen perfektioniert, feststellen, daß die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Dies ist Unfug!
In einem kürzlich veröffentlichten Bericht des National Research Council der Vereinigten Staaten, der von Hochschulleitung, Professoren und Studenten gemeinsam ausgearbeitet wurde, stehen Empfehlungen für die Ausbildung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, die deutsche Leser gerade deshalb überraschen werden, weil sie ihnen aus der hiesigen Diskussion so bekannt vorkommen müssen: "Die Einrichtungen müssen eine neue Balance herstellen zwischen Lehre und Forschung, so daß die Lehre belebt wird von Entdeckungen der Forschung ,und die Forschung (aus den Lehraufgaben) breiter definiert wird; dabei sollte die Professorenschaft für pädagogische Leistungen ebenso belohnt werden wie für alle anderen Arten, akademischen Engagements.
Maßgebend für diese Forderung ist folgende Grundaussage des National Research Council über die Verfassung der amerikanischen Universitäten-. Erhebliche Unsicherheit besteht in der Kernfrage, inwieweit der institutionelle Wert von den verschiedenen Arten der professionellen Arbeit abhängt. In dieser Unsicherheit neigen die Professoren dazu, sich auf diejenige Aktivität zu konzentrieren, für die es relativ klare Gegenstände und Belohnungen gibt: Forschung, die sich in (von Professoren begutachteten) Veröffentlichungen niederschlägt. Doch sind die Defizite, die sich aus der einseitigen Aufmerksamkeit für die Forschung ohne Lehre ergeben, evident: Ausverkauf der Zeit für die Lehre zugunsten von Forschung; das quälende Gefühl, daß auf die Vorbereitung einer Vorlesung verwendete Zeit nur Zeit ist, die der Forschung verlorengeht; Ermahnungen von Älteren, das Lehren zu vergessen, bis man eine Anstellung (tenure) gefunden hat", und so weiter. Es gibt noch mehr, was diejenigen überraschen wird, die das amerikanische Hochschulwesen nur aus deutschen Zeitungsberichten kennen. Wie oft habe ich sogar von deutschen Professoren zu hören bekommen, ich sei kein typischer Amerikaner, was das auch immer sein mag. Manchmal paßt die Realität eben nicht zu Stereotypen. Um so wichtiger wäre es, daß die Deutschen ihre Stereotypen über Bord werfen. Wer das tut, wird erkennen, daß die Probleme der Hochschulen und die Lösungsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten und in Deutschland trotz aller Unterschiede gar nicht so weit auseinanderliegen. Eine "Amerikanisierung" der deutschen Hochschulen ist also keine Garantie für eine Lösung. Es sei denn, die Deutschen wären wirklich die besseren Amerikaner.
Politiker pflegen die Vorstellung eine bessere Lehre könne angeordnet werden, weil solche Parolen in der Öffentlichkeit gut ankommen und zeigen, wie kräftig man eingegriffen hat. Wie realitätsfern solche Vorschläge sind, zeigt ein Beispiel aus meiner Erfahrung. Im vergangenen Semester habe ich an der Technischen Universität München eine Lehrveranstaltungen über Werkstofftechnik gehalten - mit viel Engagement und gelegentlich sogar mit Begeisterung. Wie es sich für einen Universitätslehrer gehören sollte, hatte ich den Stoff nicht aus einem Lehrbuch entnommen, das (wie an der Schule) kapitelweise abgehandelt worden wäre, sondern relativ neue Forschungsergebnisse berücksichtigt, die noch in keinem Lehrbuch stehen. Wie in Lehrveranstaltungen für Ingenieurstudenten üblich, gab es ellenlange Formeln und viele Diagramme.
In der drittletzten Doppelstunde erschien plötzlich ein neues Gesicht unter den Studenten, ein junger Mann, der schlichtweg drei Monate hatte verstreichen lassen, bevor er sich zum Hörsaal bequemte. Am Ende der Doppelstunde teilte er mir sein Entsetzen über seine Lage mit: Er hatte sich bereits für die Prüfung angemeldet, ohne mitbekommen zu haben, daß ich und nicht mein Vorgänger die Vorlesung hielt und daß sich die Lehrinhalte geändert hatten. Daher hatte er sich schnell ein Skript besorgen und für die Prüfung lernen wollen; aber ich hatte kein Skript herausgegeben, und nun wußte er nicht, wie er die Prüfung meistern sollte: Wie ich ihm zu helfen gedenke, wollte er wissen.
Solche Fälle mögen die Ausnahme sein. Aber sie zeigen, wie hohl Beteuerungen klingen, Studenten könnten die Lehre evaluieren, und wie gefährlich es wäre, davon irgend etwas abhängig zu machen. Nebenbei bemerkt, habe ich nicht feststellen können, daß die Lehre an deutschen Universitäten besser oder schlechter wäre als an amerikanischen - auch nicht an den (im deutschen Sprachgebrauch so genannten) "Elite-Universitäten". Die Lösung des Problems liegt in der Verlagerung der Verantwortung für das Studium (dorthin, wo sie hingehört: in die Hände der Studenten. In Maßen wünschen sich Studenten Freiheit und Verantwortung für ihr Studium. Aber wie die Professoren werden sie durch juristische Regelwerke daran gehindert. Verantwortung für das Studium trägt im Moment niemand.
"Nichts ist unsozialer als der Wohlfahrtsstaat, der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung sinken läßt." Dieser 1962 von Ludwig Erhard geäußerte Gedanke läßt sich auf die Universitäten übertragen. Es ist offenkundig, daß die meisten Ingenieurstudenten ihr Studium so schnell wie möglich abschließen und Geld verdienen wollen. Unter ihnen gibt es genug, die nicht durch akademische Leistung reüssieren, sondern sich durch juristische Schlupflöchcr bis zum Diplom durchmogeln und das auch noch mit guten Noten. Es ist an deutschen Hochschulen nicht unüblich, daß sich ein Student für eine Prüfung nur anmeldet, damit er die Fragen abschreiben kann (er gibt ein leeres Blatt ab), um sich damit auf das nächste Mal vorzubereiten. Wenn er in der Prüfung merkt, daß er bestenfalls auf eine Vier kommt, gibt er wieder ein leeres Blatt ab, damit er durchfällt. Denn "Fachprüfungen, die nicht bestanden wurden, können einmal wiederholt werden. Die Wiederholung einer bestandenen Prüfung ist nicht zulässig Es wäre also töricht, eine Prüfung mit einer schlechten Note zu bestehen.
Wir tragen Verantwortung dafür, Lernstätten zu schaffen, in denen individuelle und kollektive Leistungen belohnt werden. Man kann das Doppelkunststück fertigbringen, daß die Studenten besser lernen und daß die Universitätsprofessoren gleichzeitig von ihrem hohen Lehrdeputat entlastet werden. Auch das wird den deutschen Leser überraschen: Der amerikanische Universitätsprofessor ist bei weitem nicht so stark mit Lehre belastet wie sein deutscher Kollege. Wie erreichen die Amerikaner die Quadratur des Kreises? Indem sie die Verantwortung für das Studium stärker auf die Studenten übertragen, und die wissen das.
Professor Krätzig macht in der Zeitschrift "Forschung und Lehre" des Deutschen Hochschulverbands (1/97) durch einen Vergleich darauf aufmerksam: "Deutsche ingenieurwisenschaftliche Studiengänge sind auf eine fünfjährige Studienzeit hin ausgelegt. Sie weisen insgesamt 180 bis 200 Semesterwochenstunden auf, das heißt komfortable 20 bis 22 Hörsaal- und Laborstunden pro Woche. Diese Studienumfänge sind in allen führenden Industrienationen sehr ähnlich. In den USA und einigen europäischen Nachbaarstaaten, in welchen das Self-teaching tradiert ist, sind sie bis auf 75 Prozent reduziert."
Self-teaching: sich etwas selbst beibringen. Das muß man so oder so. Doch heute, wo wir in den Strukturen, aber nicht im Geiste Humboldts lehren und lernen, wird das System ad absurdum geführt. Während des Semesters tut der Student sein Bestes (oder auch nicht); kurz vor der Prüfung eignet er sich den Stoff an: Für das Kurzzeitgedächtnis eine Strapaze, die einen langfristigen Lerneffekt kaum ermöglicht. Die Lösung dafür ist (auch wenn einige "Verschulung" schreien): scharfe Auslese, entweder durch Eignungsprüfungen oder durch häufigere Leistungskontrollen.
Die Auslese wird an deutschen Hochschulen durch hohe Abbrecherquoten "erledigt". Das halte ich für eine Quelle der Ineffizienz. In der Euphorie der vermeintlichen sozialen Öffnung hat man hierzulande mit den Hochschulen (dem tertiären System) denselben Fehler gemacht wie in Amerika mit den primären und sekundären Bildungssystemen: Mit dem Argument, daß die Chancen des Individuums unabhängig vom sozialen Status sein sollen, wird die Differenzierung der unterschiedlichen Fähigkeiten und Leistungen tabuisiert. Die Folge dieser sozialen Lüge sind die Verschwendung von Ressourcen für Möchtegernstudenten, die irgendwann aufgeben, und Frust ,bei den seriösen Studenten und Professoren.
"Müllklausuren" von, Studenten, die auf gut Glück erscheinen, ohne ein einziges Mal in einer Vorlesung gewesen zu sein, und die damit das Humboldtsche Ideal zur Farce machen, kann man nach dem Vorbild der besseren amerikanischen Universitäten verhindern: Eine nicht bestandene Prüfung gilt als nicht bestanden und erscheint auch auf dem Zeugnis. Wird die Wiederholungsprüfung, die innerhalb von wenigen Wochen stattfindet, bestanden, wird auch dies auf dein Zeugnis bescheinigt. Ich vermute in dieser Praxis einen Grund für die durchschnittlich kürzeren Studienzeiten in den Staaten: Man muß jedes Semester eine Mindestzahl von Credits erwerben, um immatrikuliert zu bleiben. Die in Deutschland erfolgreiche "Lotto-Methode" ist in Amerika mit einem hohen Risiko verbunden (Dies soll aber kein Einwand gegen den "Freischuß" sein.)
Freiheit ist mit der Übernahme von Verantwortung verbunden. Deshalb tun sich Deutsche mit der Freiheit so schwer; sie flüchten gern aus der Verantwortung in ein fast flächendeckendes Dickicht an Vorschriften. Wer etwas Positives bewirken will oder einfach einen Verbesserungsvorschlag macht, hat es in diesem Lande nicht leicht. In Deutschland herrscht nicht der gesunde Menschenverstand und erst recht nicht Innovationsgeist, sondern der Vorschriften-Fetischismus. Sie, liebe Deutsche, haben es geschafft, Verantwortung durch Bürokratie zu ersetzen. Um es mit Lord Dahrendorf zu sagen: "Die deutsche Gesellschaft ist von ihrer Struktur her eine Anti-Führungsgesellschaft geworden. Es steckt ziemlich tief in vielen deutschen Institutionen drin, daß man die persönliche Verantwortung abwälzt und immer einen Grund hat, warum man nicht persönlich und individuell verantwortlich ist." Freiheit hat auch etwas mit Mut zu tun. Er kann nicht durch Regeln ersetzt werden.
Liegt es am Mangel an Mut, daß das deutsche Hochschulsystem jetzt durch noch mehr Regeln verbessert- werden soll? Der deutsche Professor bekommt Vorgesetzte, den Dekan und den Rektor. Die Begründungen dafür enthalten einen gravierenden Denkfehler. Es wird unterstellt, daß die Universitäten in Amerika unter dem Zwang der Effizienz stünden, weil die Studenten dort ihre Professoren bezahlen. Ist es also der schnöde Mammon, der die Überlegenheit der amerikanischen Hochschulen garantiert, und soll Geld die deutschen Hochschulen retten?
Falls jemand meint, amerikanische Professoren verhielten sich anders gegenüber ihren Studenten als deren deutsche Kollegen, und das liege an den Studiengebühren, möge er mir etwas erklären: Fast jeder deutsche Urlauber in den Staaten kennt die Straßenkreuzungen mit vier Stoppschildern, wo jeder der Reihe nach durchfährt. Von Deutschen höre ich immer wieder, eine solche Verkehrsführung würde in Deutschland nie funktionieren, weil jeder drängeln würde. Woran liegt das?
Immer mehr deutsche Bildungspolitiker bis hin zu Bundesbildungsminister Rüttgers treten für eine "Amerikanisierung" des deutschen Hochschulsystems ein, und Begriffe wie Credits, Bachelor und Master sind immer häufiger zu hören Einiges ist gut überlegt und im Blick auf die Globalisierung notwendig. Dennoch möchte ich vor der Illusion warnen man könnte Ballett tanzen, weil man Ballettschuhe trägt. Deutsche haben einfach eine andere Mentalität als Amerikaner, und deswegen werden deutsche Universitäten nie genauso funktionieren wie amerikanische, werden sich deutsche Professoren und deutsche Studenten nie genauso verhalten wie amerikanische.
Ich glaube, den Schlüssel für die unterschiedlichen Mentalitäten gefunden zu haben. Die wichtigste Voraussetzung für die Bereitschaft, Verantwortung für eine Gemeinschaft zu übernehmen, ist in Deutschland auf ein gefährlich niedriges Niveau herabgesunken, nämlich der Stolz. Verantwortung für eine Gemeinschaft wird dann gern übernommen, wenn die Person auf die Gemeinschaft stolz ist. Es gibt wenige Deutsche, die stolz darauf sind, deutsch zu sein. Es gibt auch nur wenige Professoren und noch weniger Studenten, die stolz auf ihre Hochschule sind.
Es ist offensichtlich schwierig, ein stolzer Deutscher zu sein, ohne daß gleich gewisse Assoziationen damit verbunden werden. Daß die Vergangenheit nicht vergessen werden darf, gilt für alle Völker, und das Monopol auf Kollektivverbrechen haben die Deutschen übrigens nicht. Das heißt aber nicht, daß man auf die Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart nicht stolz sein dürfte. Ich habe unlängst eine Bewerbung von einem Studenten aus Mexiko erhalten. Im Begleitschreiben dazu heißt es: Ach habe immer davon geträumt, in Deutschland zu studieren wegen seiner großen technischen und wissenschaftlichen Beiträge für die Menschheit und wegen seiner ausgezeichneten Laboratorien und Professoren." Als Außenstehender hat man Schwierigkeiten, warum bei dieser wohlverdienten Beachtung aus dem Ausland so viel und so harte Selbstkritik geübt wird.
Aber auch wer gut ist, muß immer besser werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. Zur Zeit zeichnen sich in den Vereinigten Staaten tiefgreifende Veränderungen in der Ingenieurausbildung ab. Sie werden von den Betroffenen konzipiert, erprobt und nach Bewährung - beibehalten. Die Lehrenden und Lernenden haben zumindest an den privaten Universitäten die Freiheit, das zu tun, was sie für richtig halten. Ihre Hände sind nämlich nicht durch juristische Maßregelungen gebunden.
Wir tragen die Verantwortung dafür, daß junge Menschen, die mit großen Hoffnungen zur Universität kommen, ihr volles Potential verwirklichen können. Mein Appell an alle Verantwortungsträger in den Parlamenten, Ministerien und zumal an den Hochschulen lautet daher: Bauen Sie Bürokratie ab, wo es nur geht. Tauschen Sie Vorschriften gegen Verantwortung aus. Übertragen Sie Verantwortung; haben Sie Vertrauen, daß es gut geht. Schaffen Sie ein Klima, in dem gerne Verantwortung übernommen wird auch wenn es sich nur um die Verteilung von Parkplätzen auf dem Campus handelt . Ich sage ein Wunder voraus und appelliere an jeden einzelnen: Just do it."


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