Die Woche, 13/98, Irene Meichsner, Seite 25
Forscher warnen: Radioaktive Strahlung könnte auch unterhalb der Grenzwerte bösartige Erkrankungen auslösen
Radioaktive Strahlung in niedriger Dosis beugt Krebserkrankungen vor. Das zumindest glaubt John Graham, ehemaliger Präsident der Amerikanischen Nukleargesellschaft. Bernard Cohen, emeritierter Mediziner der Universität Pittsburgh, vergleicht Niedrigstrahlung gar mit einer Impfung aus abgeschwächten Krankheitserregern, die die Abwehrkräfte stärkt. Unterhalb eines Schwellenwertes mache etwa radioaktives Radon, das regional unterschiedlich stark aus dem Erdboden austritt, die Menschen gesünder als anderswo. Ein spezielles Belüftungssystem für sein hoch belastetes Haus hat der Forscher darauf hin abgestellt.
Wahrscheinlich voreilig. Nicht nur dass die neue Studie des Atomlobbyisten umstritten ist: Die jahrelange Debatte um radioaktive Niedrigstrahlung, der Menschen auch beim Fliegen, durch Rontgenuntersuchungen oder in der Nahe eines Castor-Behälters ausgesetzt sind, hat eine jähe Wende genommen. Bisher sind die meisten Wissenschaftler der Auffassung, dass unterhalb der offiziellen Grenzwerte kein genauer definierbares Gesundheitsrisiko besteht. Erst größere Mengen Radioaktivität konnten die Zellen- und insbesondere die darin enthaltenen Chromosomen als Träger der Erbsubstanz - schädigen und Krebs auslösen.
Tatsächlich lassen die jüngsten Erkenntnisse der Molekularbiologie die Wirkung von kleinen Mengen Radioaktivität auf lebende Organismen in einem neuen Licht erscheinen. Das Stichwort heißt "genomische Instabilität" - und war unlängst wichtiges Thema auf dem internationalen Kongress zur n Wirkung niedriger Strahlendosen" an der Universität Münster.
Demnach wurden sich durch Niedrigstrahlung ausgeloste Defekte im Erbgut nicht sofort bemerkbar machen, sondern erst nach mehreren Zellteilungen. Sie waren sogar von einer Generation auf die nächste übertragbar. Für Eric Wright, den leitenden Strahlenmediziner des britischen Medizinischen Forschungsrates MRC, eine "Furcht erregende Vorstellung". Er halt es inzwischen für möglich, dass schwache radioaktive Strahlung den menschlichen Genpool regelrecht "verschmutzen" kann.
Vor sieben Jahren hatte das Team um Wright zum ersten Mal unreife Stammzellen aus dem Knochenmark von Mausen mit Alpha-Teilchen bestrahlt, wie sie etwa von Plutonium, aber auch von Radongas freigesetzt werden. Die meisten Zellen starben ab, den anderen war keine Schädigung anzusehen. Doch Wright züchtete sie weiter und beobachtete sie bei ihren folgenden Zellteilungen.
Das Ergebnis widersprach jeder herkömmlichen Strahlenbiologie. Erst bei den Tochterzellen kam es zu sichtbaren Folgeschäden. Nach 10 bis 13 Teilungen wiesen sie dreieinhalbmal so viele Chromosomendefekte auf wie Abkömmlinge aus unbestrahlten Zellen. Auf ein ähnliches Phänomen an bestrahlten Mäuseeiern stieß der Strahlenbiologe Christian Streffer aus Essen schon 1989 in einer erst jetzt beachteten Studie. In Hautzellen der anscheinend gesunden Föten waren Chromosomenschäden häufiger als bei Föten aus nicht bestrahlten Mäuseeiern.
Eric Wright wiederholte sein Experiment mit menschlichen Stammzellen. Wieder waren nach 10 bis 15 Zellteilungszyklen bis zu 25 Prozent der Abkömmlinge mit missgestalteten und gebrochenen Chromosomen durchsetzt. Vergleichbare Effekte stellten inzwischen mindestens sechs weitere Arbeitsgruppen fest, darunter Forscher des renommierten Karolinska-Instituts in Stockholm. Fazit: Die hohe Mutationsrate in "genomisch instabil" gewordenen Zellen könnte Krebs auslösen. Und - besonders brisantes kann dazu schon bei Strahlungsdosen unterhalb der gültigen Grenzwerte kommen.
Die MRC-Forscher verlangen eine Überprüfung bestehender Strahlen Grenzwerte. Die britische Strahlenschutzkommission hat dies abgelehnt. Doch hinter den Kulissen gärt es. Bei der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für Strahlenforschung Ende April wird die genomische Instabilität ein Hauptthema sein. Möglicherweise geht es nicht nur um die Gefahr von strahlenbedingtem Krebs. Das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" zitierte einen vertraulichen Bericht an die Weltgesundheitsorganisation WHO, der nahe legt, dass auch Hirnkrankheiten wie Morbus Alzheimer oder Parkinson durch genomische Instabilität bedingt sein könnten.
Herwig Paretzky, Leiter des Instituts für Strahlenschutz beim GSFForschungszentrum fiir Umwelt und Gesundheit in Neuherberg, wiegelt " ab. "Genomnische Instabilität sei "sicherlich vorhanden", sagt er. Sie werde auch in der Strahlenschutz-Forschung "heiß diskutiert". Dennoch lässt ihn das Thema "als Strahlenschützer ziemlich kalt": Er kann sich nicht vorstellen, dass ein Risiko durch radioaktive Niedrigstrahlung unterhalb der gültigen Grenzwerte den iahrzehntelangen epidemiologischen Beobachtungen entgangen wäre.
Dem widersprechen andere Experten energisch:
Auf dem Kongress in Münster berichtete der amerikanische Epidemiologe Steve Wimg von der Universität von North Carolina erstmals öffentlich über eine Studie im Auftrag der US-Regierung zu multiplen Knochenmarktumoren bei 115 000 Mitarbeitern in vier Atomanlagen. Er fand ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko für Männer über 45 Jahren.
Der israelische Epidemiologe J. R. Goldsmith stieß bei Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter etwa 1200 Menschen aus den von Tschernobyl verseuchten Regionen, noch nach Jahren auf Chromosomenschäden in den Blutzellen von Kindern und von Aufräumarbeitern am Reaktor sowie auf erhöhten Blutdruck bei Älteren - mit eindeutigem Bezug zur Intensität der Strahlenexposition.
Der französische Mediziner und Epidemiologe Jean-François Viel hält es inzwischen für erwiesen, dass im Umkreis der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ein erhöhtes Leukämierisiko für Menschen unter 25 Jahren besteht. Die "genomische Instabilität" erscheint ihm dafür eine "sehr viel versprechende" Erklärung.
Über die Frage, wie dieser Langzeiteffekt zu Stande kommt und in welcher Form radioaktive Strahlung daran beteiligt sein könnte, wird noch gestritten. Wright fand abnorme Mengen so genannter "freier Radikale" in Zellen, die aus ursprünglich bestrahlten Zellen entstanden waren. Bekannt ist, dass diese hoch reaktiven Stoffe Erbschäden hervorrufen können.
Dagegen vermutet Keith Baverstock, ein hochrangiger WHO-Radiologe, dass die Strahlen das Gen für eines jener Enzyme beschädigen, die für die ständige Reparatur defekter Teile der Erbsubstanz verantwortlich sind. Möglicherweise würden dadurch Fehler in den Genen nicht mehr richtig repariert. Derartige Reparaturfehler könnten sich durch Generationen anhäufen, bis - so Baverstock - "das Ganze einfach zusammenbricht".
Jetzt stehen die Forscher vor der Frage, ob die beobachteten Mutationen tatsächlich zu Krebs oder zu anderen bösartigen Erkrankungen führen können. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einer Bestrahlung und einer Erkrankung über viele Zellgenerationen ist jedoch sehr schwer nachzuweisen.
Zumindest bestätigen die Forschungsergebnisse zur "genomischen Instabilität" die Theorie, dass es eine genetische Grundlage beim Menschen für die unterschiedliche Sensibilität für Radioaktivität geben könnte. Krebsforscher hoffen schon lange auf einen Test, mit dem man empfindliche und weniger empfindliche Menschen unterscheiden kann.
Den Medizinern Baverstock und Wright reichen die vorliegenden Befunde aus, um daraus persönliche Konsequenzen zu ziehen. Der eine verweigerte Röntgenaufnahmen beim Zahnarzt; der andere isst keinen Fisch mehr aus der Irischen See, in die radioaktive Abfälle aus der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield eingeleitet werden.